Das Erste nie verarbeitet

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lmcstern89
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Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von lmcstern89 »

Hallo,

Ich bin neu hier. Ich bin 31 Jahre alt, habe studiert, promoviert und unterm Strich ist die Arbeit für mich der einzig wirklich sichere Ort.

Vor 5,5 Jahren habe ich meine erste Tochter bekommen, sie war ein Wunschkind. Die Geburt war traumatisch, endete in einer Sectio, die Wochenbettstation war schrecklich. Das Gefühl von Mutterliebe oder nur liebevolle Gefühle kamen nicht hoch. Ich habe nicht mal eine Stunde nach Geburt angefangen zu weinen. Es entstand eine Wochenbettdepression. Den Kaiserschnitt per se habe ich gut verarbeitet, auch wenn ich bis heute an mich halten muss, dass man als Frau deswegen entwertet oder abgestempelt wird. Ich habe anfangs versucht Hilfe in der Familie zu finden. Dazu muss man sagen, dass ich mit einem narzistischen Vater und einer depressiven Mutter groß geworden bin. Eine psychische Erkrankung war einfach nur "Schwäche und Faulheit". Ich habe im Laufe der Therapie den Kontakt vollkommen eingestellt. Mit dem Ergebnis, auch geliebte Menschen aus der Familie seit 4 Jahren nicht mehr gesehen zu haben. Entstehen Kontakte zur Familie, werden sie durch meinen Vater psychisch und physisch unter Druck gesetzt. Bis heute fühle ich mich schuldig und alleine. Ich hatte also eine neue Baustelle. Ich war lange in Therapie. Habe mit dem inneren Kind gearbeitet und gelernt mit meiner Tochter umzugehen. Richtig gelernt, ich mag sie, will auch dass es ihr gut geht, aber ich kann sie nicht völlig natürlich in den Arm nehmen. Das hat sich nie gegeben. Auch die Beziehung hat gelitten. Wir hatten keine intimen Momente mehr. Es entwickelte sich ein Leben, das vielleicht nicht glücklich, aber ok war. Ok und ausbaubar. Bis letzten Sommer....

Ich wurde wieder schwanger, ungeplant. Ein Unding für studierte Menschen, so mein Arzt, man wäre doch intelligent genug für Verhütung, leider fand ich keinen anderen Arzt zur Vorsorge... meine Therapeutin, zu der ich über die Jahre immer Kontakt hatte, hat mir empfohlen offen mit meiner Angst und Sorge umzugehen. Kein guter Rat... Die Schwangerschaft war geprägt von Tränen und ich bin über fünf Monate in die Einliegerwohnung gezogen, hätte gewünscht doch abbrechen zu können... Mein Arzt hat weder meine Ängste noch wirkliche Probleme ernst genommen. Über 35 Wochen habe ich mir anhören dürfen psychisch gestört zu sein... bis ich zusammen gebrochen bin und mit dem Verdacht auch Präeklampsie oder HELLP in der Klinik landete, dort traf ich das erste Mal auf Ärzte, die mich erst nahmen. Die ersten Gespräche, bei denen ich mich wie eine Frau fühlte, nicht heulen musste. Wo mein Geburtsplan nicht als "primäres Aufgeben " bezeichnet wurde. Also habe ich dort vor zwei Wochen via Wunschkaiserschnitt mit Sterilisation mein Kind bekommen und es war die perfekte Geburt. Einfach schön. Ich habe auch abgestillt. Ich habe Monate lang bei meiner Großen heulend an der Milchpumpe gehangen, musste die Brüsten ausdrücken, regelmäßig Entzündungen und Antibiotika. Wegen den Blauen Flecken wurde ich sogar gefragt, ob mein Mann mich vergewaltigen würde. Aus anatomischen Gründen wird es mir immer extrem schwer fallen zu stillen, also habe ich diesen Stressfaktor von meiner Liste gestrichen und abgestillt. Die drei Tage im Krankenhaus waren wunderschön, ich hatte ein Einzelzimmer und konnte meine wundervolle Tochter genießen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so fühlen kann. Ich hatte die Hoffnung, vielleicht hilft es bei der Großen... aber zu Hause... ich kann meine Große nicht ertragen, die Kleine nicht mehr halten. Morgens Tränen, mittags... Abends... ich weiß nicht, ob ich nochmal soviel Kraft aufbringen kann... ich bin mittlerweile erneut aus dem gemeinsamen Haus in die Einliegerwohnung gezogen, habe kaum Appetit und hasse mich selbst... Die Große hat Angst mich zu verlieren... ich wäre gerne eine freie Mutter...

