Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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Julia
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Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Beitrag von Julia » 28:08:2019 12:18

Hallo zusammen,

ich fühle mich gerade so miserabel und elend... Gerade war meine Schwiegermutter hier und wir haben über mein „Problem“ gesprochen. Muss ich mich tatsächlich einfach nur etwas zusammen reißen oder wie sie sagte mich selbst an die Nase packen? Den Hintern hoch bekommen? Ich bin so verunsichert und zugleich auch wütend. Es trifft doch andere viel härter und haben richtig krasse Schicksalsschläge... Bei mir ist doch von außen betrachtet alles wunderbar und ich habe was ich brauche. Bilde ich es mir irgendwie doch nur ein? Es muss mir doch eigentlich gut gehen!

Aber wie kann man sich am Riemen reißen wenn man oft einfach nur erschöpft ist und müde? Und wenn man ständig in dieser verdammten Vergangenheit hängt bei einer Geburt die man sowieso nicht mehr ändern kann.

Meine Schwiegermutter ist ein wirklich lieber Mensch aber Sie versteht es nicht und ich kann es nicht erklären, denn ich verstehe es ja selbst nicht so wirklich... ich habe ihr daher auch erst im Januar das erste mal davon erzählt. Seitdem haben wir kein Wort mehr darüber verloren bis vor ein paar Tagen. Da sagte ich ihr das ich in eine psychosomatische Fachklinik gehen möchte, ohne Kinder. Klar ist es für sie bestimmt auch komisch wenn sie bisher dachte es geht mir wieder gut und ich plötzlich daher komme und von einem Klinikaufenthalt spreche aber genau weil ich auch damals im Januar schon wusste das sie sowas nicht versteht habe ich es ihr lange nicht erzählt und danach auch nicht das Bedürfnis gehabt mit ihr nochmal darüber zu sprechen.

Jedenfalls bin ich grad am heulen weil ich die ganze Schei**e endlich hinter mir haben möchte und ich aber nicht mal mehr weiß ob ich überhaupt ein Problem habe oder ob ich es mir nur einbilde.

Wie geht ihr mit Menschen aus eurem näheren Umfeld um die eure Situation nicht verstehen?

Vielleicht ging es euch auch schon ähnlich...

Lg Julia
1. Kind 2015: Geburtstrauma nach sekundärer sectio
2. Kind 2018: VBAC
Diagnose PPD 07/2018 seitdem Escitalopram 15mg
03/2019 Reduktion von Escitalopram 10mg
05/2019 wieder bei 15mg Escitalopram
07/2019 Opipram 50mg abends
10/2019 stationärer Aufenthalt 7 Wochen > Escitalopram 10mg

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Kikke
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Re: Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Beitrag von Kikke » 28:08:2019 16:22

Diesen Satz: mir müsste es doch eigentlich gut gehen. Finde ich sehr aussagekräftig. Es geht dir aber nicht gut. Punkt. Auch sowas wie: anderen geht es doch viel schlechter. Bringt dich nicht weiter. Dir geht es schlecht. Punkt.

Wenn Menschen es nicht verstehen, dann ist es eben so. Sie können froh darüber sein.
November 2017: Schwere depressive Episode mit psychotischen Anteilen

Aktuell: Der normale Mutterwahnsinn

Diddi86
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Re: Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Beitrag von Diddi86 » 28:08:2019 23:34

Liebe Julia,

deine Schwiegermutter kann deine Situation sicherlich nicht richtig einschätzen, das ist meiner Meinung nach auch fast nicht möglich, wenn man es nicht selber durchmacht/durchgemacht hat.
Solche Sprüche habe ich auch gehört: Reiß dich mal ein bisschen zusammen / Ach komm, dir muss es doch super gehen/ Du brauchst nur mal ne Mütze voll Schlaf....wahrscheinlich als Aufmunterung gedacht, bringt aber nichts.
Die PPD ist eine Erkrankung und muss fachgerecht behandelt werden, so (einfach) ist das und daher lass dich bitte nicht verunsichern. Du allein kannst spüren, wie es dir geht und wenn es für dich richtig erscheint, eine Zeit lang in einer Klinik behandelt zu werden, dann gehe das auch an.

