Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

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Elphi
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Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 24:07:2020 14:23

Hallo in die Runde,


endlich finde ich die Kraft auch etwas zu schreiben. Seit ein paar Wochen leider ich unter Panik Attacken, Heulkrämpfen, Angstzuständen und kenne mich selbst nicht mehr. So etwas erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben.

Ich bin 40 Jahre alt und vor 7 Wochen zum ersten Mal Mama geworden. Die Schwangerschaft kam nicht ungeplant, aber doch überraschend, da ich in meinem Alter einfach nicht mehr damit gerechnet habe. Mein Kinderwunsch war nie so groß als dass ich es mehr als auf natürlichem Weg versucht habe. Mein Mann hat sich total gefreut und ist von Anfang an glücklicher denn je.
Bei mir dagegen war die Schwangerschaft von Anfang an von Trauer überschattet, direkt zwei Tage nachdem ich den positiven Test gemacht hatte ist mein Vater gestorben. Er war lange krank, es waren traurige, schwere und doch innige Jahre der Pflege, Sorge und Hoffnung voraus gegangen.

Ich habe meinen Vater lange gepflegt und auch als es nicht mehr zuhause ging immer versucht so gut es ging für ihn und seine Betreuung zu sorgen. Das heißt, ich habe immer funktioniert und die Verantwortung getragen. Das habe ich gerne getan und der Tag an dem er gestorben ist, war der schlimmste in meinem Leben.

Nun, da war ich aber halt schwanger, eine völlig neue Situation mit neuer Verantwortung und das gleichzeitig mit der Trauer um meinen Papa.

Jetzt ist sie da - unsere kleine Tochter, 4 Wochen zu früh per Kaiserschnitt auf die Welt geholt...ganz plötzlich, weil sie nicht mehr gewachsen ist im Bauch. Sie war zu klein und zu leicht und musste nach der Geburt noch 10 Tage im Krankenhaus bleiben.
Heute ist sie 7 Wochen alt, gesund und schon ganz kräftig gewachsen. Mein Mann ist total verliebt und stolz und eigentlich ist doch alles gut jetzt...
Ist es aber nicht...von Anfang an hatte ich Angst vor der Verantwortung, vor der Veränderung, vor der Einschränkung...zuerst ging es irgendwie aber seit 3 Wochen geht nichts mehr...angefangen hat es mit kurzen Panik Attacken, bis ich über Stunden nicht mehr zur Ruhe gekommen bin. Ich konnte nur noch heulen, habe Angst vor allem, fühle mich überfordert und leer und möchte nur noch, dass dieses Gefühl endlich weg geht.
Vor ein paar Tagen war es so schlimm, dass mein Mann mich ins Krankenhaus gebracht hat.
Der Arzt dort hat mir Mirtazapin verschrieben (eigentlich wollte er mich stationär aufnehmen), ich soll mit 7,5mg anfangen und in ein paar Tagen auf 15mg erhöhen. Außerdem habe ich einen Termin in der psychologischen Beratungsstelle bekommen. Dort war ich gestern und das hat auch gut getan. Ich werde in ein paar Wochen dort mit einer Therapie beginnen können um die Baustellen aufzuarbeiten.
Außerdem wurde meine Schilddrüse (ich habe Hashimoto) gecheckt und eine deutliche Überfunktion festgestellt, deswegen lasse ich die Schilddrüsenhormone seit 3 Tagen weg.
Alles ist also in Angriff.
Ich bin jetzt etwas ruhiger, auch durch die Medikamente aber ich stelle alles in Frage...werde ich je wieder glückliche Gefühle haben? Warum habe ich vor allem Angst? Warum habe ich mein gewohntes Leben so durcheinander gebracht? Wäre es besser gewesen gar kein Kind zu bekommen? Werde ich meine Tochter je lieben können wie sie es braucht? Und kann ich mit Kind leben ohne das Gefühl zu haben meine Bedürfnisse kommen zu kurz? Bin ich zu egoistisch? Zu schwach?
Ich hoffe, ich kann von euch etwas lernen und Unterstützung finden.

