eure Strategie?

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

Moderator: Moderatoren

Erbse

eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 27:05:2017 11:54

Hallo ihr lieben,
Ich bin auch einer der stillen Mitleser und schreibe selten etwas selbst, aber nun ist es mal wieder Zeit.
Schon allein das lesen hier hilft mir schon immer.

Nun aber eine konkrete Frage.
Was habt ihr für eine Strategie wenn sich mal wieder ein doofer, neuer ZG einnistet oder eine schlechte Phase beginnt.
Ich fühle mich dann so furchtbar hilflos und meine einzige Strategie ist: weitermachen! Aber es fühlt sich schwer und trostlos an. Meine Tochter ist nun drei Monate und wir kriegen es ganz gut hin, aber seit ein paar Tagen ist es wieder so unglaublich schwer und wie gesagt neue Gedanken drängen sich auf.
Ich bin schon fleißig am üben, schreibe positives auf, versuche nicht zu bewerten, sage mir es ist nur wieder ein anderer Gedanke, der hat nix mit der Realität zu tun (wie die anderen auch).
Therapie (VT) mache ich auch.

Insgesamt, und das kennen sicher viele, ist der Alltag aber so unglaublich schwer und es fühlt sich an wie ein schweres graues Kleid, dass nicht mehr ausgezogen werden kann (obwohl es so dringend mal in die Wäsche müsste ;-) ).

Wie kommt ihr so über die Runden.
Ich versuche mich viel abzulenken aber der "doofe Kopf" kommt immer immer mit.

Das so zu akzeptieren ist eine wirklich schwere Aufgabe finde ich!

Puhhh...das scheint draußen die Sonne und im Kopf ist fieses Gewitter.

Ganz liebe Grüße
Erbse

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 31:05:2017 13:27

Hallo ihr lieben,
Das Gefühl die Kontrolle zu verlieren und die Angst vor der Angst sind gerade wieder sehr dominant und rauben mir den Bezug zur normalen Realität. Dabei weiß ich dich theoretisch schon ganz gut wie das mit den ZGs funktioniert.

Trotzdem ist der Druck und die Anspannung zur Zeit wieder unerträglich.

Hat jemand vielleicht noch nen Guten buchtipp oder einen anderen Trick wie ich mich im einer so akuten Phase beruhigen kann?

Verzweifelte grüße

lotte
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Re: eure Strategie?

Beitrag von lotte » 31:05:2017 18:16

Hey Du,

ich kenne mich zwar nicht mit Zwangsgedanken, dafür aber Ängsten aus. Blöd ist immer, dass man das theoretisch, wie Du schon schreibst, gut einordnen kann, die Gedanken sich aber selbstständig machen und dann in akuten Phasen in der Katastrophe enden.

Ich kann mir vorstellen, dass Du vielleicht noch arg dagegen ankämpfst, also es möglichst wegdrückst, was da an blöden Gedanken kommt. Ist ja auch verständlich.
Versuche es aber mal anders herum: sag Dir, ok, Ihr doofen Biester. Ihr seid jetzt da, aber ich werde nicht verrückt wegen euch. Ihr geht auch wieder. Mir kann gar nix passieren! Annehmen als Ist-Zustand quasi. Nicht dagegen kämpfen. Sondern wie wenn Du im Meer badest, mit den Wellen gehen. Ent- statt Anspannung. Das geht nicht so von jetzt auf nun, aber versuche es mal. Oder tief ein und ausatmen, in den Bauch hinein.

Ablenkung hilft auch. Raus, mit Freundin treffen, egal, wie es sich anfühlt. Je öfter Du das machst, desto besser.

Leider sind 3 Monate keine ewige lange Zeit und somit gehts bei Dir eben noch viel auf und ab. Aber das wird mit der Zeit, auch in der Therapie.

LGL
Ängste soll man nicht verdrängen. Man muß mit ihnen gedanklich so lange Schach spielen, bis man sie mattgesetzt hat.

