Nicht alles glauben, was ihr so denkt, ihr Lieben!

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Sophia
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Nicht alles glauben, was ihr so denkt, ihr Lieben!

Beitrag von Sophia »

Hallo an alle,

ich war nun fast ein Jahr nicht mehr online. HIer mal eine momentaufnahme vom September letzten Jahres:

"Vor 2 Tagen hatte ich den absoluten Zusammenbruch. Mein Mann musste nachts um vier Uhr mit mir zusammen zu meinen Eltern fahren, da ich nicht alleine mit meinem Baby sein wollte. Ich bestand quasi nur noch aus Panik und Angst. Obwohl ich ein bedarfsmedikament da gehabt hätte, habe ich es nicht genommen, um weiter stillen zu können. Nun stecke ich knietief in einer Depression, zusätzlich mit Angst und Panik. Die kleinsten Aufgaben sind mir zuviel, ich finde aber auch ohne Antidepressiva keinen Schlaf, ich habe eine ganz schlimme innere Unruhe und überhaupt nicht essen. Ich bin gar nicht ich selbst.

Ich hatte 2018 schon ein ähnliches tief, mit 6 Wochen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Das hat mir sehr gut getan, ich hatte keine Panikattacken danach mehr und auch depressive Symptome sind langsam verschwunden. Ich habe dort Kraft tanken können um mein Leben zu verändern.

Nun fühle ich mich genau wie zu meinen schlimmen Zeiten 2018. Zusätzlich bin ich aber auch noch für mein kleines Baby verantwortlich, dieser Gedanke erschreckt mich zu Tode, lässt mich nachts nicht schlafen, und der Druck den ich mir mache das wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass es mir so schrecklich schlecht geht.

Ich liebe mein Kind über alles. Ich konnte mich so erfreuen an ihr, es zerbricht mir das Herz, dass ich mich jetzt so taub Gefühle und fast nichts mehr spüre, wenn sie da liegt und mit ihrem kleinen dicken Beinchen strampelt. Ich versuche wie zuvor mit ihr umzugehen, aber ich habe so Angst, dass sie meine emotionale Taubheit merkt.

Bei meinen letzten Depressionen habe ich viel über mich gelernt und habe mein Leben neu ausgerichtet. Daraufhin war ich zwei Jahre im großen und ganzen sehr glücklich. Ich und meine Kleine haben wirklich schreckliche Wochen hinter uns. Sowohl sie als auch ich mussten stationär ins Krankenhaus, ich hatte vier Mal Herpes in den ersten neun Wochen, konnte nur mit Mundschutz stillen und hatte schreckliche Angst sie anzustecken. Mein Mann hat erst im Dezember Elternzeit und hat entgegen das Versprechen seines Arbeitgebers die ersten beiden Wochen nicht Überstunden abbauen dürfen. Mit meiner Hebamme habe ich mich überhaupt nicht verstanden. Meine Mutter hat mir viel geholfen: wir haben eigentlich kein gutes Verhältnis, haben uns aber in meiner Zeit vor dem depressiven Einbruch sehr angenähert. Trotzdem ist es schwierig für mich. Meine Mutter möchte dass ich funktioniere und ich weiß nicht ob ich das momentan schaffen kann."

Nun ist ein Jahr vorüber und diesen Text zu lesen, fühlt sich fast irreal an. Einerseits hab ich irgendwie das Gefühl, er wird der puren Verzweiflung, der nackten Panik und der HOffnungslosigkeit die ich damals ständig empfunden habe, nicht im Ansatz gerecht, andererseits hat dieser Bericht so überhaupt nichts mit meinem Leben heute zu tun.

Mir ging es wirklich sehr, sehr, sehr schlecht damals. Die Geburt meiner Tochter hielt ich für den größten Fehler meines Lebens, ich bin fast vor schlechtem Gewissen gestorben, dass ich diesem wunderbarem Wesen so einen Abschaum wie mich zumute und eigentlich war für mich nicht die Frage OB ich von der Brücke spring, sondern eher WANN ich von der Brücke spring, weil ichs nicht mehr aushalten werde. (Es gab nie konkrete Pläne, aber ich dachte immer so, wenn das noch ein Jahr so geht, das halt ich safe nicht aus.)

