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Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 02:07:2019 15:28
von sternschnuppe_
Also beim Autofahren fluche ich auch gerne :oops: Da hätte ich so manchen auch gerne mal aus seinem Auto gezerrt und eine verpasst :lol: Aber bei der Situation fällt es mir leichter mich abzugrenzen, weil ich da weiß, dass es sehr unrealistisch wäre, diese Gedanken umzusetzen. Also da bin ich mir ulkigerweise sicher.

Ich hab auch mal meiner Therapeutin ein Beispiel genannt, wo ich gut mit Unsicherheit leben kann. Theoretisch könnte jeden Tag die Welt untergehen aber es ist doch sehr unwahrscheinlich. Oder es könnte ein neuer Krieg ausbrechen. Trotzdem kann ich da mit dem Risiko leben und geh nicht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist. Trotzdem besteht natürlich immer das potenzielle Risiko. Der Unterschied ist, dass ich es da besser akzeptieren kann, weil ich selbst darauf keinen Einfluss habe. Da kam sie auf mein hohes Verantwortungsbewusstsein :oops: Außerdem meinte sie, dass die Wahrscheinlichkeit mit dem Krieg viel höher ist als dass ich die ZG in die Tat umsetze.

Ein anderes Beispiel: ich könnte ja auch die Kontrolle über mich verlieren und nackt durch die Gegend laufen :lol: (ich weiß blödes Beispiel) aber da bin ich mir sicher, auch wenn die minimale Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich es nicht tun würde :lol: Warum kann das bei meinen Zwängen nicht so sein? Weil da im Prinzip mehr auf dem Spiel stünde und es mir daher Angst macht? Weil es meine allergrößte Angst spiegelt?

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 02:07:2019 16:31
von Marika
... und weil hier dein Kind dem deine größte Liebe gilt im Vordergrund steht. Es wäre das schlimmste wenn dem Liebsten dass wir haben etwas passiert... Und der Super Gau wäre es, wenn es durch uns wäre...

Daher liegt unser Hauptaugenmerk darauf und unser Kontroll- und Sicherheitsbedürfnis ist extrem hoch. Die Angst ebenfalls...

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 02:07:2019 21:15
von November17
Ein soooo komplexes Thema.

In der Therapie muss ich es im August wirklich noch einmal ansprechen. Die Genehmigung der Krankenkasse zur Verlängerung ist bisher noch nicht durch. :shock:

Vielleicht geht sie nun mehr auf die ZG ein, nachdem ich meine Ziele formuliert habe.

Das Schlimme ist einfach die Kombination der Gedanken, Gefühle und in meinem Fall reale / zufällige Berührungen seitens Kind, die wieder zu ZG führen etc. Und es sind so viele Trigger/Situationen mittlerweile geworden. Erinnerungen und sogar verdrehte Vergangenheiten kommen mir manchmal in den Kopf. Situationen aus der Vergangenheit, die ich hinterfrage ob da bereits irgendwelche Absichten steckten.

Und durch die ZG spürt man irgendwie die Liebe zum Kind nicht, so kommt es mir zumindest vor.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 02:07:2019 21:49
von sternschnuppe_
Super Gau trifft es wirklich gut :lol:
Es spiegelt einfach unsere allergrößte Angst wider oder?
Der Zwang ist schon trickreich :-)
Wie hier schon mal jemand geschrieben hat: Schon hochinteressant, wenn man nicht gerade mittendrin steckt.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 02:07:2019 21:56
von sternschnuppe_
November17 hat geschrieben:
02:07:2019 21:15
Ein soooo komplexes Thema.

In der Therapie muss ich es im August wirklich noch einmal ansprechen. Die Genehmigung der Krankenkasse zur Verlängerung ist bisher noch nicht durch. :shock:

Vielleicht geht sie nun mehr auf die ZG ein, nachdem ich meine Ziele formuliert habe.

Das Schlimme ist einfach die Kombination der Gedanken, Gefühle und in meinem Fall reale / zufällige Berührungen seitens Kind, die wieder zu ZG führen etc. Und es sind so viele Trigger/Situationen mittlerweile geworden. Erinnerungen und sogar verdrehte Vergangenheiten kommen mir manchmal in den Kopf. Situationen aus der Vergangenheit, die ich hinterfrage ob da bereits irgendwelche Absichten steckten.

Und durch die ZG spürt man irgendwie die Liebe zum Kind nicht, so kommt es mir zumindest vor.
Hast du dir mal überlegt, die Therapeutin zu wechseln und nochmal nach einen Therapeuten zu suchen, der auf Zwänge spezialisiert ist?

