Sicherheit vs. Unsicherheit

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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November17
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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 04:06:2019 22:07

Hast du denn Rückhalt von deinem Mann in dieser Zeit?

Ich kann schwer sagen, ob ich mich wohler fühle. die ersten Wochen nach der Geburt waren ok. Dann kam die Pille um die extreme Blutung zu stoppen und kurze Zeit später kam dann mein erstes Tief.

Ob ein Zusammenhang besteht weiß ich nicht.

Nur traue ich mich nicht abzusetzen.

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Kikke
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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von Kikke » 05:06:2019 6:20

Dann setze sie auch nicht ab. Man sollte oft auf sein Bauchgefühl hören.
November 2017: Schwere depressive Episode mit psychotischen Anteilen

Aktuell: Der normale Mutterwahnsinn

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 05:06:2019 19:14

Ja, er unterstützt mich sehr. Natürlich trauert er anders als ich. Aber das ist allgemein der Unterschied beim Trauern von Männern und Frauen.
Sonst ist man ziemlich alleine. Viele können sich nicht vorstellen, dass man um ein Kind, was noch nicht geboren ist, trauert. Dabei beginnt die Liebe bereits mit dem Wissen um die Schwangerschaft. Das habe ich dadurch lernen dürfen.

Ja, dann würd ich sie auch nicht absetzen. Hör auf dein Gefühl!

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 28:06:2019 9:51

Hallo ihr Lieben,

wenn man so andere Berichte von Zwänglern liest, kommt es immer wieder zu der Annahme unterdrückte Wut könnte dahinter stehen. Seht ihr das auch so?

Ich halte davon nicht viel, weil ich der Meinung bin, dann würde man ja gerade den Gedanken wieder mehr Bedeutung zu messen als sie im Grunde haben. Außerdem ist ja wissenschaftlich erwiesen, dass jeder Mensch solche Gedankenspielereien hat. Bei uns drängen sie sich nur so lästig auf, weil wir Angst davor haben und sehr unsicher sind. Also ich persönlich halte nicht viel von dem Ansatz.
Ich hab eher das Gefühl, das Gehirn will mich immer und immer wieder "testen", um doch irgendwie Sicherheit zu erlangen.

Liebe Grüße

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 28:06:2019 11:55

Schwierig zu sagen Sternschnuppe!

Ich hatte gestern auch mehr ZG und ich war wirklich wütend/genervt übermüdet!

Heute morgen beim Wickeln ging es gut und dann als ich mit der Hand an die Hoden kam wurde es mehr. Davor war ich aber auch gestresst mit aufräumen, Wäsche und Co. und der kurze hing mir am Bein oder machte nur Mist um die Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und die Situation von heute morgen beschäftigt mich nun.

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 28:06:2019 12:10

Gut, wenn man gestresst ist, ist man schon anfälliger aber ich finde nicht, dass man da irgend eine Wut unterdrückt.

Außerdem war die Situation bei dir heut morgen ein typischer Trigger. Es war schon fast klar, dass da ein ZG kommt.
Also eigentlich schon mal gut, weil das eine Art Exposition ist und du dich der Situation stellst.

Natürlich sicherlich für dich auch nicht einfach, wenn dein Kleiner so anstrengend ist und dir nur am Rockzipfel hängt.
Aber normal müsste doch auch bald mal die Papaphase kommen :D Vielleicht kannst du da etwas aufatmen :wink:

Hast du mal überlegt, ihn doch mal für ein paar wenige Stunden, kann ja vormittags sein, in eine Kita zu bringen oder zu einer Tagesmutti? Dann hättest du auch mal ein paar Stunden für dich und kannst dir was Gutes tun. Wärst auch nicht ganz so nur auf die Eltern angewiesen. Ist nur eine Idee, keine Wertung. Könnte mir nur vorstellen, dass das auch ein wenig entlasten kann und er ist dort auch abgelenkt mit anderen Kindern.