Also "hallo!" Eure L.
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Marika
power user
Beiträge: 8573
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Re: Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von Marika »

Willkommen bei uns!

Du hast sehr viel mitgemacht und es schockiert mich, dass du gerade mit Ärzten die eigentlich genau darauf schauen sollten, so schrecklich negative Erfahrungen gemacht hast. Wenigstens hast du dann doch noch Hilfe bekommen.

Meine Fragen wären: warst du in Therapie und hast du auch schon Medikamente bekommen? Gerade jetzt steckst du wie es scheinst du in einer sehr schlechten Verfassung zu sein. Hast du im Moment ärztliche/therapeutische Hilfe?

Du kannst und wirst das schaffen, evlt. mit Medikamenten!

Meld dich wieder - wie gehts dir heute?
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Lauri04
Beiträge: 47
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Re: Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von Lauri04 »

Hallo L.,
Es tut mir wahnsinnig leid, was du schon alles durchmachen musstest! Deine Geschichte nimmt mich sehr mit :(
Es ist so beschissen, wenn man seinem Kind nicht das geben kann, was es braucht, weil man es einfach nicht "fühlt".

Ich würde dir auch raten wieder professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vielleicht kannst du auch nochmal zu den Ärzten in der Klinik Kontakt aufnehmen, wenn du dich bei denen so wohl gefühlt hast. Vielleicht können sie dir eine Empfehlung geben.

Ich finde es übrigens wahnsinnig stark von dir, dass du dazu stehst, dass du direkt abgestillt hast! Stillen ist so ein leidiges Thema und ich finde, es ist völlig okay nicht zu stillen. Manchmal ist das Stillen mehr Stress als alles andere. Und davon hat keiner was, weder du noch dein Kind. Also Hut ab für diese mutige Entscheidung!

Lass uns doch wissen, wie es dir momentan geht! Du bist nicht allein! Fühl dich gedrückt!
Liebe Grüße
Lauri
03/2019 erstes Kind
10/2020 zweites Kind - seit dem Wutanfälle
lmcstern89
Beiträge: 4
Registriert: 06:04:2021 12:47

Re: Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von lmcstern89 »

Ich habe lange Medikamente genommen und sie dann irgendwann unter ärztlicher Kontrolle angesetzt. Es war immer ok, ich war stabil. Auch wenn sich die Beziehung zu meiner Großen immer schwierig gestaltet hat, ich habe es immer irgendwie geschafft und es hat sich eine instabile Beziehung entwickelt. Die Arbeit hat mir dazu tatsächlich einen Ausgleich geliefert.

Ich hatte die gesamte Schwangerschaft Kontakt zu meiner Therapeutin und war trotz der traurigen Schwangerschaft nicht depressiv. Hatte auch versucht einen anderen Gynäkologen zu finden, war aber nicht wirklich möglich, da in der vorangeschrittenen Schwangerschaft keiner einfach so übernehmen will. Ich habe mich eher hilflos und ausgeliefert gefühlt.