In Englisch heißt es immer "Exposure and Response Prevention" ist der Goldstandart gegen Zwänge. Also Exposition mit Reaktionsverhinderung. Ich denke das wäre bei dir auch wichtig, da du auch immer viel in körperliche Gefühle hinein interpretierst. Bei der Reaktionsverhinderung geht es darum die Angst und/oder andere Gefühle auszuhalten, ohne diese durch mentale Beruhigung (analysieren, bewerten, Gegengedanken usw.) mildern zu wollen. Die Gedanken sind ja nicht das Problem, sondern unsere Reaktion in Form von geistigen "Zwangshandlungen". Dadurch kommt der Kreislauf erst immer wieder in Gang :roll:

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 6:57
von November17
Liebe Sternschnuppe,

bei mir bremst mich stark der Inhalt meiner Gedanken.

Wie du schon meintest: Kriege und Katastrophen kann ich schon eher akzeptieren, aber die sexuellen ZG nicht.

Ich halte diese Unsicherheit dann nicht aus. Ich meide solche Situationen und wahrscheinlich auch aus dem Grund wie Kikke in einem anderen Beitrag schrieb "Angst vor der Angst".
Erwartung, dass jeden Moment wieder Gedanken und Gefühle kommen.

Und es fällt mir schwer die Gefühle Mann vs Kind zu trennen. Meide dadurch auch die körperliche / intime Nähe zu meinem Mann.
Auch weil das Rollenbild als Mutter bei mir noch verzerrt ist. Intimität als Eltern und Kinder im Haus verband ich immer mit Ekel und Scham.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 7:01
von sternschnuppe_
Ja und Vermeidung ist auch so eine Zwangshandlung. Die signalisiert dem Hirn dann auch Gefahr.

Hast du schon mal überlegt, dass es ja auch andere ZG gibt, die sich bei dir nicht festsetzen würden? Also andere Themen betreffend.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 7:12
von November17
Klar hört und liest man von vielen anderen Zwängen und Gedanken.

Es sind halt noch mehrere Baustellen bei mir würde ich behaupten.
Das Rausziehen und etwas für sich tun ist noch schwer. Unangenehm Eltern zu fragen, den Kleinen zu übernehmen für mein Vergnügen so gesehen. Sie passen ja schon 2 Tage auf, während ich arbeite und zudem sind wir oft bei oder mit ihnen im Alltag.
Als Mama zugeben, dass man Langeweile hat und keine Lust jeden Tag mit Kind zu sein.

Wobei ich natürlich nicht weiß, wie es sich ohne die ZG entwickelt hätte. Ob es mir dann auch so langweilig gewesen wäre bzw ich das Problem gehabt hätte alleine zu sein.

Ist deine Therapeutin in der Klinik schon näher auf das Thema eingegangen?

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 8:18
von sternschnuppe_
Warum magst du dir denn nichts gönnen? Es können ja auch Kleinigkeiten sein. Vielleicht tust dir auch mal was Gutes, wenn der Kleine z.B. Mittagsschlaf macht oder abends im Bett liegt. Da kann man bestimmt auch was Gutes für sich tun, ohne, dass die Eltern involviert sein müssen :wink:

Woher hast du das, dass du keine Langeweile zugeben darfst? Von den Eltern? Ich glaube nicht, dass die immer vor Glück und Liebe bei euch übergeschäumt sind :lol: Am Ende sind es oft sogar noch Überzeugungen von Generationen zu vor...
Frauen sollten jede Sekunde um ihr Kind sein, das macht eine gute Mutter aus... blablabla. In der Nazizeit wurde ja auch das Mutterbild stark propagiert. Auch heute zeigen die Leute in den sozialen Medien nur das Positive. Das verfälscht aber total das Bild vom Leben und auch Weltbild.

Wir haben bisher erstmal allgemein geredet. Auch ein wenig in der Kindheit geschaut und da kam eben sehr schnell die Eigenschaften auf, die für Zwängler typisch sind: Kontrollbedürfnis, sehr hohes Bedürfnis nach Sicherheit und auch hohes Verantwortungsbewusstsein. Da konnten wir gut den Bezug dazu herstellen.
Ansonsten haben wir gestern nochmal die belastenden Ereignisse der letzten Monate besprochen, weil sie davon ausgeht, dass dies auch dazu beigetragen hat, weshalb es jetzt so stark ausgebrochen ist. Interessant war auch, dass sie festgestellt hat, dass ich immer sehr auf andere achte, also deren Gefühle und da meinte sie gestern mal direkt: "Jetzt geht es mal nur um Sie. Wie Sie sich fühlen, um Ihre Gedanken. Wir stellen jetzt mal Sie an die erste Stelle."
Das hat mir bewusst gemacht, dass ich sehr oft darauf achte, Gefühle anderer nicht zu verletzen bzw. viel Rücksicht auf andere nehme und auch oft versuche deren Verhaltensweisen in bestimmten Situationen zu erklären oder gar zu entschuldigen.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 13:08
von November17
Und auch hier haben wir Parallelen.