(Robert Pfützner)

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 31:05:2017 19:46

Hallo liebe Lotte

Vielen lieben Dank für deine Antwort.
Von der Idee her versuche ich es schon so, aber du hast recht ich versuche auch noch sehr dagegen anzukämpfen, weil es einfach den Tag so schrecklich trüb macht!

Ich werde deinen Tipp auf jeden Fall ausprobieren. Das Bild mit den Wellen ist gut, genau so etwas hilft mir immer schon. Vielleicht fallen euch noch mehr solche bildlichen Vergleiche ein wie man mit dem' Drama' umgehen kann.

Wie mir mittlerweile klar geworden ist habe ich mit Angst und ZG schon eine Weile zu tun und so langsam kann ich einiges aus den letzten Jahren ganz neu einordnen und das hilft schon,
Abet am schlimmsten ist das Aushalten dieser dfiesen Gedanken und Impulse.

Aber ich denke die Situationen deshalb zu meiden ist auch nix, das würde es wahrscheinlich verschlimmern oder es setzt auch einfach irgendwo anders drauf ...
Oder was meint ihr?
Kennt ihr noch hilfreiche Bücher oder Übungen?

Glg
Erbse

lotte
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Re: eure Strategie?

Beitrag von lotte » 31:05:2017 20:35

Meiden ist auf jeden Fall die falsche Strategie, weil Du den Gedanken damit unnötig Platz verschaffst und sie zur Bedrohung werden lässt.

Ich hatte zB früher oft Angst, mit den Kindern allein im Haus zu sein und musste das erst wieder neu "lernen", mir selbst zu vertrauen und das gar nix schlimmes passiert. Daran bin ich letztenendes auch gewachsen. Solche Momente immer wieder durchleben.

Das sind ja auch Tipps und Aufgaben aus einer VT. Sich bildlich vorstellen, wie der fiese Gedanke wieder mal nervt. Wegdrücken geht nicht, also soll er halt mal bleiben. Wird ihm langweilig, wenn Du ihn weniger beachtest. Aber eben nicht im Sinne von "der Gedanke MUSS SOFORT weg", sondern auch mal wieder auf Deine starken Seiten schauen. Auch wenn Du die Krankheit jetzt hast, ist sie nur ein Teil von Dir. D.h. der andere sollte versuchen, den Gedanken zu entlarven und dann was positives entgegen setzen: Sachen, die Du magst. Die dich stärken und entspannen.

Mir hat Yoga und Meditation geholfen. Oder mich selbst beobachten (wie ein neutraler Betrachter sozusagen), der neben mir steht und die Situation rational anschaut. Am besten aufschreiben: a) Situationsbeschreibung (was führt zu den negativen Gefühlen, aktuelle Ereignisse), b) Gefühle benennen: Wut, Angst, Trauer, Ohnmacht etc. In % angeben, wie hoch sie sind (0-100). Nicht alles, was sich negativ anfühlt, muss Angst sein. C) jetzt kommen die automatischen Gedanken: also: du denkst, du wirst verrückt, weil du negative Gefühle hast. Wie gültig sind diese Gedanken? Wieder einschätzen. Und d) die rationaleren Gedanken: wie sicher ist es, dass Du zb durchdrehst? Du wirst sehen, rational betrachtet wirst Du weniger % erreichen als bei den automatischen Gedanken. Das muss man üben ;=)

LGL
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(Robert Pfützner)

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 31:05:2017 21:06

Danke liebe Lotte

Das mit dem Aufschreiben und einschätzen werde ich mal probieren. Genau sowas konkretes fehlt mir. Meine Therapeutin hilft mir schon, aber sie istoft wenig konkret und gibt auch keine Hausaufgaben o.ä.das würde sicher nochmal weiter helfen.

Bei mir betrifft es aktuell leider das Stillen (was eigentlich bisher prima klappte). Am "liebsten' würde ich sagen ok..dann stille ich ab um der Situation aus dem Weg zu gehen, aber ich bin sicher das ist nicht die Lösung. Dann würde die Angst wahrscheinlich an einer andren stelle neue Gedanken produzieren und dafür ist mir delas stillen Viel zu wichtig!
Ich übe auch hier schon fleißig, aber so richtig will sich noch keine Erleichterung einstellen.
Und dass wiederum führt dazu, dass mich die Gedanken dich wieder total verunsichert und mir große Angst machen!