Nun zu meinem Gesundungsprozess: Ich war zum Glück psychotherapeutisch und psychiatrisch schon sehr gut angebunden. Meine Psychologin hat mir erstmal Forumverbot gegeben (was für mich in der Akutzeit gefühlt lebensrettend war, um auf andere Gedanken zu kommen, aber das ist natürlich für jeden FAll anders.) Wir haben dann teilweise täglich Videotelefonie gemacht, um mich irgendwie in der Spur zu halten. Mein Mann hatte zum Glück ganz viel Home-Office. Amitriptylin und Sertralin habe ich auch ziemlich schnell ziemlich viel genommen, teilweise auch Tavor (trotz Stillen, musste halt sein.) Ich hatte eine Haushaltshilfe und habe mich (ebenfalls gefühlt lebensrettend) zweimal die Woche zur Krabbelgruppe und zum Baby-Mama Sport geschleppt und so viel wie möglich versucht, soziale Kontakte zu pflegen bzw. wieder aufzunehmen (Dreckscorona.) Die frühen Hilfen habe ich auch im Boot gehabt, meine Sozialpädagogin war super. Die Zeit war die absolute Hölle, aber das zweitägliche aus dem Haus kommen, die Gespräche mit meiner Psychologin und die Haushaltshilfe haben mich irgendwie auf den Beinen gehalten. Mein ganz großes Ziel war, nicht in die Akutpsychiatrie zu müssen, da meine Tochter nicht abgestillt war, sehr klein und ich wusste, wenn ich sie einmal alleine lasse, dauert das ewig, bis ich mir selbst das verzeihen kann.

Es war ziemlich schnell klar, dass ein Klinikaufenthalt unumgänglich wird. Ich bin sowohl in Heidelberg als auch in Wiesloch zur Vorstellung gewesen. Leider hatte ich aufgrund Corona/ langer WArtelisten das Pech, tatsächlich zehn Wochen auf einen Platz warten zu müssen... mit die schlimmsten zehn Wochen meines Lebens. Ich weiss bis heute nicht, wie ich diese Zeit durchgestanden habe. Dann bekam ich endlich einen Klinikplatz, zum Glück in meiner Wunschklinik in Heidelberg. Auch die erste Zeit dort war sehr hart: Mein Mann als Entlastung fiel natürlich weg, und ich war relativ am Anfang für zehn Tage die einzige Mama dort und kam mir extrem isoliert vor. Ich habe viel gegrübelt, geweint und gelitten, aber ich wusste immerhin: Wenn ich komplett zusammenbreche ist die Pflege da und kann mir das Kind für zumindest ein, zwei Stunden abnehmen. Nachdem ich mich erst so gar nicht wohl gefühlt habe in der Klinik, kamen zwei neue Mamas und zwei weitere jüngere Patientinnen mit denen ich mich gut verstanden habe. Das hat mir so, so gutgetan. Ich bin insgesamt drei Monate geblieben und gerade in den letzten vier Wochen, hatte ich teilweise über mehrere Tage das Gefühl, mich abends wieder meinem Selbst anzunähern. Ausserdem haben ich und die Mädels dann die Corona Regeln etwas gebeugt, und trotz Verbot zusammen Abend gegessen (ups :D), und der Austausch hat so UNFASSBAR gut getan. Ich weiß noch, wie ich an paar Abenden wieder so richtig albern rumlachen konnte und mein Glück gar nicht fassen konnte.

Mein Mann und ich haben SEHR kämpfen müssen. Ein großer Teil meiner Depression war, dass ich komplett das Vertrauen in ihn verloren hatte, weil er mich im Wochenbett gefühlt null unterstützt hat (gibt er inzwischen auch selbst zu.) Wir standen mehrmals kurz vor der Trennung, aber meine wunderbare Psychotherapeutin zu Hause, das tolle Team in der Klinik und meine fantastische behandelnde Therapeutin in der Klink haben es irgendwie geschafft zwischen uns zu vermitteln, ohne mir je das GEfühl zu geben, übre meinen Kopf hinweg zu entscheiden. Ich bin so dankbar dafür.