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 28:06:2019 14:14

Indirekt war das ja auch Wut in einem. Wütend auf meinen Mann, wütend auf mich selber. Auf den Kleinen wobei ich mich frage, ob es Wut oder Genervtheit gepaart mit Müdigkeit war.

Und dann ist dieses Gefühl wie außer Kontrolle zu geraten bzw nur nicht aus der Kontrolle raten.

Er ist im Moment wirklich anstrengend und fordernd. Und man merkt, dass man ihm nicht den ganzen Tag die Action bieten kann und will. Und das nicht wollen fühlt sich wieder schlecht an. Und ich bin schon wirklich viel unterwegs und bei den Eltern, so dass er dadurch auch mit anderen ist. Dennoch habe ich immer den Blick auf ihn und die Verantwortung.

Ja es ist ein Trigger gewesen...aber ich wickeln ihn ja schon täglich...meist ist dann der Papa vor der Arbeit noch Heim oder wir bei Oma und Opa oder in der Öffentlichkeit wenn man unterwegs ist. Alleine kommt wirklich nicht so oft vor.

Das schlimme an der Sache heute morgen war...es war anfangs relativ normal und klappte und dann war es wie als sei es egal, dass ich ihn angefasst habe. Egal wie sogar "lustig" bzw. positives Gefühl. Schwer zu erklären.

Und im Garten musste ich ihn vorhin eincremen wegen der Sonne und es war wie so ein Kribbeln...man weiß ja selber wie es ist, wenn jemand einem die kalte Creme drauf macht und das Gefühl hatte ich selber dabei, obwohl ich ihn eincremte. Letztes Mal hatte ich es z.B. nicht beim Eincremen.

Bzgl. KiTa ist er angemeldet, die nehmen aber erst ab 2 Jahren an und er fällt dieses Jahr raus, da er im August keine 2 ist. :?

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 29:06:2019 22:09

Das mit der Kontrolle ist der wichtigste Punkt. Deswegen ist der genaue Inhalt der ZG im Prinzip egal: Es geht immer um Kontrollverlust über sich selbst. Zumindest ist das bei meinen ZG immer genau der Punkt: Angst die Kontrolle zu verlieren.
Bestimmt ein Muster aus der Kindheit.
Kontrolle, Sicherheit, bloß keine Unsicherheit :lol:

Dann wäre eine gute Exposition ihn öfter mal allein zu wickeln. Ist doch normal, dass du ihn beim Wickeln auch da berührst. Aber das weißt du ja selbst.

Und bei den "Gefühlen" lass dich nicht täuschen, du achtest einfach zu sehr auf jegliche Körperregungen, die mit den Gedanken im Zusammenhang stehen könnten.
Wenn ich mich auf bestimmte Körperstellen konzentriere, nehme ich auch was wahr :-) Lass dich nicht täuschen, das ist auch wieder nur der Zwang.

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 29:06:2019 22:20

Ja und ich merke, dass dieser Kontrollverlust in Stresssituationen und wirklich wenn ich gereizt bin und meinen Groll runterschlucke, stärker wird.

Gefühle können wohl arg täuschen :(

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 30:06:2019 21:12

Ja, das können sie tatsächlich :-)

Ich glaube die Angst vor dem Kontrollverlust ist der Hauptgrund für den Zwang :wink:

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 30:06:2019 21:33

Wenn ich bedenke, dass die Gedanken das erste Mal in einer Ausnahmesituation vorkamen...nachts ohne Mann, was schon unschön war. Alleine mit Kleinkind unfreiwillig. Übermüdet von der Arbeit. Schlaflose Nacht durch brüllende Nichte, die nicht schlafen wollte und an mir klammerte!

Also die Situation nicht wirklich gemeistert. Hatte auch noch nie diese Art von Erlebnis, Kind was permanent schreit und nicht schlafen wollte. Unsicher fühlte ich mich abends eh alleine.

Da nicht die Kontrolle zu verlieren, ist schon schwer.

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 01:07:2019 8:53

Ja aber du hast sie ja nicht verloren :mrgreen:
Das hat Marika ja mal super erklärt mit den Prozessen im Hirn.

