Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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Lillylou
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Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 29:11:2018 15:59

Hallo,

Ich habe mich einige Wochen eher als Leserin des Forums hier aufgehalten.
Leider ist es bei mir selbst aber in den letzten Wochen stetig bergab gegangen.
Seit Anfang November arbeite ich wieder an 3 Tagen. Allerdings musste ich mich gestern und heute krank melden, da ich mich nicht aufraffen konnte und den ganzen Tag nur weine. Zum Glück hat meine Schwiegermutter meine 18 monatige Tochter heute mit zu sich genommen, anders hätte ich den Tag mit Kind nicht geschafft.
Ich bin mittlerweile derart verzweifelt und habe das Gefühl, mein ganzes Leben kracht gerade wie ein morsches Hausdach über mir ein und ich bin dem schutzlos ausgeliefert.
Das Verhältnis zu meinem Freund ist so schlecht wie noch nie. Er sagt er braucht Abstand von mir. Er hat selbst keine Kraft mehr und kann keine Rücksicht mehr auf mich nehmen. Dabei bricht für mich natürlich auch eine Welt zusammen. Er war früher immer mein wichtigster Anker, der mir jetzt völlig wegbricht. Das Thema Trennung stand auch schon mehrmals im Raum, von beiden Seiten. Ich fühle mich so unglaublich allein und einsam.

Mir gehen nur noch negative, selbstzerstörerische Gedanken durch den Kopf...dass ich eine schlechte Mutter bin, weil ich nicht für meine Tochter da sein kann, dass ich schwach bin, mein Leben nicht auf die Reihe bekomme, dass ich eine Belastung für meine Mitmenschen bin, sodass sich sogar mein Freund von mir abwendet. Manchmal würde ich am liebsten weglaufen. Einfach weg, damit ich niemandem mehr zur Last falle. Und dann kommen unglaublich schreckliche Schuldgefühle meiner Tochter gegenüber.

Da die Situation zu Hause mit meinem Partner für mich unerträglich ist, habe ich beschlossen, zu meiner Mutter zu ziehen und einen Aufenthalt in einer Mutter-Kind-Klinik zu beantragen. Ich mache mir aber so Sorgen, dass das Hin und Her Gekarre zwischen meinem Freund und mir schlimm für meine Tochter wird. Er will und soll sie natürlich auch sehen. Vielleicht ist die Situation getrennt aber für sie besser, als wenn die Stimmung zu Hause so schlecht ist? Ich weiß es nicht.

In der Arbeit werde ich mich wohl krank schreiben lassen müssen. Ich habe keinen Kopf dafür. Ich weiß nicht, ob ich offen mit meinem Chef darüber sprechen soll oder ob ich es lieber lasse. Allerdings läuft mein Vertrag eh bis Ende des Jahres aus. Mein Chef sucht nach Möglichkeiten, mich weiterzuverlängern, aber ich will eh nicht dort bleiben. Und mein Verhalten und meine Krankmeldungen sehen bestimmt schon etwas komisch aus.

Gestern wurden mir Antidepressiva verschrieben. Heute Morgen saß ich weinend davor, weil ich Angst davor habe, sie zu nehmen. Ich habe Angst, dass ich sie Jahre nehmen muss und dann lange kein 2. Kind haben kann. (Total paradoxe Gedanken, ich weiß, da eine Schwangerschaft momentan sowieso utopisch wäre).

Ich weiß nicht, wie es jemals wieder gut werden soll. Ich freue mich aber über jeglichen Zuspruch.

Vielen Dank
Lilly

Jo**
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Jo** » 30:11:2018 9:13

Guten Morgen Lilly,

Das tut mir leid dass es dir im Moment so schlecht geht!

Ich habe auch eine schlechte Zeit hinter mir, ich muss aber wirklich sagen dass mir das Antidepressiva aus meinem Tief geholfen hat. Ich habe natürlich die ersten drei Wochen keine große Verbesserung gespürt, einige Symptome haben sich kurzzeitig sogar etwas verschlechtert, aber ich muss sagen ohne der Medikation wäre ich nicht so weit gekommen innerhalb dieser kurzen Zeit! Ich habe wahnsinnig viel Freude an meiner Tochter, Energie, das heißt ich kann jetzt auf meine Haushaltshilfe verzichten und mache alles alleine, und kann auch den Tag mehr genießen! Natürlich habe auch ich noch Momente in den Zweifel wieder aufkeimen oder ich wieder mehr zwangsgedanken habe aber im Großen und Ganzen muss ich sagen dass ich den AD sehr dankbar bin. Ich würde dir raten diese einzunehmen wenn du stabil werden möchtest, das wäre zumindest meine Erfahrung dazu. Völlig symptomfrei bin ich natürlich auch nicht, da gehört auch jetzt noch Arbeit dazu in Form von einer Therapie.

