Die Angst wird mehr und stärker

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

Moderator: Moderatoren

Mel
power user
Beiträge: 512
Registriert: 25:11:2018 13:07

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Mel »

Liebe Celeste,
ich antworte dir gerne morgen privat ausführlich, aber ich möchte die eben kurz antworten: meine Therapie zahlt die Krankenkasse. Bei mir war es ja andersherum, erst VT dann TP. Und in der VT hatte ich ebenfalls viele Stunden über zwei Jahre lang. MeineTherapeutin hat noch zweimalfür mich eine Verlängerung beantragt und bewilligt bekommen und momentan mache ich eine Langzeittherapie.
Ich wünsche euch allen eine gute Nacht!
Mel
PPD seit Juli 2017, seitdem Mirtazapin 15mg
(Mit Unterbrechung), dann 30mg Mirtazapin und Opipramol 75mg,
Seit Sept. 2019 Sertralin,
mittlerweile 200mg und 15mg Mirtazapin.
Opipramol ausgeschlichen
Benutzeravatar
Marika
power user
Beiträge: 8576
Registriert: 04:06:2005 16:05

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Marika »

Hallo,

ich war bei einem privaten Arzt und hatte einen Selbstbehalt, daher kann ich dir die Frage leider nicht beantworten. Und da ich aus Österreich bin und wir ein anderes Versicherungssystem haben, tue ich mir da generell schwer solche Fragen korrekt zu beantworten.

Ich war bei einem privaten Psychiater, der zuerst ein paar Stunden TP gemacht hat, dann aber 90% meiner 2,5 jährigen Therapie VT angewendet hat.
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Denkerin

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Denkerin »

Hall Celeste,

ich kann dich voll gut verstehen und erkenne mich selbst in vielen Beiträgen wieder.
Ich versuche mal wiederzugeben, was ich gestern in meiner Einzeltherapie (Schematherapie) besprochen habe bzw. was meine Therapeutin mit mir aufgedröselt hat. Es ging darum, dass ich sehr viele verschiedene Ängste habe, die sich genauer betrachtet in unterschiedliche Störungsbilder einordnen lassen und eine unterschiedliche Entstehung sowie Aufrechterhaltung haben und somit auch unterschiedlich behandelt werden bzw. die eigene Umgangsweise im Akutfall unterschiedlcih ist.

depressive Ängste:
das wären bei mir zum Beispiel die Angst vor der Zukunft, finanzielle Sorgen, Angst dass meine Rente nicht durchgeht, Angst dass ich versage, Angst dass das Kind einen Schaden durch meine Erziehung erlangt, Angst dass ich nie mehr arbeiten gehen kann, Angst dass die Menschen den Planeten und die Natur zerstören, Angst vor Klimaveränderungen und den Auswirkungen und und und.
Im Großen und Ganzen geht es da viel um Grübeln und es sind Ängste, die ich, wenn ich nicht in einer depressiven Phase bin, nicht habe. Zumindest nicht als bedrohlich empfinde sondern eher als einen kurzen Zweifel wahrnehme und dann auf gesunde Weise wegschieben kann, ohne an dem Gedanken haften zu bleiben.

phobische Ängste:
bei mir Angst vor Flugzeug fliegen, Fahrstuhl fahren, Tunnel durchqueren, Zug/ U-Bahn/ S-Bahn fahren, OPs/ Narkosen, manchmal auch Angst vor dem Autofahren auf der Autobahn und und und.
Das sind quasi objekt- oder situationsbezogene Ängste, die man früher klassisch verhaltenstherapeutisch mit Exposition, also Konfrontation, behandelt hat. Zu der Methode gibt es aber auch verschiedene Ansichten. Was hier zumindest zu erwähnen ist, dass -egal was man von Exposition hält- das Vermeiden der Situationen nicht dazu führt, dass eine Besserung eintritt.

ständiges Sorgen (wobei das Wort "Sorgen" zu schwach ist für meine Begriffe, denn darunter leide ich sehr!), gehört zur generalisierten Angststörung:
Angst dass meine Mutter stirbt, meine Schwester stirbt, mein Mann mit Baby einen tödlichen Unfall hat, Angst dass das Kind an plötzlichem Kindstod stirbt, Angst dass meine Herz stehenbleibt/ Atmung aussetzt und und und.
Diese Ängste sind laut meiner Therapeutin die, die am "schwierigsten" zu behandeln sind.

Dann gibt es ja noch die Angst verrückt zu werden, oder den Verstand zu verlieren. Kenne ich auch gut, gehört meines Wissens zur generalisierten Angststörung. Und die Angst vor der Angst ist auch ein Problem. Nicht zu vergessen Panikattacken, nochmal was anderes...

Mir hat es gestern geholfen, sich alle Ängste differenziert anzuschauen und einzuordnen in diese Kategorien. Da das übergreifende Thema bei mir oft Kontrolle bzw. Kontrollverlust und Tod ist, ist die individuelle Erklärung durch meine Kindheit die, dass ich viele traumatische Situationen erlebt habe, wo das Hirn noch im Wachstum war und sehr starke Ängste und Traumata ausgelöst wurden. Dadurch hat sich ein "Angstgedächtnis" ausgebildet, welches nun viel leichter getriggert und aktiviert wird.

Was mir bei egal welchen Ängsten gut hilft, ist Achtsamkeit. Wahnehmen, nicht bewerten. Bobachten, Gefühle und Gedanken kommen und gehen. Zu versuchen sich nicht damit zu identifizieren. Ich habe ein Gefühl, ich bin nicht mein Gefühl. MBSR von Kabat-Zinn kann ich da jedem nahelegen. Oder Rund um Buddhismus und Mediatation gibt es da viel Input auf YouTube und Co.

