Zwängler bitte um Antwort

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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schattenblume
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Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von schattenblume » 07:05:2019 16:24

Hallo ihr lieben, mich beschäftigt seit einiger Zeit der Gedanke das hier im Forum ja einige beschwerdefrei leben. Wie kann ich mir das vorstellen? Was bedeutet beschwerdefrei bei diesem Krankheitsbild?
Ich leide ja seit 2012 unter immer wiederkehrenden aggressiven Zwangsgedanken. Zeitweise geht es mir unheimlich gut als wäre nie was gewesen und dann kommt alles mit voller Wucht wieder zurück. Ich habe alles an Angeboten für Therapien etc mitgenommen in der Zeit. Nehme immer noch Medikamente aber beschwerdefrei bin ich leider immer noch nicht.
Ich frage deswegen weil ich immer noch daran glauben möchte das es auch mal wieder bessere Zeiten geben wird die dann auch laaaange andauern.
Mache ich irgendetwas falsch, gibt es überhaupt bei Zwangsgedanken eine Heilung?
Ich weiss im innersten das mich dieses Thema mein Leben lang begleiten wird. Aber ich hoffe auch das ich wie zb. Marika beschwerdefrei sein möchte.
Was denkt ihr darüber? Gibt es eine Heilung oder mache ich mir da was vor?
November 2010 Geburt meiner wundervollen Tochter
PPD mit Angststörung nach der Geburt
09/2012 Anfang von Zwangsgedanken
seit 12/2012 Cipralex 10mg

Kuni
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Kuni » 07:05:2019 16:50

Hallo Schattenblume,
ich kann dich so gut verstehen. Auch ich hatte Ende Dez. 2012 eine PPD mit Ängsten und ZG. Nehme seit dem noch immer mein AD. Mein Alltag ist rückblickend (trotz zwei Reduktionsversuche, die bis zu einer gewissen Dosis geklappt haben und darunter nicht) recht gut, meist zufrieden und glücklich. Ich bin halt ein wenig zwanghaft und überängstlich (mal bezüglich irgendwelcher Gedanken; Ängste um die Kinder; Gesundheit der Fam, uvm.) Aber vielleicht ist uns dies durch unsere Erkrankung nur viel bewusster als jemandem, der noch keine Krise durchgemacht hat. Ich habe in den ersten Jahren auch immer gedacht: es ist erst vorbei, wenn du keine komischen Gedanken mehr hast oder dein Tag "perfekt" war, alles so ein unrealistisches Zeug. Ich denke das liegt daran, dass wir vielleicht vor unserer Erkrankung gar nicht richtig wahrgenommen haben was wir so denken oder wie wir uns fühlen.
Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und könnte es so formulieren: vielleicht leben wir unser Leben/Alltag viel gesünder als die eigentlich Gesunden?! Denn wir sind uns unserer Gefühle und Gedanken bewusst. Trotzdem bin ich zur Zeit auch nervös und mal wieder unsicher, ob mein nächster Reduktionsversuch klappt. Im Herbst 2018 musste ich wieder erhöhen, weil ich mit der Dosis nochmal nach unten gegangen bin und das zu viel für meinen damaligen Alltag war (verstärkte Ängste).Hatte ich ganz schön dran zu knabbern und werde ich auch zukünftig sicher noch zu manchen Tag drüber grübeln (so bin ich halt :-).
Ich möchte es langsam angehen, wie beim letzten Mal. Mein Ziel ist von 20mg Escitalopram erst auf 17,5 bis Aug und dann auf 15mg über den Winter. Das wäre schonmal was. Aber die Angst wieder nicht "voll"belastbar zu sein, wenn es nicht klappt, begleitet mich auch täglich.
Bin gespannt was die anderen Mädels so schreiben.
Vg Kuni

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Marika
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Marika » 07:05:2019 20:21

Hallo Schattenblume...

In deiner Signatur steht du nimmst 10 kg Cipralex, hast du je mehr davon genommen?