Aktuell fühle ich mich leer. Weiß nicht so ganz wie es weiter gehen soll. Wieder Therapie? Wird mit meinem Job leider kaum vereinbar sein. Medikamente? Wie soll die Beziehung weiter gehen? Im Moment bin ich froh, abends Abstand zu haben. Tagsüber verbringen wir ein bisschen Zeit miteinander, meistens streiten wir. Im Mai fange ich wieder mit ein paar Diensten an, einfach weil ich meine Arbeit sehr vermisse. Die Kleine kann ich mittlerweile wieder in den Arm nehmen und finde das auch sehr schön. Ich weiß nur nicht, ob das reicht oder wie es weiter gehen soll. Im Moment hänge ich sehr in der Luft. Weine weniger, fühle mich eher leer.

Kaiserschnitt, Sterilisation und Abstillen ist tatsächlich eine Kombination, bei der viele Ärzte die Augen rollen und versuchen einem eine vermeintlich bessere Geburt aufzuzwingen. Die Sprüche dazu tun weh. Nach dem ungeplanten Kaiserschnitt der Großen haben die mich auch ziemlich fertig gemacht. Nach dem jetzt, sind mir die "keine richtige Mama" und "nur stillen schafft Bindung" Sprüche relativ egal. Ich hätte mir keine schönere Geburt für die Kleine wünschen können. Und trotz der Medikamente zum Abstillen kam Milch und die Brust hat sich promt wieder entzündet, war aber gut zu behandeln und ich bin froh, mich gegen das Stillen entschieden zu haben. Rein körperlich betrachtet geht es mir tatsächlich relativ gut. Die Wunde heilt, ich bin schmerzfrei. Aber wie gesagt, ich fühle mich leer und weiß gerade nicht, wie es weiter gehen soll, was ich machen soll. Ich habe im Moment keine Kraft mich bei meiner Therapeutin zu melden, weiß nicht ob ich das nochmal schaffe. Ich fühle mich im Moment sehr alleine.
2015 Wunschkind, sek. Sectio, PPD
2021 Unfall, Wunschsectio, Angst und Vorwürfe

Bis heute fühlt sich die Beziehung zu meiner Großen falsch an...
Die ersten Tage mit der Kleinen in der Klinik waren wundervoll...
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Marika
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Re: Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von Marika »

Ich wünsche dir die Kraft, Hilfe zu holen. Aus meiner Sicht würdest du damit dein Leben in DEINE Hände nehmen und es aktiv verbessern.

Ohne natürlich eine ärztliche Expertise abgeben zu können, stehen in meinen Augen die Zeichen schon in Richtung Medikamenten Einnahme. Es sollte zumindest ein Gespräch darüber geben, würde ich mich zu sagen trauen. Von alleine wird sich ziemlich sicher wenig bis nichts an deinem Zustand ändern. Diese Kursänderung kannst aber nur DU einleiten, in dem du all deine Kraft zusammen nimmst und Hilfe holst.

Ich denke fest an dich, dass du es schaffst Kontakt zu deinen Fachleuten die dich schon ein mal begleitet haben, auf zu nehmen. Auch wenn es ganz schwer ist, es ist machbar! Wie wäre es, wenn dein Mann zum Hörer greift und den Kontakt herstellt? Bei mir war es damals mein Vater, der genau das getan hat!
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Mel
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Re: Das Erste nie verarbeitet

Beitrag von Mel »

Liebe I,
herzlich Willkommen bei uns. Du hast es bis hierhin geschafft, und das zeigt, dass du sehr stark bist! Du wirst auch den Schritt schaffen, dir wieder Hilfe zu holen- für mich klingt es ebenfalls so, als ob du dringend Hilfe in Form von Therapie und ggf. Medikamenten gebrauchen könntest. Du musst dich doch nicht unnötig quälen.
Wir sind hier für dich da und versuchen dich zu motivieren und aufzubauen.
Gib nicht auf!!
Mel
PPD seit Juli 2017, seitdem Mirtazapin 15mg
(Mit Unterbrechung), dann 30mg Mirtazapin und Opipramol 75mg,
Seit Sept. 2019 Sertralin,
mittlerweile 200mg und 15mg Mirtazapin.
Opipramol ausgeschlichen
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