Astrid
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Astrid » 30:11:2018 13:19

Liebe Lilly,

ich weiss, im Moment sieht es so unglaublich hoffnungslos aus. Aber du hast dir Hife gesucht. Mit Einnahme das AD und der Option in eine Klinik zu gehen, ist der erste Schritt getan. Du hast jetzt versucht so lange durchzuhalten. Sogar angefangen zu arbeiten hast du. Ich kann gar nicht ermessen, wie schwer das sein muss. Ich wäre zusammengeklappt. Dass dein Freund an seine Grenzen kommt, ist zu verstehen. Auch er ist nur ein Mensch, und er ist kein Arzt oder Therapeut, der dich permanet auffangen kann. Er ist zwar nicht selber erkrankt, aber er ist zu nah dran. Nehmt so viel zusätzliche Hilfe in Anspruch, wie es geht. Du hast Anspruch auf eine Haushaltshilfe oder Familienhelferin, der Arzt kann dir da helfen. Vor der Einnahme eines AD musst du keine Angst haben. Das sind keine "Happy-Pillen", d.h. sie machen dich nicht glücklich, und dadurch auch nicht abhängig. Sie helfen aber die körpereigenen Glückshormone, die durch die Geburt deiner Tochter durcheinandergeraten sind, wieder zu nutzen. Das kann unter Umständen drei Wochen dauern. Kannst du schlafen? Das hat mich am meisten fertig gemacht, und ich brauchte ein AD, was mich zur Ruhe kommen ließ. Die Ängste und Traurigkeit, die Verzweiflung, die du spürst, und auch das Gefühl weglaufen zu wollen, vor allem und jedem, und Schluss zu machen, die Gedanken kenne ich nur zu gut. Auch dass ich alle unglücklich mache... und das schlechte Gewissen. Es sind ganz typische Symptome unserer Erkrankung, auch wenn dir das jetzt nicht hilft. Aber ich kann dir sagen, bei mir ist es wieder gut geworden. Ich bin jetzt gesund und glücklich (ok mal mehr oder weniger, genau wie bei allen anderen...). Es lohnt sich durchzuhalten, auch in der Beziehung, falls die vor der PPD stabil war. Ich wollte meinen Mann damals verlassen und ich habe ihn abgelehnt und gehasst. Ich habe aber den Eindruck, dass du ihn noch magst und ihn als Hilfe siehst. Du liebst deine Tochter und deinen Mann, du bist nur im Moment so krank, dass du keine Kraft mehr hast, es zu zeigen. Und dein Freund hat keine Kraft mehr das abzufangen. Er kann hier übrigens auch Hilfe bekommen und mit einem anderen betroffenen Vater telefonieren. Auch deine Eltern können hier Infos zur Krankheit bekommen, damit sie sich nicht so viele Sorgen machen müssen. Um deine Tochter mache dir nicht so viele Gedanken. Du bist ja nicht alleine für sie zuständig, Sie hat einen Papa, der sie liebt, und Großeltern. Die Kinder machen das meist sehr viel besser mit, als wir "Großen". Ich glaube auch dass eine Umgebung, in der nicht so viel Anspannung und Streit um sie ist, wohl angenehmer wäre. Würde uns doch auch so gehen. Gebt euch allen eine Pause und lasst euch helfen. Ich hoffe für dich, dass du sofort dass richtige AD findest, dann kann es in 14 Tagen schon ganz anders aussehen. Ich drücke dich ganz herzlich.