Es ist ein großer, doofer Teufelskreis.

Hast du verschiedenen Therapien gemacht?

Vielen Dank nochmal für die Guten Anregungen
LG und schönen Abend! !

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 31:05:2017 21:11

Ps: was meinst du genau mit dem Satz: wie gültig sind die Gedanken? Meinst du damit wie realistisch sie sind oder wie wahrscheinlich, dass sie umgesetzt werden?

julebär

Re: eure Strategie?

Beitrag von julebär » 01:06:2017 7:11

Genau das meint Lotte damit. Man nennt das auch, das ABC der Gefühle. Du fragtest nach Büchern, richtig?
Google doch mal nach dem PAL-Verlag. Doris Wolf hat ein gutes Buch genau dazu geschrieben: "Gefühle verstehen, Probleme bewältigen". Sie ist Dipl. Psychologin. Was die Zwangsgedanken angeht empfiehlt Marika (ein ganz wertvolles Mitglied hier, die sich wunderbar mit dem Thema auskennt) das Buch: der "Kobold in meinem Kopf"
Ich kenne diese Buch nicht, da ich zu den Ängstlerin gehöre und da meine Schwierigkeiten liegen.
VG Kerstin

lotte
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Re: eure Strategie?

Beitrag von lotte » 01:06:2017 7:12

Genau, gültig bedeutet, wie realistisch sind Deine Gedanken.

Ganz ehrlich, nach 3 Monaten wirst Du leider noch keine bahnbrechenden Erfolge erzielen können. Das braucht alles seine Zeit.
Hattest Du denn schon vor der SS und Geburt mit Ängsten zu tun?

Und ja, wenn es Dir gut tut, versuche weiter zu stillen, gebe also den doofen Gedanken nicht nach.

Ich habe 2 VTs gemacht. Das Lernen und Arbeiten an sich selbst hört allerdings nie auf. So kann es sein, dass ich sogar heute noch manchmal meinen Thera anrufe, um mit ihm kurz zu reden, Seelenmassage ;)

LGL
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Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 01:06:2017 8:41

Liebe Kerstin liebe Lotte
Danke für eure Antworten.
Ich Decke ich habe schon lange mit Ängsten zu tun, es hat mich aber noch nicht so stark eingeschränkt und belastet wird jetzt und seit der Schwangerschaft. Ich denke begonnen hat es nach einer Trennung vor ca. Neun Jahren und die Ursprünge sind sicherlich in der Familie verwurzelt. Da habe ich auch schon mal mit familienaufstellungen hingeschaut, aber es scheint noch nicht zu reichen.
In der 12. SSW bin ich 'von selbst' auf die Idee gekommen das Wort zwangsgedanken zu googlen, hatte vorher noch nie davongehort.
Seit dem wird mir imner klarer dass genau das mein Thema ist und ich habe seit dem auch schon die verschiedensten ZGs 'durch'.
Momentan wird es mir aber nochmal total deutlich, dass ich 'hartnäckig' daran arbeiten möchte, um v.a. für meine kleine gut da zu sein.
Ich merke dass mir tipps von erfahrenen sehr gut helfen und ich immer auf der Suche bin nach dem kleinen Worten und Sätzen oder Übungen die dir noch gutpassen und sich in meinem kopf verankern.
Das kobold im kopf Buch habe ich schon eine Weile zu Hause und hatte mal kurz rei gelesen, fand aber die Beispiele so schrecklich, dass ich es gleich wieder weggelegt habe.
Mittlerweile kann ich ganz gut drin lesen, aber immer nur soweit es nicht zu sehr ins Detail der Gedanken geht.
Ich habe tierisch Angst mir neue ZGs anzulesen. Ist mir schon einmal passiert und ich werde den Gedanken nur schwer wieder los.

Vielen Dank für den anderen buchtipp!
Habt ihr konkrete Atemübungen, die euch helfen?