Mel
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Mel » 24:07:2020 23:39

Hallo Elphi,
herzlich Willkommen und danke, dass du deine Geschichte hier aufschreibst. Sie erinnert mich ein wenig an meine:
Vor drei Jahren kam mein Sohn sechs Wochen zu früh per Kaiserschnitt als „Mangelgeburt“ zur Welt, ich hatte eine Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) und eine Plazenta-
Insuffizienz, insgesamt haben wir ca. sechs Wochen im Krankenhaus verbracht. Ich kann total nachvollziehen wie anstrengend und schwierig so eine Situation ist. Ich kann dir nur sagen, dass die schwierigen Seiten dieser traumatischen Situation irgendwann in den Hintergrund treten und auch die Symptome der PPD weniger werden. Es dauert allerdings etwas. Das Forum hilft auf dem Genesungsweg ungemein- du wirst hier viel Unterstützung in Form von tröstenden Worten, Erfahrungswerten und Wissen bekommen.
Lieben Gruß
Mel
PPD seit Juli 2017, seitdem Mirtazapin 15mg
(Mit Unterbrechung), dann 30mg Mirtazapin und Opipramol 75mg,
Seit Sept. 2019 Setralin
mittlerweile 200mg und 15mg Mirtazapin.
Opipramol ausgeschlichen

Celeste
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Celeste » 25:07:2020 19:59

Liebe Elphi,
willkommen im Forum.

Ich leide nun seit fast 1 Jahr an meiner PPD und dieses Forum hat mich sehr oft aufgefangen.
Du bist nicht allein.
Diese Angst kenne ich auch. In der Akutphase hatte ich solche Angstzustände, dass ich mich übergeben musste und nicht aus dem Bett aufstehen konnte. Ich wollte einfach nur einschlafen und nie wieder aufwachen.

Sei dir gesagt, dass du ganz ganz sicher wieder positive Gefühle fühlen wirst. Und du wirst wieder gesund. Es wird vielleicht ein langer Weg ( bei einigen dauert die PPD nur wenige Monate, bei anderen leider mehrere Jahre ). Unsere liebe Marika hier im Forum z.B, sie musste 2,5 Jahre kämpfen und nun ist sie ein sehr glücklicher Mensch.

Ich stecke leider auch noch im Kampf. Hier kann ich Kraft und Mut schöpfen. Es wird alles gut. Ganz sicher.

Celeste
1. Kind ( 2008 ) ohne PPD
2. Kind ( 2011 ) ohne PPD
3. Kind ( 2019 ) schwere PPD mit Angsterkrankung

Momentan Citalopram 40mg, bei Bedarf Promethazin, Agnuscaston

März 20: Olanzapin abgesetzt

Elphi
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 26:07:2020 7:20

Vielen Dank für Eure Antworten und fürs Mut machen.

Im Moment kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist zufrieden zu sein und schon gar nicht, wie es ist glücklich zu sein.

Ich schlafe Abends mit Angst ein und wache morgens mit Angst auf. Dazu das Gefühl so schwach zu sein, auf Hilfe angewiesen zu sein...

Celeste
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Celeste » 26:07:2020 19:46

Hallo Elphi,

das ist die PPD, die all die schönen Gefühle überschattet.

