Alles in Frage stellen

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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kapi
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Alles in Frage stellen

Beitrag von kapi » 03:10:2018 20:55

Hallo zusammen,
Mir geht es seit ca. zwei Wochen wieder etwas besser und es gab wirklich ein paar tolle Tage!
Seit zwei Tagen fängt es jedoch an, dass ich alles in Frage Stelle. Meine Ehe, meine Kinder, unser neues zu Hause. Und die Frage ob ich mein Leben in der Vergangenheit wirklich so gelebt habe wie ich es wollte. Diese Zweifel und diese Fragen bringen mich wieder zu meinem Loch.
Ist das Teil einer Depression?
LG Kapi

Graureiherin
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Re: Alles in Frage stellen

Beitrag von Graureiherin » 04:10:2018 21:27

Hallo Du Liebe,

Zweifel, gerade auch solche grundlegenden Zweifel gehören zur Depression dazu. Wichtig ist, dass Du ein paar Tage hattest die Du als gut, sogar richtig gut beschreiben kannst. Gerade nach guten Tagen erscheinen schlechte Tage noch gravierender. Man dachte "endlich, endlich wird es besser" wenn dann aber negative Tage kommen, benötigt man unheimlich viel Kraft sich damit erneut zu arrangieren. Dann sind auch negative Gedanken sofort wieder zur Stelle und wirken übermächtig. Man ist noch nicht in der Lage diese "schwarze Zeit" als vorrübergehende Phase zu erkennen.

Die guten Tage kommen aber immer wieder und auch immer mehr. Mir hat z. B. geholfen in den schlechten Zeiten wohltuende Aufschriebe/Gedichte zu lesen oder Zitate aus Büchern die mich immer wieder aufgebaut haben. Und natürlich sich hilfreiche Aufschriebe aus der Therapie vorzunehmen und das dort Erlernte anzuwenden. Manchmal ist es gut sich eine bestimmte Zeit zu nehmen (z. B. eine Stunde), in der man weint und die Zweifel zulässt. Danach sollte man dann aber weitermachen, rausgehen, jemanden Treffen etc. oder sich wie in einer eigen auferlegten Schulstunde an seineTherapiearbeitsblätter setzten. Das kostet viel Kraft, macht auch nicht wirklich Spass, aber es hilft tatsächlich die Gedanken in andere Bahnen zu lenken und mit mehr Übung wird es immer leichter.

alles liebe Dir und verliere nie den Mut! es lohnt sich!
die Graureiherin
postpartale Zwangserkrankung 10/2012
Cipralex bis 2014
Rückschlag 2015, wieder Escitalopram bis 15mg
langsame Reduzierung auf 5 mg Escitalopram seit Juli 2017
Verhaltenstherapie beendet seit September 2017

Nelli
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Re: Alles in Frage stellen

Beitrag von Nelli » 06:10:2018 13:28

Liebe Kapi,

diese Zweifel sind ja zugleich Ängste. Das heißt nicht, dass Du sie inhaltlich auf keinen Fall
ernst nehmen solltest - aber oft hat man mit unserer Krankheit leicht solche krassen Zweifel.
Um diese zu hinterfragen, ist die Therapie halt sehr nützlich.
Ich kenne solche Zweifel, sie sind teilweise total absurd und Ausdruck großer Unsicherheit,
manchmal auch Ausdruck eines geringen Selbstbewußtseins.
Selbst wenn Du denkst, dass Du tatsächlich ein wenig mit Deinem Lebensentwurf haderst, heißt das aber nicht,
dass er der falsche ist! Es ist normal und, wie ich finde, durchaus gesund, seine zurückliegenden
Entscheidungen immer mal wieder zu hinterfragen.
Nimmst Du mittlerweile AD?

LG, Nelli

Norma
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Re: Alles in Frage stellen

Beitrag von Norma » 15:10:2018 18:45

Hallo , ich verstehe dich nur zu gut , mir geht es gerade ähnlich , gerade die zweifel an Ehe und Haus . Ich kann Nachts manchmal kaum schlafen und gehe alle Szenarien durch . Ich habe meinem Mann sogar schon gesagt , dass ich ihn derzeit nicht liebe und er gibt sich wirklich viel Mühe seitdem ... aber ich kann es nicht sehen bzw. erkennen ... ich ergebe mich manche Tage voll und ganz meinen Ängsten und grübelein und bin zu nichts in der Lage ... leider habe ich auch keine Ahnung wie es besser werden könnte ... meine Psychologin hat mich eine Liste anfertigen lassen wollen , was ich an meinem Mann und das neue Haus liebe .... ich kam leider zu nichts ; ich bin gerade blind dafür ... nächsten Monat habe ich einen Termin beim Psychiater bekommen, ich hoffe man kann Medikamentös noch was machen
..es ist so schwer positive Gedanken zu finden .

Astrid
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Re: Alles in Frage stellen

Beitrag von Astrid » 16:10:2018 8:21

Ihr Lieben, gerade diese Gedanken gehören zu unserer Krankheit. Ich habe meinen Mann damals komplett abgelehnt und gehasst, als ich noch etwas, bzw. wieder etwas fühlen konnte... . Meine Thera meinte damals, dass wäre ein ganz gutes Zeichen, weil ich noch etwas fühle. :shock: . Für meinen Mann war das ganze nicht leicht und ich bin ihm unendlich dankbar, dass er bei uns geblieben ist. ich hätte mich garantiert verlassen. Aber es hat sich für mich alles vollkommen echt angefühlt. Mit meiner Genesung wurde es besser, aber es hat sehr lange gedauert. Ich musste mich erst wieder neu finden und auch die Beziehung zu meinem Mann war eine andere. Gebt nicht auf. In der Krankheit schwere Entscheidungen zur Beziehung oder Haus/ Umzug zu fällen, überlasstet einen nur noch mehr. Versucht das zu verschieben. Ihr müsst im Moment nur an euch denken. Danach ist noch Zeit. Eure Partner haben hier die Möglichkeit sich im Angehörigenforum auszutauschen, oder auch jemanden anzurufen. Oder bittet sie hier still mitzulesen, vielleicht entspannt das die Situation. Auch für die Partner und Familie ist schwer zu verstehen/nachzuvollziehen, was mit uns passiert, wir verstehen es ja selbst nicht. Aber die guten Phasen werden länger. Haltet durch.
Ganz liebe Grüße astrid
schwere PPD nach der Geburt des ersten Kindes 2006
2011 zweites Kind ohne PPD
heute gesund ohne Medis
beginnende Wechseljahresbeschwerden

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