Wichtig ist, dass man von einem AD die Dosis nimmt, die einen Beschwerdefrei macht und dann diese Dosis am besten 1 Jahr hält. Das war bei sogar 30 kg Cipralex, also über der Höchstdosis unter ärztlicher Aufsicht. Bei mir war das der Bringer. Mit dieser Dosis wurde ich beschwerdefrei und konnte dann langsam abdosieren.

Stabil bin ich nun schon seit wieder 9 Jahren mit 10 mg... Weniger geht aber nicht, das habe ich akzeptiert. Zwänge sind nicht einfach zu therapieren und ob es komplette Heilung ohne AD gibt? Keine Ahnung, aber ich glaube trotzdem dran... Nur wird es für jede von uns unterschiedliche Wege geben... :wink:
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von schattenblume » 08:05:2019 12:23

@Kuni danke für die lieben Zeilen. Ich wünsche dir bei der Reduktion viel Erfolg. Ich hoffe du schaffst das. Bei vielem was du schreibst gebe ich dir vollkommen recht.

@Marika auch dir lieben Dank für die rasche Antwort.
Du hast recht ich habe nie mehr wie 10mg Cipralex eingenommen. Zuletzt waren es 15mg für ca. 2 Monate.
Jetzt wurde ich auf Venlafaxin eingestellt, leider mit mäßigem Erfolg.
Mich interessiert halt tierisch was völlig beschwerdefrei bedeutet. Bedeutet das garkeine Gedanken in dieser Art mehr oder evtl doch aber keine angstmachenden Gefühle mehr dabei?
Kannst du mich diesbezüglich bitte aufklären. Das wäre mir seeehr wichtig
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Kikke
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Kikke » 08:05:2019 20:53

Ich würde meinen Zustand "beschwerdefrei" so beschreiben, dass die Gedanken mich nicht mehr in ein Tief reißen oder extrem traurig machen.

Die Gedanken sind da und auch ganz normale Muttergedanke, sie machen mich aber nicht mehr fertig. In meinen Tiefs hatte ich schon Angst davor, überhaupt zu denken, weil mich die Gedanken so schlimm getroffen haben.
November 2017: Schwere depressive Episode nach Geburt meines Sohnes.
Januar 2018: Zweimonatiger Aufenthalt in Psychiatrie ohne meinen Sohn (Medikament: zu Beginn Tavor, AD 60 mg Cymbalta).
Im Anschluss Beginn einer Verhaltens- und Schematherapie.
August 2018: 30 mg Cymbalta
September 2018: Cymbalta abgesetzt
Februar 2019: Letzte Sitzung bei meiner Therapeutin.
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Kikke » 08:05:2019 20:56

Es kommt noch was dazu: ich habe mit meiner Krankheit und dem was war Frieden geschlossen. Das ist ein sehr antreibendes Gefühl. So kannste ich es nicht. "Frieden schließen" war immer eine Floskel für mich. Jetzt sitze ich neben meinem Sohn im Sandkasten und denke: ja, so ist es halt.
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von November17 » 09:05:2019 8:18

Kikke,

wie hast du diese Akzeptanz geschafft bzw das Selbstbewusstsein bekommen keine Angst haben zu müssen, dass nichts passiert trotz der Gedanken?

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Kikke » 09:05:2019 9:27

Meine Therapeutin hat mir viel geholfen. Ich kann gut mit meinen arbeiten und negative Gedanken umdenken. Mantra-artig.

Außerdem pure Konfrontation. Ich sehe ja, dass nichts passiert. Je öfter ich mit meinem Sohn alleine war, umso besser ging es.
Dazu muss ich aber sagen, dass ich ein ad genommen haben und am Anfang mindestens wöchentlich Therapie hatte.
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von November17 » 09:05:2019 11:17

Meine Therapie fing m.E. im Oktober an. I.d.R. 1x die Woche, aber zwischendurch auch mit einem Abstand von 2 oder knapp 3 Wochen urlaubsbedingt.

Und ja ich habe bisher kein AD genommen.

Ich muss sagen, selbst in der Tagesklinik sah man davon ab als auch die Therapeutin bisher. Es wurde zwar thematisiert, aber nicht unbedingt als notwendig angesehen.

