Resümee nach 5 Jahren

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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darkside

Resümee nach 5 Jahren

Beitrag von darkside »

Ein Artikel in der aktuellen Nido über PPD bzw. fehlende Mutterliebe nach der Geburt hat mich veranlasst, mal wieder über meine eigene Situation zu rekapitulieren (was für ein passendes Wort;).
Vielleicht gibte es ja andere Zwangs-Betroffene unter euch, die sich darin wiedererkennen:
Noch heute, 5 Jahre danach, leide ich unter den
Folgen (starke Stimmungsschwankungen, schlechtes Körpergefühl durch grosser Gewichtszunahme durch Antidepressiva,
belastete Partnerschaft und Schuldgefühle gegenüber meinem Kind), auch wenn mein jetziger Therapeut sagt, dass man nach
5 Jahren nicht mehr von einer PPD eher von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprechen müsse).
Beim Austritt aus
dem Krankenhaus bekam ich mit vielen Papieren eine Fragebogen mit der Bitte um Rücksendung, in dem es um traurige
Gefühle nach der Niederkunft ging (dieser landete mit den vielen anderen Papieren im Mülleimer). Auch in den vielen Baby-
Ratgebern, die ich in der Schwangerschaft gelesen hatte, wurde nur kurz das Thema "Baby Blues" und traurige Gefühle
wegen Abschied vom alten Leben angesprochen. Wie sehr hätte man mir damals geholfen, wenn mich jemand einmal über
Symptome einer PPD aufgeklärt und Begriffe wie "Zwangsgedanken" ins Spiel gebracht hätte (weder die Nachsorgehebamme,
die 2 mal da war, noch die Mütterberatung, bei der ich wöchentlich vorstellig wurde, erwähnte diesen "unanständigen"
Begriff). Ich muss allerdings fairerweise sagen, dass erst die Sorge um die Gesundheit meines Kindes, danach meine
Schlaflosigkeit kam da es grosse Stillprobleme gab, innere Unruhe und dann erst die Zwangsgedanken/-impulse
kamen, die mir den Eindruck vermittelten: so, jetzt wirst du langsam aber sicher verrückt; man wird dir dein Kind
wegnehmen. Keine Unterstützung aus der Familie, die Angst, mich anderen mitzuteilen, kleine Signale, die von meinem
Mann und Angehörigen überhört wurden...10 Monate in totaler innerer Einsamkeit, Verzweiflung und Angst. Meine
vorsichtigen Hinweise auch gegenüber der Mütterberatung, ich könne es nicht mehr schaffen, nicht mehr schlafen, hätte
Angst zu versagen, wurden mit nettgemeinten Vorschlägen, wie "ich müsse das im Auge behalten, solle mir Freiräume
schaffen" niedergeschmettert. Wieder der Gedanke, ich bin die einzige Mutter auf dieser grossen Welt, die im Begriff
ist verrückt zu werden (Gedanken, die Tag und Nacht um schlimme Dinge kreisen, die ich meinem Kind antun könnte und
gleichzeitig die masslose Sorge und Beschäftigung um und mit meinem Kind).
Was ich mit meinem Beitrag sagen will ist:
es ist nicht immer die mangelnde Mutterliebe, die eine PPD so grausam macht, die anderen Symptome waren hier für mich
weitaus schlimmer (Asche über mein Haut wegen allen, die es anders sehen): Angst, die Kontrolle zu verlieren, Angst meinem Kind nicht gerecht zu werden; das Gefühl haben, mich 24 Stunden seinen Bedürfnissen
widmen zu müssen (vielleicht weil ich selbst nie eine liebevolle Mutter hatte?), massive Schlafstörungen und plötzlich
das Gefühl, meine Gedanken, Impulse werden immer verrückter..man wird mir das Kind wegnehmen, mein Mann wird mich
verlassen...Erst nach 10 Monaten habe ich Hilfe in Form von Antidepressiva bekommen. Leider war damit nicht alles
wieder im Lot, Mühe mit der Dosierung, dann Kündigung durch meinen Arbeitgeber, bei dem ich bis 8 Monate nach
Niederkunft freigestellt war. Herumpröbeln welches AD denn nun passt, immer wieder Nebenwirkungen, die zwar nicht so
furchtbar wie die Krankheitssymptome aber immerhin unangenehm waren (Gewichtzunahme, zu viel oder zu wenig
Schlafbedürfniss).
Mein derzeitiger Psychiater möchte eine Verhaltenstherapie machen, mit PPD und ihren Folgen kennt er
sich leider nicht aus. Manchmal weiss ich nicht, ob ich je wieder ein normales Leben führen werde, solange ich nicht
die Ereignisse von vor 4-5 Jahren aufgearbeitet habe.
Liebe Grüsse,
darkside
Juliane77

