Ich kann einfach nicht mehr…

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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alibo79
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von alibo79 »

Hallo Christina,,
Es tut mir leid, dass es dir so schlecht geht. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Suizid natürlich ein großer Trigger für dich ist, weil das ja genau dein Thema bei den zwangsgedanken sind. Wie schaut es denn aus? Berührt dich das gerade immer noch so sehr? Und wie würdest du sagen, dass es dir rückblickend die letzte Wochen ergangen ist? Wenn man ganz ehrlich ist zu sich selber und und genau schaut war es Null Verbesserung oder sagst du doch hier und da gibt es Verbesserung?
Du hast in einem Monat einen Kontrolltermin, aber du kannst natürlich anrufen und vorher um einen Notfall Termin bitten. Ich weiß aktuell nicht genau wie deine Medikamente eingestellt sind, ob man da sich noch mal komplette ran wagt und was ändern möchte oder kann.
Ich meine Lithium war im Gespräch und nimmst du nicht auch ein neuroleptikum? Vielleicht reicht es ja aus dieses zu erhöhen, damit das Grübeln weniger wird?
Ich kann deinen enormen leidensdruck verstehen. Ich habe zwei schwere Episoden hinter mir und ein Jahr nach Beginn der Erkrankung, war ich weit von stabil entfernt und man wünscht sich einfach nur ein wenig Normalität.
Kannst du selber sagen, was dir gut tun würde? hast du Dinge raus gefunden, die dir helfen oder die das Leiden etwas zurückdrängen können?
2014 schwere PPD mit Ängsten, 6 Monate Tagesklinik
2015- 2019 mirtazapin, erst 45mg ab 2017 langsam reduziert
Zwischendurch versuch mit citalopram, nach 2 Monaten abgesetzt, da starke Verschlimmerung der Depression
Anfang 2021 erneut schwere Depression wieder 45 mg mirtazapin zusätzlich noch quetiapin 150mg
Über Jahre zusätzlich noch psychotherapeutische Behandlung
Christina_25
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Christina_25 »

Hallo ihr Lieben,

ich brauche mal eure Meinung bitte..
Ich hatte heute einen Termin bei meiner Therapeutin und erzählz dass ich diesen Trigger hatte und es mir seitdem wieder deutlich schlechter geht und es ein Kreislauf ist zwischen ZG, Grübeln und versuchen mich zu motivieren meinen Alltag weiterzubestreiten..
daraufhin meinte sie, sie habe das Gefühl dass wir uns ständig im Kreis drehen, dass ich immer wieder nachdem es mir mal besser ging einbreche und die Situation sich wieder verschlimmert und ich genau das falsche mache.. und sie wisse nicht, ob sie die richtige für mich ist und wisse nicht, wie sie mir noch helfen könne und vielleicht bräuchte ich wirklich stationär Unterstützung. Ich war einfach baff. Schon wieder eine, die mir ins Gesicht sagt, dass sie nicht wisse was man mit mir nocj machen kann und nicht versteht warum ich so up and downs habe.. und das zu hören, obwohl man schon so kraftlos und am Ende ist… sie meinte ich darf nicht gegen die Zg kämpfen und das Ziel die loszuwerden ist nicht der richtige. Es geht nicht darum sie loszuwerden sondern den richtigen Umgang mit ihnen zu finden und denen keinen großen Wert zuzusprechen und ich aufhören soll zu Grübeln. Aber ich habe das Gefühl sie versteht nicht, dass ich tooootal gerne mit dem Grübeln aufhören würde aber mein Gehirn macht das automatisch und ohne Pause, egal was ich dagegen tue..
Jetzt frage ich euch, da ihr ja auch immer wieder beschreibt, dass es bei euch auch immer wieder bessere und schlechtere Phasen gibt.. bin ich wirklich so ein hoffnungsloser Fall oder kommt sowas aus ihrem Mund, weil sie wahrscheinlich noch nie eine solche Krankheit hatte.. ich zweifle sehr an mir und überlege wirklich vielleicht stationär zu gehen (aber das würde mir das Herz brechen wegen meinem Sohn) und vielleicht EKT zu machen.. aber laut ChatGPT soll es wohl nicht bei Zg verwendet werden sondern bei starken Depressionen.
Ich würde gerne eure Meinung dazu hören ❤️
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Marika
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Marika »