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Marika » 09:05:2019 11:52

Meine Beschwerdefreiheit ist so: solche Gedanken gibt es, aber sie sind weder mit Angst und schon gar nicht mit Zwang behaftet. Genau so ist es ja auch bei Menschen, die nie mit Zwängen zu tun hatten. Die Gedankenhinhalte sind völlig normal, sie kommen und gehen, meist werden sie nicht mal richtig registriert. Es sind Gedankenspielereien, die nicht bewertet werden. Und genau so spielt sich das auch bei mir ab.

Ich habe in all den Jahren immer weiter an mir gearbeite. Sei das Literatur, seien das Alternative Methoden... ich habe alles genommen, was mir stimmig erschien und in mein Leben integriert. Auch "Frieden schließen" mit der "Besonderheit" :wink: war ganz wichtig. Und das verstehen, dass ich NICHT gegen die Gedanken kämpfen muss - die sind NORMAL!!! Es geht um den Zwang dahinter!
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von November17 » 09:05:2019 18:27

Liebe Marika,

und dieses normal ist für mich ja der Punkt. Solche Gedanken können doch nicht normal sein denke ich mir.

Und ganz arg diese blöden körperlichen Regungen, die mich so sehr verunsichern.

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Marika » 09:05:2019 19:17

Doch, sie sind normal, jeder Mensch hat solchen Gedankenmüll. So lange du das nicht annehmen kannst, so lange wirst du vergeblich kämpfen. Das zwanghafte immer wieder Denken - DAS ist das was man angehen muss. Diese "Regungen" sind keine, sie kommen von der Angst - du hörst so lange in dich bzw. auf gewisse Körperstellen rein, dass du denkst, da ist was.

Gesunde - wenn sie einen solchen Gedanken überhaupt merken - sind sich absolut sicher, dass das Quatsch ist und niemals auch nur annährend zutrifft. Bei uns steckt Unsicherheit dahinter, wenig Selbstvertrauen und all das was wir schon geschrieben haben. Daraus entsteht Angst und Zwang.

Es bleibt dir nur dieser eine Weg: versuch zu verstehen und zu akzeptieren, dass solche Gedanken immer schon zum Mensch sein dazu gehört haben. Wenn du die Inhalte bekämpfst, bist du auf verlornem Posten. Das muss irgendwie in deinen Kopf rein... :lol: :lol: :lol:
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von November17 » 09:05:2019 20:26

Ach meine Liebe,

hast du irgendeinen Knüppel, der mir das einprügeln kann? :roll:

Das mit den Regungen fühlt sich aber so echt und zeitgleich an...als könne man es sich nicht einreden und so schnell beschwören.

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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von Kikke » 09:05:2019 20:46

Es ist erstaunlich, was die Psyche alles mit dem Körper anstellt. Ein Jugendlicher aus Syrien hat mir berichtet, dass er immer beim Probealarm der Feuerwehr kalte Schweißausbrüche hatte. Er ist mit 3 aus seiner Kriegsheimat weg. Das hat der Körper auch nicht bewusst gemacht. Er hat einfach sofort den Alarm mir Panik und Angst verbunden.
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Re: Zwängler bitte um Antwort

Beitrag von November17 » 10:05:2019 8:13

Und bei mir sind es sehr viele Situationen, die mich mittlerweile triggern.

Alleine auf Klo sitzen und wenn er dann schon nach 30 sek an der Tür kratzt. Duschen, und ich höre ihn. Wickeln. Oder wenn er mich berührt.

Und dadurch merke ich diese innere Anspannung, körperliche Regungen etc.

Dieses WE bin ich das erste Mal nachtsüber weg. Klar, er hat auch schon bei Oma und Opa Nächte verbracht, aber heute fahre ich als Mädelstrip eine Nacht weg und komme erst morgen Abend wieder und er bleibt mit Papa.

Andere Mamas würden sich bestimmt freuen, und ich hinterfrage wieder ob ich als Mama so etwas darf. Lasse ihn zurück. Nicht dass mir meine Freiheit mehr gefällt und es mich dann noch mehr runterzieht. Kennt ihr das?

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