Beitrag von Juliane77 »

Hallo darkside,

ich habe gerade Deinen Beitrag gelesen und auch wenn ich wohl eher unter einer PPP als unter einer PPD gelitten habe nach der Geburt, erkenne ich mich doch in sehr vielem wieder, was Du da schreibst und habe vieles auch so erlebt.

Besonders diese Zwangsgedanken und das Gefühl durchzudrehen und nur noch für mein Kind dasein zu müssen, es andererseits aber gar nicht zu können, kenne ich sehr gut. Ich hatte auch sehr große Angst, man würde mir mein Kind wegnehmen und habe mir deshalb damals keine professionelle Hilfe gesucht. Immerhin hatte ich eine Bekannte in der Zeit, die mich viel unterstützt hat, sonst wäre es wohl ganz sicher schief gegangen.

Ich habe damals auch versucht, dass Thema vorsichtig bei meinem damaligen Frauenarzt anzusprechen, aber der meinte nur, dass wäre normal, dass man nach der Geburt eben ziemlich fertig sei. Eine Nachsorgehebamme hatte ich nicht, weil ich mich, wie um so vieles nach der Geburt nicht gekümmert hatte.

Therapeutisch würde ich Dir nicht unbedingt zur Verhaltenstherapie raten, dass ist so ein standardmäßiger Ratschlag, weil die Verhaltenstherapie gerade so in Mode ist und es wohl einige Studien gab, die ihre Wirksamkeit belegten, wichtiger wäre, denke ich, jemanden zu finden, der sich mit PPD auskennt oder auch PPP. Denke auch, es wäre wichtig, zumindest mal mit jemandem, über das alles, was damals nach der Geburt passiert ist, sprechen zu können.

Wenn ich es mal vorsichtig ausdrücken darf, einige Deiner geschilderten Symptome gehen tatsächlich meiner Ansicht nach in Richtung PPP, vor allem diese Idee, das Kind könnte Dir weggenommen werden.

Vielleicht ist dann ein AD auch gar nicht das richtige für Dich. Welches nimmst Du denn? Ich hatte mal Mirtazapin und darauf ganz furchtbar zugenommen. Das musst Du nicht als Nebenwirkung hinnehmen. Bestehe darauf, dass Du auf ein anderes umgestellt wirst, das weniger Gewichtszunahme verursacht, das habe ich auch so gemacht und in der letzten Klinik sind sie da auch glücklicherweise drauf eingegangen.

Hier im Forum gibt es übrigens ganz viele, die unter Zwangsgedanken leiden. Alleine das lesen der Berichte der anderen hilft mir schon. Ich kam mir bisher immer wie ein Monster vor wegen dieser Gedanken und konnte mir nicht vorstellen, dass andere Mütter auch solche Gedanken gegenüber ihren Kindern hatten.

Zur Beruhigung: Mir haben bisher zwei Therapeuten versichert, dass diese Gedanken normalerweise selbst im psychotischen Zustand nicht zur Umsetzung kommen. Das kann ich bestätigen.
scaramouch

Beitrag von scaramouch »

Liebe darkside
ich verstehe deine Gedanken voll und ganz. Bei mir sind es nun auch schon über 2 Jahre und ich weiss immer noch nicht, ob und wie ich jemals GANZ normal leben kann.
Ich bin stabiler als noch vor einiger Zeit, ich tue normale Dinge und bin mit normalen Problemen beschäftigt, wie sie auch gesunde Frauen haben. Aber gesund bin ich auch noch lang nicht.
Mittlerweile bin ich genügsamer geworden. Muss ich denn gesund werden? Nein, das erwarte ich nicht mal mehr unbedingt. Aber ich möchte die Krankheit komplett in den Griff bekommen und nicht, dass sie mich immer wieder im Griff hat.
Mir würde es reichen, wenn ich mein Leben als 100% lebenswert betrachten könnte und wenn ich hin und wieder richtig glücklich wäre.
Weisst du, wir sind ja nicht nur krank geworden und leiden darunter, sondern der ganze Leidensdruck hat uns oben drauf auch noch schwer traumatisiert.
5 Jahre sind verdammt lange, Süsse, aber um das aufzuarbeiten, wirst du noch mehr brauchen.
Aber das schaffst du, das schaff ich, das schaffen wir :-)

