Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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Simone16
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Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Simone16 »

Hallo ihr Lieben,

ich schreibe hier, weil ich mich gerade sehr allein fühle mit dem, was ich erlebt habe, und hoffe, dass sich vielleicht jemand darin wiedererkennt.

Bei mir war es so, dass die ersten 11 Wochen nach der Geburt wunderschön waren. Ich war unglaublich glücklich, habe mein Baby über alles geliebt, Hautkontakt, Stillen, Kuscheln – alles war für mich das Natürlichste der Welt. Ich war trotz Müdigkeit und Schmerzen einfach nur am Strahlen und habe diese Zeit sehr genossen. Ich war viel unterwegs, habe meinen Alltag gut gemeistert und war eigentlich sehr selbstbewusst in meiner Rolle als Mama.

Und dann – wirklich von heute auf morgen – hat sich alles verändert.

Plötzlich hatte ich Zwangsgedanken, die ich überhaupt nicht einordnen konnte. Es hat mich komplett überrollt und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Seitdem frage ich mich immer wieder: Wie kann das sein? Warum nach so vielen Wochen, in denen alles gut war? Warum nicht direkt nach der Geburt, sondern erst, als ich eigentlich dachte, ich bin angekommen?

Ich trauere sehr um diese Anfangszeit und um dieses Gefühl von Unbeschwertheit. Es fühlt sich an, als gäbe es ein „Davor“ und ein „Danach“. Und ich habe große Angst, dass ich nie wieder zu diesem Gefühl zurückfinde.

Deshalb wollte ich fragen:
Ging es hier jemandem ähnlich? Also dass die Gedanken nicht direkt nach der Geburt kamen, sondern erst nach Wochen, in denen alles normal und schön war?


Ich würde mich sehr über eure Erfahrungen freuen.

Danke fürs Lesen 🤍
Nat86
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Re: Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Nat86 »

Hallo liebe Simone,

ich hatte keine Zwangsgedanken, sondern eine schwere Depression, war auch lange in einer Klinik und die Psychiaterin in der Klinik meinte zu mir, dass die meisten Frauen nicht direkt nach der Geburt erkranken. Bei mir fing es in der 6. Woche mit Schlaflosigkeit an. Dann ging es recht schnell und die Depression war da.

Ich kann dir sagen, dass die gute Zeit definitiv wieder kommt. Man weiß nur leider nicht wann, weil
die Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich sind. Bist du in Behandlung?
Viele Grüße von Nat
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Marika
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Re: Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Marika »

Hallo!

Mir ging es ähnlich. 5 Wochen nach der Geburt wachte ich nach einem schrecklichen Albtraum auf und hatte ab da die schlimmsten Zwangsgedanken gegen mein Klnd. Damit begann wie aus dem Nichts die schwerste Zeit meines bisherigen Lebens. Aber ich bin gesund geworden und konnte diese schwere Zeit hinter mir lassen. Ich hatte später sogar das Gefühl, dass es mir besser ging als je zuvor in meinem Leben.... und das sehe ich heute noch so.

Gerade im ersten Jahr nach der Geburt bilden sich Körper und Hormone langsam wieder auf den vor geburtlichen Stand zurück. Gerade diese Hormonveränderungen haben massiven Einfluss auf die Biochemie Gehirn, was maßgeblich zu einer PPD oder PPP beiträgt. Daher ist das erste Jahr eine kritische Zeit. 11 Wochen sind da eigentlich nur eine kurze Zeit nach der Geburt.

Wie geht es dir sonst mittlerweile? Bist du in Therapie, mit oder ohne Medikamente? ❤️
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Simone16
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Re: Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Simone16 »

Nat86 hat geschrieben: 30:04:2026 21:38 Hallo liebe Simone,

ich hatte keine Zwangsgedanken, sondern eine schwere Depression, war auch lange in einer Klinik und die Psychiaterin in der Klinik meinte zu mir, dass die meisten Frauen nicht direkt nach der Geburt erkranken. Bei mir fing es in der 6. Woche mit Schlaflosigkeit an. Dann ging es recht schnell und die Depression war da.

Ich kann dir sagen, dass die gute Zeit definitiv wieder kommt. Man weiß nur leider nicht wann, weil
die Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich sind. Bist du in Behandlung?

Darf ich dich fragen, ob du noch weitere Kinder bekommen hast oder ob es bei einem geblieben ist? Und wie sich das damals für dich angefühlt hat, hattest du auch so eine starke Trauer um die Zeit davor? Dieses Gefühl von ich kann nicht begreifen, dass mein Leben sich von einem Tag auf den anderen so verändert hat, begleitet mich nämlich immer noch. Es ist, als wäre plötzlich alles anders geworden, obwohl man sich einfach nur wieder dieses ursprüngliche Gefühl zurückwünscht.

Bei mir ist es so, dass ich mittlerweile wirklich wieder viele gute Tage habe,eigentlich würde ich sagen, zu einem großen Teil ist mein Alltag wieder normal. Ich kann meinen Sohn genießen, wir haben schöne Momente, und ich merke auch, dass ich wieder mehr bei mir bin. Aber trotzdem schwingt diese Trauer oft im Hintergrund mit, so ein leiser Ton, der nie ganz weg ist. Und dann gibt es auch immer wieder Tage, an denen es intensiver wird und ich mich plötzlich wieder ganz schlecht fühle, fast so, als wäre ich wieder mitten in dieser schlimmen Zeit.

Ich hatte damals auch eine sehr heftige Panikattacke, die mich ziemlich erschüttert hat, und insgesamt eine wirklich dunkle Phase. Jetzt wird mein Sohn bald ein Jahr alt, und es ist wirklich nicht mehr zu vergleichen mit damals.