Ich kenne es, wenn man es sich nicht vorstellen kann, etwas schönes fühlen zu können. Aber glaube mir, die positiven Gefühle kommen. Sie bleiben eine Weile und gehen dann erst nochmal einige Male ,schlafen‘ und sich aufladen, damit sie irgendwann explosionsartig wieder kommen und dann auch bleiben. So stelle ich es mir immer vor, um mir irgendwie selbst ein wenig zu helfen. In den schrecklichen Akutphasen ( Tiefs ), kann man sich das leider nicht vorstellen, dass sie jemals wiederkommen. Erschrecke nicht. Das ist ,normal‘. Aber immer den Blick nach vorne richten. Sie kommen ... immer wieder.
1. Kind ( 2008 ) ohne PPD
2. Kind ( 2011 ) ohne PPD
3. Kind ( 2019 ) schwere PPD mit Angsterkrankung

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Irina
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Irina » 28:07:2020 21:44

Liebe Elphi,

erst einmal herzlichen Glückwunsch zu der Geburt deiner Tochter.
und als Zweites: Ja, es wird dir bald wieder gut gehen. Das kann ich dir versprechen!

Angst ist etwas, was wir nicht steuern können, wenn wir nicht gelernt haben wie.
Das wirst du aber mit der Unterstützung in der Therapie und das Medikament wird deine Ängste abdämpfen, so dass du wieder "klarer" denken kannst.

Die Gefühle für deine Tochter werden sich ändern. Es war nicht verkehrt sie zu bekommen.
Je älter sie wird, desto mehr wird sie dir zurück geben und desto öfter wirst du dich fragen, wie du es 40 Jahre ohne diesen Menschen an deiner Seite ausgehalten hast. Egal wie viel Blödsinn sie bauen :-)
Versuch sie viel und dicht an dir zu tragen. Beschäftige dich viel mit ihr, halte das dünne Band, was euch verbindet, aufrecht.
Auch wenn es schwer fällt.

Du hast viel erlebt im letzten Jahr. Zu trauern, obwohl in einem ein Leben heranwächst stelle ich mir sehr schwer vor.
Mit 40 ist man erfahren, man durfte 40 Jahre für sich entscheiden, alleine sein, hat "nur" Verantwortung für sich getragen.
Und nun ist da plötzlich so ein Wurm, der kann exakt gar nichts und man ist verantwortlich für das Leben dieses Menschen.

Akzeptiere deine Gedanken und versuche nicht gegen sie anzukämpfen, weil sie das nur verschlimmert.
Irgendwann wirst du wieder glücklich sein.
Lächeln können.
Deine Tochter abgöttisch lieben.
Gib dir Zeit. Es wird alles gut werden.
April 2017: schwere PPD mit Hang zur Psychose nach Geburt, schwere Angststörung und massive Zwangsgedanke
Januar 2020: Mini-PPD nach Eileiterschwangerschaft

von Juni 2017 bis Dezember 2017 Venlafaxin 75 mg, dadurch 20 Kilo Gewichtszunahme und bei Bedarf Opripramol
ab Dezember 2017 Wechsel auf Fluoxetin 40 mg bis August 2018

Nelli
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Nelli » 28:07:2020 22:32

Irina, das hast du wunderbar geschrieben! Ich kann mich dem nur anschließen, Elphi!
Wer so stark trauern kann, steckt voller Liebe. Und diese Liebe wird dein Kind von dir bekommen,
ehe du es merkst! Du warst die letzten Jahre unheimlich stark und es ist kein Wunder,
dass Du in eine Krise geraten bist. Tod und neues Leben sind ja tatsächlich aufeinandergeprallt.
Eigentlich ist es wunderbar, dass ein neues Leben begann, als du loslassen musstest, aber zugleich unendlich schwierig
und verwirrend.
Aber ihr werdet zusammenwachsen, Tag für Tag.
Dein Papa wäre bestimmt sehr glücklich über dein Kind.
Nelli

Elphi
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 29:07:2020 8:27

Liebe Irina, liebe Nelli,

ich danke auch euch für eure Antworten.

Es ist nun ca. eine Woche her, seit meinem ersten Beitrag und ich hangle mich so von Tag zu Tag. Jeden Abend denke ich: "wieder einen Tag überstanden" und jeden Morgen freue ich mich auf den Abend , wenn ich das dann wieder denken kann.

