Was mir (neben meinem Medi) geholfen hat

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Jana
Beiträge: 79
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Was mir (neben meinem Medi) geholfen hat

Beitrag von Jana »

Hallo ihr Lieben,
ich hatte mir schon sehr lange vorgenommen hier mal aufzulisten, was mir (neben all der tollen Ermutigung der Frauen hier in diesem Forum !!!!) in der schweren Zeit geholfen hat. Leider habe ich mein Passwort nicht mehr wiedergefunden und konnte mich lange nicht einloggen. Jetzt habe ich mich nochmal in Ruhe hingesetzt und alle möglichen Passwörter durchprobiert und siehe da, ich bin wieder hier 😊
Ein Grund warum ich gerade wieder mehr über meine PPD nachdenke, ist auch, dass ich bald mein zweites Baby bekomme. Vielleicht ist dieser Post also auch für mich selbst – für den Fall, dass es mich nochmal treffen sollte.

Zuallererst muss ich sagen, dass ich leider an einem Punkt war, wo eigentlich nichts mehr geholfen hat, bis ich mein Antidepressivum bekommen habe. Erst dann gab es ein bisschen Spielraum und ich konnte etwas tun. Das Einzige, was vielleicht auch in der schlimmsten Phase ein kleines bisschen Erleichterung gebracht hat: kalt duschen. Das hat mir meine Therapeutin wegen der Hormonausschüttung empfohlen und auch wenn es positive Effekt meist nur für zwei Minuten war – besser als gar nichts!!

Hier meine Liste:

• Tavor als Notfallmedikament zu haben (ich habe es dann gar nie gebraucht, aber es war sooooo hilfreich es in der Tasche zu haben!)

• Ich weiß, es fällt so schwer, aber: nicht im Internet (außer hier im moderierten Forum) suchen/lesen – sondern den Ärzten mit ihrer Erfahrung vertrauen!

• In die (leere) Kirche gehen und beten (auch wenn ich vorher leider nie so der gläubige Mensch war)

• Gedanken/Sätze/Infos, die mir geholfen haben (Ich habe mir hilfreiche Dinge, die mir jemand gesagt hat oder die ich gelesen habe auf Karteikarten geschrieben und bin die dann immer wieder durchgegangen):

o Auch etwas Fragiles kann funktionieren. Es muss nicht perfekt sein.
o Die Angst darf da sein. Aber immer schauen, wo es noch einen kleinen Handlungsspielraum gibt.
o „Es ist wie es ist“
o Es dauert einfach, aber das Gehirn heilt wieder!!
o Neuroplastizität des Gehirns: es kann sich regenerieren, bildet immer wieder neue Neuronen
o „It is not for your lack of will that you are not better. You need to think of this as a medical illness that needs treatment, because it is.
o “You WILL get better and be 100% your old self again with an antidepressant”
o „Bei anderen Krankheiten wirft einem auch niemand vor, dass man es nicht ohne Medis schafft“
o „Bei Blutdrucksenkern weiß man auch nicht so genau wie sie wirken.“
o Podcast zum Thema psychische Krankheiten: es wurde gesagt, einer der Hauptgründe warum Menschen sich nicht behandeln lassen ist, weil sie denken „meine Symptome sind so speziell, das hat sonst eh niemand, da hilft nichts“. Das Gehirn ist aber nicht anders als andere Teile des Körpers und letztendlich sind wir doch alle recht ähnlich.
o Auch wenn ich fast gar nichts mehr machen kann und mich nicht alleine um mein Baby kümmern kann, eines kann ich immer: freundlich/nett zu anderen Menschen sein/jemanden anlächeln und damit macht es Sinn, dass ich auf der Welt bin.
o Bzgl Schlafprobleme: nicht auf die Uhr schauen!
o Tee trinken
o In der Sonne sitzen
o Massagen (haben mir selbst in der schlimmsten Phase gut getan, meine Mama hat mich ab und zu ein bisschen massiert – leider habe ich es mir nicht „gegönnt“ regelmäßig zu einer richtigen Massage zu gehen, weil die Depression mir eingeredet hab, dass ich das nicht verdiene…
o Kinder (jetzt nicht mein Baby, aber das 2-jährige Kind von Freunden hat mir immer voll gut getan, weil es so total unvoreingenommen und lieb war)
o Sobald es geht (wenn die Medis anfangen zu wirken): ablenken so viel es geht!! Tapetenwechsel!
o „Positiv“-Tagebuch führen um zu üben, den Fokus auf das Positive und nicht nur das Negative zu legen. Da stand dann manchmal nur „Der Orthopäde hat entschieden dass das Baby doch keine Spreizhose braucht“ oder irgendwann „mehrere Stunden ganz normal gefühlt und ohne Angst“.