Was mich auch sehr beschäftigt, ist der Wunsch nach weiteren Kindern. Der ist eigentlich da, aber gleichzeitig habe ich große Angst, dass dann von Anfang an wieder diese Gedanken mit dabei sind und ich diese Zeit nie wieder so unbeschwert genießen kann, wie ich es in den ersten Wochen mit meinem Sohn konnte.

Ich bin in Therapie und arbeite das alles auf, und es wird auch besser, aber dieses emotionale Auf und Ab kennst du vielleicht ja auch.

Mich würde einfach sehr interessieren, wie dein Weg weiterging und wie es sich für dich entwickelt hat.

Liebe Grüße
Jen
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Re: Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Jen »

Guten Morgen,

Ich kenne diesen Trauerprozess von mir und darüber traurig zu sein, das bin ich heute teilweise noch, aber es reißt mich dank Therapie nicht mehr so mit.

Ja es wäre schön für uns alle gewesen, wäre es anders gewesen, aber ich frag mich aktuell nicht mehr warum, sondern wozu?

Was hat es gebracht? Was hat es mich gelehrt? Und mich hat es mehr zu mir gebracht, jede tiefe Phase hat mich erkennen lassen und mehr zu mir geführt.

Vielleicht kannst du mit deinem Therapeut die Traurigkeit da sein lassen? In einem Geschützen Raum?
12/20 1. Geburt PTBS / Ängste
5 mg Escitalopram - abgesetzt

Nach Rückfall Herbst 2025 wieder 10 mg Escitalopram
Nat86
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Re: Zwangsgedanken nach Wochen des Glücks

Beitrag von Nat86 »

Liebe Simone,

es freut mich zu hören, dass es dir die meiste Zeit schon wieder gut geht. Das ist großartig.

Die Trauer um die verlorene schöne Zeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Diese Trauer habe ich teilweise noch immer: die Krankheit hat mir ein Jahr meines Lebens gestohlen. Ich habe so gut wie keine guten Erinnerungen an das erste Lebensjahr meiner Tochter. An ihrem 1. Geburtstag war ich in der Psychiatrie und kam am Tag der Feier zu Besuch. Meine Schwiegermutter hat die Feier ausgerichtet, da ich ja nicht zu Hause und auch nicht in der Lage dazu war. Das ist schon eine bittere Erinnerung für mich. Ich denke, dass dieser wunde Punkt auch bleiben wird. Ich habe diese dunkle Zeit aber als Bestandteil meines Lebens akzeptiert und kann damit umgehen.

Ich hatte keinen typischen wellenförmigen Genesungsverlauf. Ich war nach ca. einem Jahr wieder „normal“ und ohne Tiefs. Das Jahr der Krankheit hat mich natürlich sehr aus der Bahn geworfen. Ich hatte keinerlei Selbstvertrauen mehr. In der Krankheit habe ich mich im Spiegel selbst nicht mehr erkannt. Ich war immer zupackend vom Wesen her und erfolgsorientiert. Alles, was ich mir vornahm, erreichte ich. Zudem hatte ich vorher nie gesundheitliche Probleme; ich war robust und mitten im Leben. Aufeinmal war ich ein Häufchen Elend, das 10 Stunden täglich heulte und monatelang täglich damit rang, sich nicht das Leben zu nehmen. Ich kam gegen die Krankheit einfach nicht an. Das hat mich sehr verängstigt und ich konnte mir nicht mehr selbst trauen. Das war sehr bitter. Erst mit der Zeit wurde ich wieder zu dem Menschen, der ich mal war, auch wenn die Mutterschaft mich natürlich auch irgendwie verändert hat.

Ich war 2,5 Jahre in Therapie und habe 1 Jahr lang das Medikament genommen, das mich damals aus der Depression holte. Die Krankheit hat mich auch dankbarer und demütiger gemacht. Ich war ja irgendwann der festen Überzeugung, dass ich mein Leben beenden werde, weil ich diese Seelenqualen nicht mehr aushalten werde und somit mein Kind ohne mich aufwachsen wird. Insofern bin ich einfach so, so dankbar, dass diese Krankheit mich nicht dauerhaft in ihren Fängen hatte, sondern „nur“ ein Jahr und ich seitdem wieder ein normales Leben führen darf, mein Kind aufwachsen sehe und tolle Dinge mit ihm machen kann.

Zum Thema Kinderwunsch kann ich nicht viel sagen, da ich nie der Mensch war, der sich mehrere Kinder gewünscht hat. Ich habe mir immer eine Tochter gewünscht und diesbezüglich meinte es das Schicksal gut mit mir. Ich bin auch selbst Einzelkind, insofern ist „nur“ ein Kind für mich kein „Makel“ sondern mein Normalfall. Ohne Kinderwunsch kann ich natürlich nicht sagen, ob ich das Risiko nochmal zu erkranken, eingehen würde für ein weiteres Kind. Bei uns ist das Thema vom Tisch, da ich dieses Jahr auch schon 40 werde und mein Mann auch 40 ist. Er hätte unter idealen Bedingungen gern ein 2. Kind gehabt, aber da der Wunsch bei mir nicht da ist, ist es für ihn auch ok so. Wir sind nach dem schlimmen Anfang, den wir als Familie hatten, einfach froh, wieder normal leben zu dürfen.

Die Erinnerungen an die schlimme Zeit verblassen je mehr Zeit vergeht. Es kommt mir inzwischen unwirklich vor, dass ich sowas erlebt habe, fast so als wäre es ein anderes Leben von mir gewesen. Ich bin mir sicher, dass auch du noch etwas Distanz zu deiner Situation in der Krankheit gewinnen wirst, wenn diese noch weiter zurück liegt.

Alles Liebe für Dich und deine Familie!
Viele Grüße von Nat
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