Es gibt Momente am Tag, da geht es mir okay, aber auch viele Momente an denen es eben nicht so ist. Am liebsten möchte ich gar nicht alleine sein, so dass immer jemand da ist, der mir helfen könnte falls meine Kleine anfängt zu schreien und ich sie nicht beruhigen kann. Das passiert nicht oft, eigentlich weint sie nur, wenn sie Hunger hat oder mal ein Bäuerchen drückt. Ganz normal für ein Baby, aber mich setzt das wahnsinnig unter Stress. Am liebsten ist es mir, wenn sie friedlich schläft.
Am schlimmsten ist es abends, wenn sie Probleme mit dem Einschlafen hat, dann weint sie und es dauert, bis sie sich beruhigt. Ich bekomme dann schnell Panik, habe Angst davor nie wieder richtig schlafen zu können. Dann bin ich irgendwie nicht mehr ich selbst, so voller Stress und Angst. Mein Mann übernimmt die Nachtschicht bei der Kleinen, damit ich schlafen kann und trotzdem ist diese Panik in mir. Mit dem Mirtazapin kann ich zwar schlafen, aber ausgeruht fühle ich mich nicht wenn ich aufwache.
Ich habe dann ein schlechtes Gewissen, weil mein Mann mich schlafen lässt und die Nacht übernimmt. Er war zwar früher schon ein Nachtmensch und sagt, es macht ihm nichts aus und trotzdem beruhigt mich das nicht. Denn ich weiß, wenn er dann seinen Schlaf am Tag nachholt bin ich ja in der Zeit alleine mit der Kleinen...das ist so egoistisch von mir, er muss ja auch schlafen und ich lasse ihn, so lange es irgendwie geht.

Ihr seht, ich bin noch mittendrin im Strudel der Depression. Manchmal weiß ich gar nicht mehr was ich denken soll. Ich versuche es anzunehmen und nicht dagegen zu kämpfen. Es ist jetzt wie es ist und es wird auch wieder anders sein. Nur wann?

Ich wünsche mir so sehr, wieder stark zu sein und wieder glücklich zu sein, auch wenn ich mich gar nicht daran erinnern kann, wann das das letzte Mal war...

Irina
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Irina » 29:07:2020 13:40

Liebe Elphi,

ja es erscheint einem ewig hin bis zu dem Moment, wo man wieder stark sein kann.
Aber hey. Es ist noch nicht so lange her.
Du bist jeden Tag stark.
Mehrfach.
Für deine Tochter.
Für deinen Mann.
Für dich.

Vielleicht stellst du dich mal vor den Spiegel, klopfst dir auf die Schulter und sagst dir, dass du das alles gut gemacht hast?
Es hört sich banal an, aber oft fehlt einem die Selbstliebe in der Depression.
Wenn dann alle Grenzen brechen und du weinen musst, lass es raus.
Und wiederhole es am nächsten Tag. Solange bis du es dir glauben kannst.

Auch empfehlen kann ich dir progressive Muskelentspannung zum Einschlafen.
Vielleicht fühlst du dich dann fitter, wenn du morgens aufwachst...

Mir hat immer der Gedanke geholfen zu wissen, dass sie nicht für immer so viel Hilfe von dir benötigen wie in dem jetzigen Moment.
irgendwann gehen die Kinder alleine durch die Welt und man wird nur noch selten gebraucht.
Je älter sie werden, desto weniger wollen sie kuscheln, brauchen Einschlafhilfe usw....

Wenn du sehr hektisch wirst, wenn die Kleine schreit, dann leg sie lieber kurz sicher zur Seite und geh irgendwo anders hin, versuch ruhig zu atmen und zur Not in ein Kissen zu schreien.