Christina, was für eine Therapie machst du genau, Tiefenpsychologische oder Verhaltenstherapie? Bekommst du Übungen zwischen den Sitzungen, die du als Hausaufgaben bis zum nächsten Mal machen sollst?

Es ist richtig, es geht darum den richtigen Umgang mit dem Zwang zu lernen, aber das muss man natürlich vermittelt und gezeigt bekommen. Der Gedanken Inhalt ist tatsächlich nicht das Problem, denn solche Gedanken hat jeder Mensch. Nur Gesunde merken sie gar nicht, weil das Gehirn diese gleich ausfiltert. Bei uns funktioniert genau dieses Ausfiltern nicht richtig. Daher kommen diese Gedanken ins Bewusstsein, erzeugen Angst, dann grübelt man und es entstehen neue Gedanken. Ein Kreislauf der dann in Zwangsgedanken mündet. Es geht darum zu lernen, diese Gedanken als Gedanken Müll zu erkennen, quasi aktiv die Funktion zu übernehmen, die eigentlich automatisch vom Gehirn gemacht werden sollte. Das ist schwierig und dauert, denn da ist trotzdem die Angst und das Grübeln. Es braucht dazu eine gute und engmaschige Anleitung eines erfahrenen Therapeuten. Mit der Zeit lernt das Gehirn dann wieder, das selber zu tun - auch mit Hilfe eines ADs. Hast du das Gefühl, dass das in deiner Therapie gemacht wird?

Hab ich dir schon mal diesen Link geschickt:

www.zwaenge.de

Hier kannst du auch gute Therapeuten finden, aber auch sehr gute Bücher zum Thema.

Was richtig und wichtig ist: die Gedanken darf man nicht versuchen zu unterdrücken, dass macht sie noch stärker. Man muss lernen, die Angst vor ihnen zu verlieren. Nur so gehen sie zurück. Und ich gebe dir recht: den Rat "auf hören zu Grübeln" ist seltsam. Denn genau das ist die Erkrankung und muss vom Therapeuten zusammen mit der Betroffenen bearbeitet werden.
Liebe Grüße von
Marika

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schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Christina_25
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Christina_25 »

Hallo liebe Marika,

ich mache eine Verhaltenstherapie und ja ich habe immer mal wieder Übungen als Hausaufgabe bekommen, zum Beispiel die Gedanken in Blasen hineinzusetzen und zu beobachten wie diese Blase im Wasser hochgeht. Da soll man eine beobachtende Distanz zu den Gedanken nehmen..
Grundsätzlich weiß ich es auch, dass man sie nicht unterdrücken darf aber wie du schon sagtest, da kommt dann immer eine Unruhe und Angst hoch.. und vor allem kann ich nicht mehr unterscheiden, was die Zg sind, was die depressiven Gedanken sind und was meine „normalen“ Gedanken und Wünsche sind..
ich habe schon so viel ausprobiert einen eigenen Weg zu finden mit den Zg umzugehen, manchmal hat es ganz gut funktioniert aber dann nur kurzzeitig.
Gegen das Grübeln meinte sie, ich soll mich auf das Hier und Jetzt fokussieren und auf das was wichtig ist (Kind, Mann, Haushalt etc..) und zu sagen „Stopp das Grübeln hat jetzt ein Ende“.. aber es funktioniert halt einfach nicht..

Marika, so wie du das beschrieben hast mit dem „biologischen“ Ablauf unserer Gedanken und wie sie zu ZG kommen hat mir so noch niemand erklärt.. das leuchtet ein..