Vielen, vielen Dank für den Austausch, das hilft mir schon sehr.
Schonen tag euch
Lg

Graureiherin
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Re: eure Strategie?

Beitrag von Graureiherin » 02:06:2017 14:09

Hallo Du,

gib mal in die Suchfunktion hier "Bücherecke" ein. Da sind noch mehr Büchertipps. Hansrüdi Ambühl "endlich frei von Zwangsgedanken" oder "Ganz zwanglos" von Oelkers sind auch sehr gut.
Sich Wissen aneignen ist sehr gut, weil Du dadurch Distanz zu den Gedanken bekommst, einfach weil Dein Ratio eingeschalten wird.

Allerdings, wie Lotte schreibt, mit Druck geht es nicht. Das Umgehen mit den ZGs dauert seine Zeit. Normal ist auch, dass immer wieder neue ZGs auftauchen, die man dann wieder überbewertet, wieder erneut zu kämpfen hat. Eine VT gibt Dir ganz konkrete Anleitungen, ich weiß nicht wie andere Theras vorgehen. Mir hat die VT viel gebracht.

Lese mal alte Beiträge von hier über Zwänge, da steht einiges drin.

ich habe leider keine Zeit mehr zu schreiben

trotzdem liebe Grüße
die Graureiherin
postpartale Zwangserkrankung 10/2012
Cipralex bis 2014
Rückschlag 2015, wieder Escitalopram bis 15mg
langsame Reduzierung auf 5 mg Escitalopram seit Juli 2017
Verhaltenstherapie beendet seit September 2017

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 04:06:2017 14:13

Das lesen muss ich verschieben.
Gerade wird alles nur noch schlimmer und ich werde richtig depressiv und kann seit Tagen nicht schlafen.
Wie steht man diese Phase nur durch? ????

Gerade versuchen wir uns Hilfe zu suchen.
Hoffe es klappt.

Lg Erbse

lotte
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Re: eure Strategie?

Beitrag von lotte » 04:06:2017 15:14

Hey Du,

Hilfe holen ist schon mal sehr gut! Nimm alles an, was Du kriegen kannst.

So blöd das klingt, aber es kann leichter werden, wenn Du versuchst, diese Phase jetzt so zu nehmen, wie sie ist. Will sagen: auf Knopdruck kriegst Du sie nicht weg, dagegen anstemmen bringt nur Erschöpfung. Das heisst nicht, dass Du aufgibst, tust Du ja auch nicht, da Du Dir Hilfe holst. Kannst Du Dich noch irgendwie ablenken, mal raus gehen? Tagsüber schlafen?

Das wird wieder besser! Es ist leider nur sehr mühselig, aber das bleibt nicht so!

Meld Dich wieder, ja?

LGL
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(Robert Pfützner)

Erbse

Re: eure Strategie?

Beitrag von Erbse » 04:06:2017 17:52

Danke liebe Lotte,

... gerade habe ich einen kleinen Lichtblick. In der Ambulanz war eine ganz nette Ärztin (selber Mutter) und die hat mich sehr ernst genommen. Ich kann ab Dienstag gleich in die Tagesklinik und eine Anschlussbehandlung bei einer ärztlichen Psychotherapeutin die sich auskennt kann sie mir auch vermitteln. Und was zum schlafen für heute Nacht hat sie mir gegeben.

Das ist schon mal eine kleine Unterbrechung aus dem Strudel in dem ich die letzten Wochen geschwommen bin.

Lg Erbse
Mein Freund und beste Freundin unterstützen mich auch gut!

Ich hoffe es geht nun wieder eiben ticken Bergauf!

lotte
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Re: eure Strategie?

Beitrag von lotte » 05:06:2017 9:46

Sehr gut!

Das hatte ich ganz vergessen, Dir zu schreiben, dass die Notfallambulanz auf jeden Fall über WE und Feiertage eine gute Option ist.

Schön, dass Du da eine nette und kompetente Ärztin gefunden hast.

Ich drücke die Daumen, dass es jetzt wieder bergauf geht!

LGL
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(Robert Pfützner)

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