Ich habe gestern mit meiner Therapeutin noch eine Botschaft an mich selber formuliert bzw. an einen kleineren (früheren jungen) Anteil von mir. Darin steht, dass ich verstehe, dass ich Angst habe, dass es mir leid tut, ich mitgefühl habe mit mir und dass es nicht schön ist. Dass es aber jetzt gerade im Hier und Jetzt keinen akuten Anlass gibt, in solchen Dimensionen Angst zu haben. Dass das Leben leider immer mit gewissen Risiken verbunden ist und es mir nicht gelingen wird über alles und jeden Kontrolle zu erlangen. Dass es schade ist, wenn ich so sehr mit dem Sorgen und Grübeln und Angsthaben beschäftigt bin, weil ich dann einen großen Teil des Lebens, des Hier und Jetzt, verpasse. und am Ende des Textes steht, was können wir jetzt machen, damit es dir etwas besser geht?
Das kann dann Ablenken sein, Sport, Film gucken, ne Runde heulen, sich in den Arm nehmen lassen, ein Chilibonbon essen, whatever. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man diesen Teil des Angst ansehen und kurz annehmen und Mitgefühl mit sich selbst haben übergeht, also von dem Bemerken der Angst direkt zum Skillen oder Ablenken geht, dass dann ein wichtiger Part fehlt...

So viel zu meinen Efahrungen.
Celeste
power user
Beiträge: 322
Registriert: 11:10:2019 10:14

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Celeste »

Hallo Denkerin,

WOW!!!!!!!! Was ein toller Beitrag! Danke dir so sehr. Werde ich mir ausdrucken. Es gibt mir auch immer ein bisschen mehr Sicherheit, wenn das so klar definiert ist.

Dieser Beitrag ist für mich Gold wert.

Als ich meine Therapie anfing, wollte ich genau diese Dinge von meinem Therapeuten wissen. Er antwortete, dass Menschen dazu neigen, alles in Schubladen zu stecken um das Chaos im Kopf zu beseitigen. Er ist dann nicht näher darauf eingegangen. Fand ich ein bisschen schade.

Aber das, was du geschrieben hast, hilft mir enorm. Danke!
1. Kind ( 2008 ) ohne PPD
2. Kind ( 2011 ) ohne PPD
3. Kind ( 2019 ) schwere PPD mit Angsterkrankung

Momentan Citalopram 40mg, bei Bedarf Promethazin, Agnuscaston

März 20: Olanzapin abgesetzt
Julie
Beiträge: 72
Registriert: 30:01:2020 20:49

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Julie »

Wow, wirklich ein supertoller Beitrag!
Kenne viele dieser Ängste und Sorgen auch, aber hab sie noch nie so „geordnet“ gesehen.

Wenn dieses Forum nicht wäre - nur da fühlt man sich wirklich verstanden und kann so vieles voneinander nachvollziehen und verstehen.
08/2019 Geburt meiner Tochter, Beginn schwerer PPD 3 Tage nach der Geburt
Aktuelle Medikation: 25 mg Quetiapin, 50 mg Sequase (Quetiapin) retard, 150 mg Trittico retard
Denkerin

Re: Die Angst wird mehr und stärker

Beitrag von Denkerin »

Halle Celeste und Julie,

vielen Dank für euer positives Feedback. Es freut mich, wenn jmd. was damit anfangen kann und sich unterstützt fühlt! :-)
Wenn ihr Fragen dazu habt, könnt ihr euch gerne auch nochmal per PN melden. Da ich seit vielen Jahren mit diesen zich Ängsten lebe, nun schon über 10 Jahre, habe ich viel dazu gelesen, nachgeforscht und ausprobiert. Außerdem habe ich tatsächlich eine echt tolle und mega kompetente Therapeutin...

Zu der Aussage von deinem (Celeste) Therapeuten, sowas finde ich immer schade. Ja, man muss aufpassen, dass ein Patient sich nicht permanent mit äußeren vermeintlich sicheren Strukturen, also z.B. eben alles einzukategorisieren und in Schubladen zu packen usw., völlig unflexibel macht und ein Gefühl von Sicherheit schafft, welches in Wirklichkeit gar keine Sicherheit ist. ABER: alle Ängste in einen Topf zu schmeissen macht eben überhaupt keinen Sinn. Sie entstehen unterschiedlich, wirken unterschiedlich, manifestieren sich unterschiedlich und erfordern eine unterschiedliche therapeutische Herangehensweise und einen anderen Umgang. Ängste sind eben nicht gleich Ängste. Und daher finde ich, ist es an dieser Stelle nicht der Dran, der Neigung Dinge einordnen zu wollen nachzugeben, sondern einfach professionell, hilfreich und ggf. sogar erforderlich. Einen Überblick zu haben und eher zu wissen, welche "Schublade" nun gerade aktiviert ist kann einem ja eben auch tatsächlich Sicherheit vermitteln in dem sinne, dass man sich nicht so üverwältigt fühlt, handlungsfähig bleibt und dann eher schauen kann Ok, welcher Schritt ist nun erforderlich...

Und ich kann nur nochmal betonen, dass diese ganze Achtsamkeitssache hilfreich sein kann. Und auch, sich selber eine Botschaft zu formulieren. Die kann ja auch anders aussehen als in meinem Beispiel, wenn die Themen z.B. nicht Tod und Kontrolle sind...
Ich wünsche euch und uns viel Erfolg :lol:
Antworten