Ich hatte Glück und meine engste Familie war von Angang an sehr verständnisvoll und hat mich bei allem unterstützt; solche Sätze, wie du sie zitierst, durfte ich mir von Außenstehenden aber wie gesagt auch anhören. Anfangs sprach ich kaum mit Leuten außer mit meiner Familie darüber, ich dachte lange noch, nach außen die "perfekte junge, dynamische Reihenhaus-Mutter" spielen zu müssen. Aber mit der Zeit (Wirkung der Medis+Gesprächstherapie) habe ich für mich entschieden, dass mir das Geschwätz von anderen egal sein kann. Heute gehe ich ganz offen mit dem Thema um. Viele Frauen sagen mir, dass es ihnen ähnlich ging, andere schauen ganz pikiert. Damit kann ich aber leben 😊

Du musst es aushalten, du musst daran arbeiten und deshalb musst du auch entscheiden. Rückblickend muss ich sagen, dass man erst merkt, wie schlecht es einem ging, wenn es wieder besser wird. Daher keine Zeit verlieren, der häufig auch anstrengende Weg lohnt sich!!!

LG Friederike
April 2018: Geburt unseres Sohnes - absolutes Wunschkind
Nach Entlassung erste Panikattacken, Angstzustände, erste depressive Gedanken
Ab Juni 2018 in psychologischer Behandlung nach totalem Zusammenbruch - Start 50mg Sertralin, gesteigert auf 100mg und Einnahme von Promethazin
September 2018: 150mg Sertralin
Juni 2019: Beginn Ausschleichen von Sertralin, aktuell 100mg

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Marika
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Re: Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Beitrag von Marika » 29:08:2019 6:25

Hallo Julia!

"Reiß dich einfach zusammen"... Ein typischer Satz den man Menschen mit psych. Problemen/Erkrankungen sehr gerne vor den Latz knallt - leider. Weil man diese Erkrankungen von außen nicht sehen und auch die Hintergründe sogar für die Betroffenen lange im Dunkeln verborgen bleiben, dankt man dann manchmal sogar selber - ja vielleicht haben die ja recht? Nein - haben sie nicht! Psych. Erkrankungen haben die verschiedensten Gründe, immer ist es ein Mix aus mehreren und es dauert bis man die erkennt. Ein gravierender bei der PPD/PPP sind die Hormone. Schon die Veränderung von diesen in der Schwangerschaft kann zu Problemen führen. Nach der Geburt wird mit dem Abstoß der Plazenta dann ein richtiger Hormonsturz ausgelöst, weil in diesem Organ die ganzen Schwangerschaftshormone vorhanden sind. Das wiederum kann den Botenstoffwechsel im Gehirn derart negativ beeinflussen, dass es zu einer Depression usw. kommt. Würden sich die Menschen also einfach ein bisschen informieren, dann wüssten sie, dass gerade eine PPD/PPP ganz viel körperliche Faktoren hat - also auch unter die Kategorie "Stoffwechselerkrankung" fällt. So einfach - und doch sind die Leute meistens zu faul und zu arrogant, um sich ehrlich mit dem Thema auseinander zu setzen.

Ich lese in deiner Signatur von einem Trauma nach einer Not Sectio. Auch das ist ein ganz gravierender Umstand, der dich psych. sicher extrem mitgenommen hat. Wer das nicht erlebt hat, sollte lieber schweigen. Da es aber leider mit Schweigen von vielen nicht weit her ist, kommen dann so dumme Kommentare wie von deiner Schwiegermutter zustande. Es ist sehr schwer, sich da nicht runter ziehen zu lassen, besonders wenn man noch stark drinnen steckt. Trotzdem: versuch dich von solchen Aussagen zu distanzieren. Sie hat NICHT recht, sie weiß leider nicht wovon sie redet.