Ich finde es auch enorm schwer zu akzeptieren, dass das Ziel nicht ist, dass die ZG verschwinden, sondern wie man mit ihnen leben kann sprich einen Umgang mit ihnen zu finden, denn es wäre sooo enorm gelogen, wenn ich sagen würde, ich will sie nicht loshaben.

Liebe Grüße!!
Christina_25
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Christina_25 »

und natürlich dieses ständige Grübeln, ob ich es nicht vielleicht doch will.. ich weiß dass dies Teil der Erkrankung und zum Zwang dazugehört aber das macht mich fertig und macht mir am meisten Angst.. diese Unsicherheit und natürlich führt dieses Grübeln zu nichts..
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Marika
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Marika »

Du wirst die Gedanken los, in dem du an der Angst arbeitest. Dann kommen diese Inhalte gar nicht mehr in dein Bewusstsein, du merkst sie nicht mehr, weil dein Gehirn sie ausfiltert. Verstehst du was ich meine? Du arbeitest zwar nicht am Inhalt der ZG, aber durch das Arbeiten an der Angst usw. verschwinden sie aus deinem bewussten Denken. Insofern wirst du sie also tatsächlich los, im Sinne vom "du bemerkst sie nicht mehr" ... so wie alle anderen Menschen auch.
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von Marika »

Zuerst habe ich damals an der Angst gearbeitet, das hat das Grübeln verringert und dann die ZG nach und nach verschwinden lassen.

Im Hier und Jetzt zu sein, sah bei mir so aus: ich war z.b. am Gemüse schneiden, da kommt der ZG "ich könnte mit dem Messer auf mein Kind los gehen". Angst, Panik, Gedanke unterdrücken versuchen - geht nicht, man beginnt zu Grübeln... ZG kommt wieder, Angst..... usw... man sitzt in der Spirale fest. Was ist also zu tun: ZG kommt, du sagst lt. STOPP - ich kenne dich, du bist ein ZG. Das ist der wichtigste Teil der Übung, den ZG zu ERKENNEN und zu BENENNEN. Dann musste ich sagen: ok, du bist jetzt da, aber ich mache trotzdem da weiter wo ich dran bin. Dann habe ich haarklein meine Arbeitsschritte - in diesem Fall das Schneiden des Gemüses kommentiert und mich darauf versucht zu konzentrieren. Ich habe vor mich hergesagt: ich nehme jetzt die Karotte in die linke Hand und schneide mit der rechten das erste Stück ab, das zweite .... zack kam natürlich der ZG wieder, logisch. Dann geht es wieder von vorne los mit STOPP, ich kenne dich...

Und das immer und immer wieder. Bei allen Situationen mit ZG. Das heißt im Hier und Jetzt bleiben, das muss man im kleinsten Minidetail ausführen. Ich musste das ganze dann auch schriftlich nochmal aufschreiben und zusätzlich einen anderen Gedanken dazu formulieren, z.b. das Messer habe ich in der Hand, weil ich damit Gemüse schneide. Das alles ist extrem mühsam und es dauert bis man einen Erfolg merkt. 2,5 Jahre hat es bei mir gedauert, es gab oft Tiefs. Aber mir wurde nie vermittelt, ich sei ein hoffnungsloser Fall. Und das bist du auch nicht.

Mich lässt das Gefühl nicht los, dass Escitalopram damals ein Versuch wert gewesen wäre, wie deine Ärztin das eigentlich vor hatte.

Hast du schon auf die Seite geschaut? Oder mal Bücher zum Thema gelesen? Es wäre wirklich wichtig, dass du 100 % über Zwänge informiert bist. Mir hat das Lesen darüber sehr geholfen.
Liebe Grüße von
Marika

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alibo79
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Re: Ich kann einfach nicht mehr…

Beitrag von alibo79 »

Hallo Christina,
wie waren die letzten Tage bei dir?
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