@Nelli: Dank dir und Dito :)
April 2017: schwere PPD mit Hang zur Psychose nach Geburt, schwere Angststörung und massive Zwangsgedanke
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Nelli
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Nelli » 29:07:2020 22:11

Liebe Elphi,

was Du beschreibst kenne ich sehr gut und es ist für mich noch immer ein Wunder, wie selbstverständlich
diese Rundumsorge um ein Baby wahrgenommen wird, als sei es ganz einfach und nicht der Rede wert, aber das ist es!
Der Rhythmus des Babys übernimmt ja vorerst die komplette Kontrolle über unser Leben, es ist ein unglaublicher Kraftakt.
Ich muss sagen, dass ich noch immer um jede Stunde Freiraum, Zeit für mich kämpfe, und das wird sich auch nicht ändern, denn ich brauche diese Zeit, um eine ausgeglichene Mama zu sein, um glücklich zu sein. Leider wird diese Zeit für sich selbst immer, gerade von uns selbst, als Rivale des Kindes wahrgenommen. Als ob keine Zeit mit ihm verbringen möchte. Dabei geht es nicht um das Kind als Persönlichkeit, sondern um die Struktur, die das Kind in seinen Bedürfnissen einem auferlegt, die Verantwortung, die Geduld, die es braucht, um mit schwierigen Phasen oder Minuten umgehen zu können.
Für mich hört sich das schon sehr gut an, wie du das machst. Du wirst in dieses neue Leben hineinwachsen und die Depression überwinden können.
Ich finde es oft nicht einfach, Mama zu sein, aber ich finde es sehr erfüllend. Manchmal frage ich mich noch immer, was so toll an mir ist, dass mein Kind mir so nah sein will, ich sein Fels in der Brandung bin. Diese Zuneigung ist etwas ganz Wunderbares (und Anstrengendes, wenn nur Mama geht).
Damit möchte ich dir Mut zusprechen und dass ich finde, dass deine Ängste und deine Erschöpfung, auch ohne depression, absolut nachvollziehbar sind,
zumal du ein sehr verantwortungsbewusster Mensch zu sein scheinst, sonst hättest du dich nicht so um deinen Vater gekümmert.

Nelli

Elphi
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 31:07:2020 14:03

Liebe Irina, liebe Nelli,

ich danke euch wieder, für Eure Antworten. Wieder sind ein paar Tage "geschafft" seit meinem letzten Beitrag. Es gab ein paar gute Moment am Tag und ich habe jetzt angefangen, jeden Tag aufzuschreiben, was gut und was schlecht war. Vielleicht beginnt auch das Medikament jetzt zu wirken und ich bekomme nicht mehr ganz so leicht Panik.

Trotzdem fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut, bin unzufrieden und fühle mich fremdbestimmt. So ist es ja auch und so geht es wahrscheinlich jedem der so ein kleines Baby hat. Ich möchte so gerne, dass ich mich gut fühle und dann beginnt schon wieder der Zweifel ob das je wieder so sein wird. Ich versuche mich zu bremsen und die Situation so anzunehmen wie sie ist. Dann sitze ich halt den ganzen Tag zuhause und richte mich darauf ein, ob meine Kleine schläft oder wach ist, ob sie im Bettchen liegen mag oder getragen werden will...
Nur weiß ich nichts mit mir selbst anzufangen...versuche meine Gedanken wegzulenken von den Ängsten, von den "Problemen" die noch auf uns zu kommen werden.
Im Moment traue ich mich noch nicht, mit der Kleinen weg zu fahren oder sie irgendwo mit hin zu nehmen. Was ist, wenn sie unruhig wird und ich sie nicht beruhigen kann? Wenn ich dann in Panik gerate und nichts klappt mehr? Da lasse ich mir lieber noch Zeit und wenn das dann so weit ist, fühle ich mich vielleicht auch deswegen wieder besser.
Ich gehe jeden Tag spazieren mit ihr (und mit meinem Hund) und bin zufrieden, dass das gut klappt.