Ich verkneife mir oft meine Meinung, um andere nicht zu verletzen. Habe nie jemandem gezeigt oder gesagt, wenn es mir schlecht ging. Ich habe jahrelang niemanden was gesagt in Bezug auf das verspielte Geld und die Problematik aus Angst und Scham.

Kontrolle und Sicherheit sind also auch große Themen bei mir! Und das Gefühle zeigen nach außen konnte ich nie.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 03:07:2019 18:10
von sternschnuppe_
Das mit der Meinung kenne ich auch.

Allerdings zeige ich schon, wenn es mir nicht gut geht. Zumindest den engsten Menschen. Auch Gefühle zeige ich. Wenn auch nicht nur die Positiven :lol: Kann aber natürlich auch sein, dass es Außenstehende auch anders wahrnehmen.

Ich schätze man hält Gefühle hinter Berg, weil man als Kind ein Muster entwickelt hat, wo die Eltern sie gar nicht wahr oder nicht ernst genommen haben.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 04:07:2019 7:34
von November17
Ich weiß nicht woher es resultiert, aber ich habe wirklich schon in jungen Jahren die Gefühle versteckt.

Ich erinnere mich an Sprüche, wenn man geweint hat: Alle gucken dich an und sehen wie du weinst.
Manchmal auch mit einer Art Auslachen, wenn ich wohl "sinnlos" geweint habe.

Wütend sein war auch immer mit Sprüchen behaftet: nicht wütend sein! Darf man etwa Mama gegenüber wütend sein? Etc

Schon als ich in der Grundschule war, wäre ich nie auf die Idee gekommen meinen Eltern oder Geschwistern zu sagen, dass ich einen Schwarm hätte. Je älter ich wurde umso weniger.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 04:07:2019 18:38
von sternschnuppe_
Aber heute hast du anders als als Kind die Chance wieder zu lernen Gefühlen einen Ausdruck zu geben.
Vielleicht wäre auch Arbeit mit dem inneren Kind hilfreich mit der Therapeutin, da du dich ja oft auf deine Kindheit beziehst.

Hattest du keine Vertrauten? Konntest du dich Freundinnen anvertrauen? Ich konnte sowas immer mit meinen Schwestern oder auch meiner Mutter bereden. Gefühle halte ich zwar bei Fremden zurück, bei engen Vertrauenspersonen nicht. Überhaupt brauchte ich es da immer zu reden, wenn mich eine Situation bedrückte.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 04:07:2019 22:00
von November17
Ehrlich gesagt nicht!
Meine Mama hätte so etwas nicht ernst genommen bzw. ich habe gar nicht erst versucht ihr etwas zu erzählen, da sie es ins lächerliche gezogen oder gemeckert hätte.

Ihre Haltung dazu kannte ich.

Ich erwähnte ja schon einmal, dass es mehr Angst/Scham ggü der Eltern war als Respekt oder Vertrautheit.

Ich weiß, dass ich auf sie zählen kann und sie immer helfen würden. Aber ich weiß auch, dass es oft nach deren Meinung gehen muss. Wenn ich dann mal Kontra gebe, ist die Stimmung direkt angespannt und man merkt, dass es ihnen nicht passt.
Habe mich eigentlich immer gefügt, um sie nicht zu verletzen.

Richtige Hobbies als Kinder hatten wir auch keine...es wurde aber auch kein Wert darauf gelegt uns dahingehend zu motivieren in einen Verein zu gehen oder Ähnliches.

Albern sein wurde direkt kritisiert oder man sah die Langeweile, Genervtheit meiner Mutter.

Re: Sicherheit vs. Unsicherheit

Verfasst: 05:07:2019 10:55
von sternschnuppe_
Aber heute bist du erwachsen und kannst es lernen anders zu machen. Du musst es ihnen nicht recht machen, du musst auch nicht immer ihrer Meinung sein. Du darfst albern und witzig sein, wann immer du Lust drauf hast. Vielleicht hilft es ihnen ebenfalls zu lernen, dass nicht immer alles nach ihrer Nase gehen muss.

Was sind denn deine Geschwister für Typen? Trauen die sich Grenzen zu setzen oder mal was zu sagen?
Oder sind sie ähnlich zurückhaltend?

Hast du das mal in der Therapie angesprochen?

Es ist sicher wichtig, auch mal in die Vergangenheit zu schauen aber ändern kannst du es jetzt in der Gegenwart. Deswegen find ich es auch wichtig, nicht zu viel Augenmerk auf Vergangenes zu lenken. Im Nachhinein ist es eh nicht zu ändern. Wir müssen jetzt lernen, mehr auf uns zu achten. Zu unserer Wahrheit zu stehen und wir müssen auch nicht immer jedem alles recht machen, weil wir heute anders als als Kind nicht mehr auf das Wohlwollen der Eltern angewiesen sind, um zu überleben.