Bereits in der Klinik haben mein Mann und ich beschlossen, eine Paartherapie zu beginnen. Diese haben wir direkt im Anschluss an meinen Aufenthalt angefangen und vor ca. zwei Wochen beendet. Auch nach der Klinik gab es noch viel Streit und einige Trennungsgedanken, aber inzwischen sind wir wieder auf nem superguten Weg, die Beziehung ist gereift, das Vertrauen wieder da und vor allem auch die Unbeschwertheit.

Auch ein Riesenschritt auf dem Weg zur Gesundung war für mich, alles zu verschieben - den geplanten Arbeitseintritt nach hinten, die Krippe nach vorne. Mein Mann musste dafür einen Kredit aufnehmen, mit dem wir das finanzieren. Ich ibn mir aber ziemlich sicher, ansonsten hätte unsere Beziehung das nicht ausgehalten, von dem her halte ich diese doch etwas gewagte finanzielle Entscheidung inzwischen für Gold wert. Meine kleine Maus ist inzwishcen eins und geht seit vier Wochen in die Krippe, inzwischen vier Stunden am Tag. Ich werde nicht vor Dezember anfangen wieder zu arbeiten und dann erstmal nur als Nebenjob. Nun geniesse ich diese vier STunden für mich mit allen Sinnen, stürze mich in handwerkliche Hobbies und meine Gärtnerleidenschaft, versuche so wenig wie möglich auf Social Media zu sein und geniesse einfach den Sommer.

Ich habe noch von der Klinik aus den Kontakt zu meiner Herkunftsfamilie abgebrochen (zumindest für ein halbes Jahr). Das war mit furchtbar viel Angst und Schuld versehen, war aber im Nachhinein die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe und hat mich als Person so viel stärker gemacht. Ich habe gehandelt nach dem Motto: "Das wichtigste ist meine Gesundheit, meine Tochter braucht MICH und sie braucht mich in GESUND." Alle Menschen, die mir nicht gut tun, können weg, ungeachtet der Konsequenzen. Meine Familie war komplett vor den Kopf gestoßen, stinkwütend, empört... im Nachhinein ganz gut, wir haben vor einem Monat ausgemacht, dass wir eine systemische Beratung/Mediation machen, und ich habe diese Kontaktfreiheit so genossen. Ohne meine Tochter und die Depression hätte ich den Mut nie aufgebracht, mich von deren Erwartungen abzunabeln.

Meine Tochter und ich haben eine so tolle Bindung. Sie ist aufgrund von Klinik und allen anderen Hilfen zu Hause glaube ich recht unbeschadet durch die schlimme Zeit gekommen. Sie ist so ein fröhliches, ausgeglichenes, kluges, lustiges und herzallerliebstes Kind. Ich weiß nun für mich, dass ich absolut keine Babymama bin, aber die kleinen Racker werden ja auch älter und nicht jünger. Ich liebe sie mit jedem TAg mehr. Momentan lassen wir das neun Euro Ticket glühen, treffen uns ganz viel mit anderen Mamas im Ort, spielen viel mit dem Papa und mein Herz jubiliert, dass wir das zusammen durchgestanden haben und sie immer noch so quietschvergnügt rumkrähen kann.

Ein absoluter Gamechanger war für mich auch, auf den Haushalt zu scheissen. Echt jetzt. Gibt wichtigeres. Wenn ihr in Rente seid, dann könnt ihr Tag und Nacht putzen. Das ist überholter Quatsch, mit Kind nebenher den Haushalt zu schmeissen. seht's als feministischen Akt. die Kinder brauchen Liebe statt Hygiene :D war ein weiter Weg für mich, das zu akzeptieren, aber wenn ich inzwischen nach dem zur Krippe bringen nach Hause komme und ne wohlverdiente Pause vor dem Fernseher mache, anstatt mich um das Geschirr auf dem Frühstückstisch zu kümmern, dann werte ich das als Fortschritt. Macht zusammen Mittagsschlaf, wenig war besser für meine Gesundung und unsere Bindung!

Man kann rauskommen aus der Depression. Alle Hilfe, dies gibt suchen und annehmen und einfach nur Tag für Tag irgendwie rumbringen. Ich hätte nie gedacht, dass auf meine achtmonatige Eiszeit nochmal so ne gute Zeit folgen könnte, aber siehe da, es geht. Durchhalten - bessere Zeiten kommen, egal was euer Kopf euch gerade in Dauerschleife erzählt!
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