Wie lange hat das bei euch gedauert, bis ihr euch sicherer gefühlt habt?
Nächste Woche habe ich meine erste Therapie Sitzung und habe schon ziemlich Respekt davor.
Wie war das bei Euch? Ich bin so nervös deswegen, weiß nicht wie schlimm es wird über die Zeit mit meinem Vater zu sprechen...wenn ich nur daran denke, kommen mir die Tränen...

Nelli
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Nelli » 31:07:2020 23:14

Liebe Elphi,

das mit Hund und Kind finde ich super, hab ich genauso gemacht!
Trägst du sie am Körper manchmal? Das hat mir geholfen. Ich hatte furchtbare Ängste, sie zu berühren, mit ihr allein zu sein,
aber diese Spaziergänge, sie im Tragesack, waren sehr hilfreich. Muss aber nicht sein.
Außerdem ist die Bewegung Gold wert, auch wenn man es in dem Moment nicht so empfinden kann, aber der Körper speichert das.
Und es gibt dem Tag Struktur.
Es ist super, dass du schon sehr bald die erste Sitzung hast! Du machst alles richtig. Du wirst diese Krise meistern, auch wenn es Zeit braucht, bei manchen mehr, bei manchen weniger. Und manches geht ganz schnell (relativ gesehen), eine erste gute Stunde an einem Tag ist ein erstes Zeichen der Genesung. Ich erinnere mich genau daran: ich hatte plötzlich den Mut, ein kleines Wandbord fürs Kinderzimmer zusammenzubauen. Es war eine Stunde der Zuversicht, ohne Angst. Dann ging es fürs erste wieder los, aber die nächste Stunde kam, und Stunden, Tage, Wochen. Ich finde es unglaublich faszinierend, wie meine Psyche sich erholt hat, ich hätte ein richtiges Bild malen können, wie die Kurve verläuft.
Es ist eine kontinuierliche Qualitätssteigerung und zugleich ein stetig voranschreitender Beziehungsaufbau zum Kind.
Das Gefühl der Fremdbestimmung kann wirklich existentiell wahrgenommen werden und ist aber auch gut therapeutisch aufzuarbeiten. Ich merke, dass es bei mir oft mit meinem geringen Selbstbewusstsein zu tun hat: ich fürchte den Anspruch des Kindes, weil ich denke, ich hätte nicht die Kraft dazu. Aber das stimmt nicht.
Natürlich wird dein Kind auch nach den ersten Jahren auf dich angewiesen sein, aber es ist dann eine wirkliche Beziehung, Kommunikation,
du wirst sehen, die ersten Abnabelungsprozesse werden dich gar nicht mehr kalt lassen. Das fängt ja schon mit ein, zwei, richtig an, dass man auch mal
abgelehnt wird, der Papa bevorzugt, sie alles selbst machen wollen.
Aber du wirst da hinein wachsen. Du bist jedenfalls auf dem richtigen Weg, dein Mann und Du, ihr habt richtig reagiert. Und es ist in dieser Situation wirklich gut, dass dein Mann so begeistert ist, Vater geworden zu sein, denn so wird er dich sicher entlasten können.

Nelli

Elphi
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 02:08:2020 11:08

Hallo Nelli,

ich habe von Anfang ein ein bzw. zwei Tragetücher ausprobiert. Die ersten Versuche waren auch ok. Die Kleine hat geschlafen, ich habe zwar geschwitzt wie blöd, aber es war okay. Konnte sogar ein bisschen damit arbeiten. Zum Spazieren damit war es aber zu heiß und die Kleine noch zu "instabil".
Zu der Zeit hatte ich aber auch noch nicht so große Probleme mit mir selbst. Seitdem ich diese große Panik in mir habe, kann ich das Tuch nicht mehr an mir haben, es fühlt sich an, als schnüre es mir die Luft ab. Da die Kleine ja immer noch sehr zierlich ist (war ja eine Frühgeburt) muss ich sie wirklich stramm an den Bauch binden, damit sie gestützt ist...das kann ich im Moment nicht ertragen...Ich habe mir jetzt eine Mini Trage extra für Neugeborene bestellt um es damit zu versuchen, da sind zumindest ihre Arme frei aber Kopf und Rücken trotzdem gestützt. Damit möchte ich es versuchen. mal sehen ob es geht.