Du bildest dir gar nichts ein, du bist tatsächlich krank und machst schon alles, damit es dir besser geht. Nur leider geht das nicht von heute auf morgen. Eine PPD ist kein Schnupfen, der nach wenigen Wochen weg ist, eine PPD hinterlässt Spuren - oft ein Leben lang. Auch ich kenne natürlich solche Leute. Ich habe mit der Zeit gelernt, selbstbewusster auf zu treten, aber das ist natürlich auch ein Weg. Vielleicht kannst du fürs erste - wenn man wieder so ein Spruch fällt - einfach sagen: "Nein, mit Zusammenreißen hat das nichts zu tun, es ist auch eine Stoffwechselerkrankung. Wenn es dich interessiert - hier eine gute Webseite!"... So habe ich das gemacht und habe ihnen "Schatten und Licht" genannt. Das verblüfft den Gegenüber meist extrem, alleine das "Nein" ist ein klares Stoppsignal für den Gesprächspartner. Ich habe dann mit solchen Leuten meist nicht mehr weiter geredet - das Thema habe ich ICH DANN AKTIV beendet, weil ICH DAS WOLLTE. So konnte ich die Ruder bzw. die Kontrolle über das Gespräch übernehmen und das hat mir geholfen. Man kann die anderen nicht ändern, aber du kannst für DICH Strategien entwickeln um besser mit solchen Aussagen um zu gehen. Ein einfaches "Nein" ist das schon oft die halbe Miete.

Du machst alles richtig, geh deine Weg konsequent weiter!
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

Julia
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Re: Sich zusammen reißen? Fühl mich einfach nur Elend

Beitrag von Julia » 29:08:2019 12:58

Hallo ihr lieben!

Vielen Dank für eure Antworten!!! Ihr habt alle recht! Eigentlich weiß ich das auch aber gestern wars einfach zu viel und ich habe nur geweint und wirklich richtig gezweifelt an allem!

Bisher bin ich recht offen damit umgegangen und im Grunde weiß ich auch, dass ich mich dafür nicht schämen muss aber immer klappt das einfach nicht. Interessanterweise merke ich, dass mir Menschen in meinem Alter oft verständnisvoller begegnen und vor allem Mama's, wenn es dann in die Generation meiner Mutter und Schwiegermutter geht wird's etwas schwieriger. Ich bins aber dann einfach oftmal leid mich "rechtfertigen" zu müssen. Da muss ich noch an mir arbeiten, deine Einstellung finde ich gut Marika, das werde ich mal versuchen mit einem klaren NEIN.

Ich habe meiner Schwiegermutter gestern auch gesagt sie könne sich ja mal die Homepage von Schatten und Licht ansehen wenn es sie interessiert. Das traurige ist, ich glaube nicht das sich die Seite je einer angesehen hat. Ich habe diese schon mehreren Menschen in meinem Umkreis gesagt aber da hört dann wohl das Interesse auch auf wenn man sich weiter damit beschäftigen müsste.

Gestern habe ich mal kurzfristig an meiner Entscheidung gehadert in eine Klinik zu gehen aber zum Glück nur kurz. Jetzt muss ich sowieso erstmal den Anmeldetermin am 03.09. abwarten ob die mich überhaupt nehmen und wann ich da hin könnte.

Friederike, du schreibst, dass du rückblickend erst gemerkt hast wie schlecht es dir ging nachdem es wieder besser war.
Da habe ich Angst den "Blick" dafür zu verlieren. Ich weiß oft nicht mehr richtig was jetzt MEIN Gefühl eigentlich ist oder was davon vielleicht noch die PPD ist, das Geburtstrauma oder auch die Medikamente die ich nehme. Man könnte sagen ich habe vergessen wie es ist wenn es mir so richtig gut geht, es gab sicherlich schon immer bessere Momente und es ist kein Vergleich zu dem wie es vor einem Jahr war aber vielleicht wars das ja auch, es bleibt halt jetzt so weil... Die einzigste Hoffnung stecke ich noch in die Klinik... Es ist nicht so das es mir permanent schlecht geht, aber das Leben zieht einfach so an mir vorbei und ich nehme nicht daran teil.

Ich muss irgendwie auch lernen wieder in die Zukunft zu blicken und nicht in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Aber ich kämpfe, für mich, meine Kinder und meine Familie...

Danke nochmal für euren Zuspruch!!!!!

LG Julia
1. Kind 2015: Geburtstrauma nach sekundärer sectio
2. Kind 2018: VBAC
Diagnose PPD 07/2018 seitdem Escitalopram 15mg
03/2019 Reduktion von Escitalopram 10mg
05/2019 wieder bei 15mg Escitalopram
07/2019 Opipram 50mg abends
10/2019 stationärer Aufenthalt 7 Wochen > Escitalopram 10mg

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