Und zuletzt noch ein paar Erkenntnisse die kamen, als es mir besser ging und als ich wieder gesund war und die für mich persönlich wichtig sind:

o Eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit ist ein typisches Symptom der Depression (wusste ich vorher irgendwie nicht!)
o Der Blick auf Vergangenheit und Zukunft in der Depression ist völlig verfälscht. Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich totale Angst vor Verarmung hatte, obwohl das überhaupt nicht berechtigt war und ich dachte auch, ich war doch eigentlich immer schon unglücklich und instabil – auch das hat aber nicht gestimmt.
o Die Depression verfremdet die Lebenswelt, man glaub aber man sieht die „Realität“. Meine Therapeutin z.B. ist ein sehr sympathischer, einfühlsamer Mensch und hat sich total um mich bemüht, aber als ich tief in der Depression steckte, war mein Eindruck ich sei ihr egal und sie will einfach nur Geld verdienen.
o Psychische Probleme verlaufen immer innerhalb eines Spektrums, es gibt niemanden, dem es ganz genauso geht wie einem selbst, weil jeder anders erlebt und anders empfindet und daher gibt es auch nur den individuellen Weg raus. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis, weil ich mich z.B. ständig mit allen hier im Forum verglichen habe und ganz verzweifelt war, weil bei mir irgendwie alles „anders“ war
o Schlechte Gefühle können OHNE GRUND da sein. Man sucht immer automatisch eine Erklärung, aber es gehen nicht immer Gründe den Gefühlen voraus. Daher: Negative Gefühle weniger ernst nehmen, denn oft haben sie gar keinen richtigen Grund, sondern z.B. körperliche Ursachen (Hormomen) und der Kopf ordnet sie dann irgendwelchen Gründen zu, weil er sie erklären will.

Ich hoffe es ist vielleicht irgendwas dabei, was auch jemandem von euch ein bisschen hilft!
Liebe Grüße von Jana

Beginn PPD 1. Kind Mai 22
Stabil seit September 22

Trimipramin 50 mg (abgesetzt)
Sertralin 100mg (seit Mitte April 2024 ganz abgesetzt)
Sternschnuppe2023
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Re: Was mir (neben meinem Medi) geholfen hat

Beitrag von Sternschnuppe2023 »

Liebe Jana, ich danke dir so so sehr für deine Liste 💛
Liebe Grüße
alibo79
power user
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Re: Was mir (neben meinem Medi) geholfen hat

Beitrag von alibo79 »

Hallo Jana, schön dass es dir gut geht und herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft. Ich wünsche dir dass diesmal alles so verläuft wie du es dir vorgestellt hast!
Deine Auflistung ist super, viele Punkte davon haben mir auch geholfen und auch deine Erkenntnisse über die Krankheit.
Ich habe in meinem positive Momente buch auch so eine Liste angefertigt, wo ich Dinge notiert habe, die mir gut tun oder auch Dinge die für mich schwierig sind. Und auch Sätze, Aussagen etc die mir weiterhelfen könnten.
Und du weißt, falls es dir doch mal nicht gut gehen sollte, dann darfst du hier immer wieder schreiben, aber auch wenn es dir gut geht, freue ich mich von dir zu hören :D
2014 schwere PPD mit Ängsten, 6 Monate Tagesklinik
2015- 2019 mirtazapin, erst 45mg ab 2017 langsam reduziert
Zwischendurch versuch mit citalopram, nach 2 Monaten abgesetzt, da starke Verschlimmerung der Depression
Anfang 2021 erneut schwere Depression wieder 45 mg mirtazapin zusätzlich noch quetiapin 150mg
Über Jahre zusätzlich noch psychotherapeutische Behandlung
strollo
Beiträge: 27
Registriert: 05:05:2024 22:37

Re: Was mir (neben meinem Medi) geholfen hat

Beitrag von strollo »

Liebe Jana,
vielen Dank für Deinen Post. Ich bin noch am kämpfen, auch wenn es bereits einige bessere Tage gab. Mir hat es total gut getan nochmal zu lesen, dass die Depression wirklich die Wahrnehmung verzerrt, und zwar nicht nur von der Gegenwart sondern auch von der Vergangenheit (von der Zukunft mal ganz zu schweigen...). Ich weiß das rein theoretisch, aber an den schlechten Tagen überzeugt mich das diese Monster doch wieder vom Gegenteil. Also, falls du magst, erzähle gerne mehr von deinen "Erkenntnissen". Ich und viele andere können sie bestimmt gut gebrauchen <3
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