Gestern Nachmittag hatte ich wieder so eine große Angst und Panik dass ich dachte, ich kann das nicht mehr aushalten. Es war gar kein besonderer Auslöser dafür, die Kleine hat ein bisschen geweint, gar nicht mal so schlimm, und trotzdem war ich plötzlich wieder gelähmt vor Angst. Ich kann dann gar nicht sagen was los ist, fühle mich einsam in mir selbst und irgendwie rastlos. Ich schaffe es dann auch nicht, einfach zu akzeptieren wie es ist und mir klar zu machen, dass es ja nicht immer so bleiben wird.
Dieser unvorhersehbare Tag mit Baby macht mir wirklich zu schaffen. So völlig fremdbestimmt und nicht zu wissen, wie man was am Tag verbringen wird weil ich ja nie weiß, was meine Kleine so zulässt und was nicht.

Und dann fühle ich mich wieder so egoistisch, weil ich mich in meinem Kopf ja quasi nur mit mir beschäftige...früher konnte ich mich immer mit arbeiten ablenken, das hat mir geholfen mit meinen Sorgen besser klar zu kommen, aber das geht ja nun nicht und ich weiß auch nicht, wann das wieder geht und wie.

Dazu immer die Angst nicht ausreichend zu schlafen...dass unsere Kleine nie lernen wird nachts zu schlafen...

Nelli
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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Nelli » 02:08:2020 22:37

Hallo Elphi,

ich erinnere mich so daran: ich will schlafen, weiß aber, dass ich bald wieder vom Kind geweckt werde und ein Fläschchen machen muss und bin deshalb schon in Panik, weil ich nicht weiß, wie ich funktionieren soll, mit diesen ständigen Schlafunterbrechungen. Bis heute habe ich noch eine diffuse Sorge, wie ich den Tag mit meiner Tochter rumbringen soll, dabei ist das gar kein Problem mehr. Schlimmer als die Nächte fand ich den Tag, gelähmt vor Müdigkeit, zwangsläufig nur im Rhythmus des Kindes existierend... ich verstehe dich sehr gut und dein vermeintlicher Egoismus ist der berühmte Grübelzwang der Depression, ein Symptom quasi.

Nelli

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Re: Hoffe aus euren Erfahrungen zu lernen

Beitrag von Elphi » 03:08:2020 12:35

Hallo Nelli,

wie alt ist deine Tochter denn heute? Und wie lange hat es gedauert, bis es Dir besser ging?
Ich lasse mich auch viel zu leicht von den ganzen Horrorgeschichten die man ums Schlafen hört beeinflussen...da geht sofort mein Kopfkino los. Und die ganzen Ratgeber was man alles tun soll, damit das Kind schlafen lernt, das macht mich auch wahnsinnig. Ich versuche, nichts mehr zu lesen und die Ohren auf Durchzug zu stellen, wenn irgendjemand mir ungefragte Ratschläge gibt...
Mein Mann sagt mir auch immer wieder, dass das alles nicht "WIR" sind und auch nicht "UNSER" Kind und deswegen alles gar nicht so wichtig ist, was andere sagen und machen. Manchmal klappt es, das auch so zu sehen und manchmal eben nicht.
Ich kenne mich so gar nicht...klingt vielleicht blöd, aber bei unserem Hund habe ich mich doch auch nicht an alle Ratschläge und Meinungen gehalten und einfach ausprobiert was am besten funktioniert und heute ist sie so ein toller Hund geworden!

Immerhin habe ich es geschafft heute schon ein bisschen was zu arbeiten, während meine Kleine schläft.
Ein kleiner Fortschritt, aber immerhin.

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