Schön das du mal alles geschrieben hast. Hab mich gefreut von dir zu lesen.

Deine Scara
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Marika
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Beitrag von Marika »

Hallo ihr,

ganz viel von dem was ihr schreibt, kann ich nur bestättigen. Bei mir sind nun schon unglaubliche 7 Jahre seit der PPD vergangen - manchmal kann ich es selber nicht glauben. Und ich habe das unglaubliche Glück mich völlig gesund zu fühlen, keine Sypomte der Depression zu haben (ZG, Angst, Panik) und mich ein ausgeglichener, positiv denkender Mensch zu nennen. Einziger "Wehrmutstropfen": Ich werde wohl für immer eine kleine Dosis meines ADßs brauchen, aber immerhin nicht mehr die volle Ladung wie damals vor 7 Jahren.

Ich frage mich oft, warum müssen andere Frauen hier so viel länger leiden als ich, warum muss diese gemeine Krankheit uns so quälen... ich habe nicht wirklich eine Antwort darauf - aber es liegt wohl daran, dass jede von uns andere Auslöser hat. Was ich unter der PPD für ein Grauen erlebt habe, werde ich mein Lebtag lag nicht mehr vergessen, aber es ist verblasst und beeinflußt mich nicht mehr. Ich habe heute ein so schönes Leben, dass ich es selbst kaum glauben kann. Die Therapie die ich machen mußte, hat mir ganz neue Wege eröffnet, ich habe nicht nur die Schatten der PPD sondern auch die die davor mein Leben beeinträchtigt haben, völlig abstreifen können. Ich konnte auch die Tatsache, dass ich für immer chronisch depressiv bleiben würde wenn ich mein AD nicht nehme, angenommen - sie in mein Leben integriert und mit Ironie versehen. So habe ich meine ganz persönliche Leichtigkeit im Leben erreichen können und kann heute wirklich sagen: ICH LIEBE MEIN LEBEN!

Vielleicht macht das euch irgendwie Mut!
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Sycanda

Beitrag von Sycanda »

Hallo!

Ich bin zwar noch nicht gesund und habe noch einen weiten Weg vor mir, wie lang der noch sein mag weiß ich noch gar nicht, aber ich denke mittlerweile dass eben jede Krankheit seine Spuren hinterlässt. Warum sollte das bei einer psychischen anders sein? Vor allem, weil man sowas ja schlecht "vergessen" kann.
Anfangs wollte ich das auch gar nicht akzeptieren. Ich wollte es quasi vergessen und mich so wie vorher fühlen. Aber das ist nicht richtig. Wahrscheinlich "brauchen" wir diese Erkrankung auch aus irgendeinem Grund. Auch wenn wir gerne drauf verzichtet hätten.
Wie Marika schon schrieb, kommen dann Dinge ans Licht aus der "gesunden" Zeit, die auch nicht super waren und werden nun aufgedeckt und wir müssen lernen damit umzugehen. Das wiederum ist dann ein Gewinn.

Auch wenn wir im Leben immer mal wieder mit den Symptomen konfrontiert werden und vielleicht auch unser Leben lang Medis nehmen müssen, sollten wir wieder versuchen unsere Leichtigkeit zu finden.

Jede Verletzung hinterlässt Narben und wenn das Wetter wechselt, schmerzt, zwickt oder kribbelt sie. So sollten wir auch mit dem Überbleibsel der Erkrankung umgehen, die mal Aufflackern, wenn wir Stress, Hormonschwankungen etc haben. Denn soweit wir stabil sind, ist das doch toll und alle mal besser, wie es angefangen hat.


In diesem Sinne

eure Sycanda
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