Unsere Ängste diesbezüglich sind auch ein Zeichen von Über- statt Unterkontrolle :-)

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von November17 » 01:07:2019 21:15

Alleine überhaupt an den Punkt angekommen zu sein, wirft mich schon aus der Bahn.

Die Krankheit sucht sich auch immer was Neues. Besser gesagt, es dreht sich immer um das Selbe. Aber in neuen Situationen, neue Gedanken etc. :cry:

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von sternschnuppe_ » 01:07:2019 21:54

Das stimmt allerdings :cry:
Ich schätze aber das liegt einfach dran, dass das Hirn dann durch die Angstreaktion auf diese Themen sensibilisiert ist :roll:

Assoziationsmaschine... und "Gefahr", also bei Zwänglern ja Fehlalarm, wirft noch mehr Verbindungen auf den Schirm.

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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Beitrag von Marika » 02:07:2019 8:08

Zuerst einmal muss man sich als Zwängler klar werden, dass Wut, Ärger und "mentales Abreagieren" völlig normale und wichtige menschliche Reaktionen sind. Genau da haben wir massive Probleme. In der Folge kommt es vermehrt vor, dass wir Ärger und Wut unterdrücken - oft unbewusst. Das verursacht aber Stress, weil es "unnormal" ist. Das kann sich in weiterer Folge dann wieder in ZG äußern. Daher geht man auch davon aus, dass ZG durch unterdrückte Wut eher genährt werden. Das heißt aber nicht, dass wenn wir die Wut raus lassen, wir die ZG umsetzen - eben nicht!!!! Warum nicht? Weil wir als Zwängler einen überaktiven "Frontalen Kortex" haben, das ist das Gehirnareal hinter der Stirn. Das ist auch der Sitz der Impulskontrolle. Es geht bei ZG und Zwängen aber im Wesentlichen IMMER um Kontrolle - sogar über unsere Gedanken.

Ihr kennt sicher folgendes: Ihr ägert euch extrem über jemanden - vielleicht im Straßenverkehr. Da sind euch doch mit Sicherheit schon so manche Bilder durch den Kopf gegangen, oder ihr habt gedacht... "Dir sollte man jetzt grad eine reinhauen"... Und? Habt ihr der Person dann eine reingehauen? Nein! Warum? Weil eure Impulskontrolle das verhindert, in unserem Fall arbeitet sie noch mehr als bei Gesunden. Daher ist es auch logisch, dass wir trotz ZG noch viel weniger im Stande sind "auszurasten" als Gesunde. Das Problem dabei ist ein kleines - aber Gravierendes: bei einem überaktiven Kortex werden ZG erzeugt... Versteht ihr den Kreislauf!

Auch bei unseren Kindern ist es völlig klar und menschlich und natürlich, dass wir in Wut geraten. November - in deinem Fall auch bei deiner Nichte! Nur das zu akzeptieren - das gelingt uns dann nicht, wir unterdrücken diese Emotion. Das erzeugt Stress in uns und erzeugt ZG. Was glaubt ihr, wie oft ich in Gedanken meinem Sohn schon so manche Watsche verpasst habe... Schon etliche!!! Seid ihr jetzt schockier? Braucht ihr nicht, das ist eine völlig normale menschliche Regung. Natürlich habe ich das nicht immer so gelassen sehen können, oh nein! Das musste ich mühsam begreifen und hart arbeiten in der Therapie!

Heute weiß ich einfach, dass dieses innere Abreagieren völlig normal ist und sogar ein wichtiger Prozess im Verarbeiten von Wut! Niemals ist es ein Zeichen, dass man ZG ausführen würde!!! Im Prinzip versuchen wir als Zwängler ständig eine menschliche und noramle Rreation unserer Gedanken zu kontrollieren und zu unterdrücken. Ich glaube November, gerade du hast da noch massive Probleme. Vielleicht magst du dir da mal eine Notiz für deine Therapie machen...
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

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