Halte durch

Astrid
schwere PPD nach der Geburt des ersten Kindes 2006
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Lillylou
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 01:12:2018 11:41

Liebe Jo,

vielen Dank für deine liebe Nachricht.
Mir tut es auch leid, dass du das durchmachen musst. Aber schön zu hören, dass du mehr Energie und Freude empfindest. Das ist viel wert.
Ich weiß nicht, ob ich noch in die Arbeit gehen kann, wenn ich mit den Antidepressiva anfange, v.a. wenn erst mal eine Verschlechterung der Symptome eintritt. Ich scheue mich aber auch davor, mich krank schreiben zu lassen. Habe ein extremes Pflichtgefühl, obwohl ich meinen Job gar nicht so mag.
Aber wenn alles noch schlimmer wird die erste Zeit mit Medikament, schaffe ich arbeiten erst recht nicht.

Ich danke dir für deine Antwort und drücke dir die Daumen, dass es weiterhin bergauf geht. Liebe Grüße

Lillylou
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 01:12:2018 12:00

Liebe Astrid,

vielen Dank auch dir für deine sehr hilfreiche Antwort.
Ich habe es leider einfach viel zu spät erkannt und der endgültige Zusammenbruch kam bei mir erst, als die Krise mit meinem Freund dazu kam. Ich dachte, dass mich die Arbeit vielleicht ablenken könnte oder ich sie als "meine Zeit" sehen könnte mal weg von zu Hause und meiner Tochter. Aber es ist ja keine wirkliche Zeit für mich.
Daher zwingt mich diese Erkrankung grad wirklich in die Knie.

Ich glaube ich habe Angst, wie das alles weiter gehen soll, wenn ich (nach einem potenziellen Klinikaufenthalt) wieder nach Hause komme und keinen Job habe. Die Situation hatte ich auch schon ein paar Mal (also Arbeitslosigkeit) und damit ging es mir auch nicht so gut. Ich fühlte mich wertlos. Und noch dazu hätte ich meine Tochter dann ja wieder mehr zu Hause. Sie ist noch nicht in der Kita. Und ich kann das alles daheim grad nicht leisten. Mir wird alles schnell zu viel. Vielleicht halte ich deshalb grad irgendwie noch an meinem Job fest, keine Ahnung. Ich habe Angst davor, in eine stille Leere zurückzukehren zu Hause, wo auch niemand auf mich wartet bzw. sich auf mich freut.

Meine Tochter ist momentan zu Hause beim Papa und ich bin zu meinen Eltern geflohen. Ich weine hier weniger, aber ich vermisse meine Tochter sehr.
Mir liegt natürlich noch was an meinem Freund, aber seine Abwendung von mir in der wahrscheinlich schwierigsten Zeit meines Lebens verletzt mich mehr als ich in Worten ausdrücken kann. Ich brauche ihn jetzt mehr als je zuvor und er grenzt mich aus seinem Leben aus. Das ist eine Verletzung, die ich nicht so schnell vergessen kann. Ich habe ihn auch schon gehasst und abgelehnt, keine Frage. Aber ich weiß auch, dass ich ihn brauche. Das ist ja auch sein Problem. Er will nicht, dass ich ihn brauche. So sollte eine Beziehung nicht sein - stimmt ja auch irgendwo. Ich sollte in einer idealen Welt für mich selbst sorgen können und mich selbst lieben und glücklich machen. Dann "brauche" ich ihn nicht. Aber jetzt in diesem Moment brauche ich ihn nun mal an meiner Seite und er lässt mich aber verzweifelt vor einer verschlossenen Türe stehen und das tut verdammt weh.

Wie hast du es denn damals wieder raus geschafft Schritt für Schritt? Wie hast du dich wieder deinem Mann angenähert, wenn ich so persönlich fragen darf? Ich weiß grad einfach wirklich nicht, wie es besser oder gar wieder gut werden soll. 😔

Vielen Dank nochmal! Ich habe meinem Freund die Seite mal empfohlen. Danke für deine lieben Worte! Liebe Grüße

Jo**
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Jo** » 01:12:2018 12:31

Sehr gerne! Die Verschlechterung war wirklich nur eine kurze Zeit, vor allem die ersten paar Tage würde ich sagen aber es hat sich ziemlich schnell eine Verbesserung herausgestellt, ich weiß natürlich nicht wie du darauf reagierst. Aber die Energie und auch die Freude etwas zu tun z.b. wieder im Haushalt zu arbeiten war auf jeden Fall da und ist es immer noch!

Wenn ich noch etwas anmerken darf bezüglich deiner Beziehung, mein Partner hat am Anfang auch überhaupt nicht verstehen können warum es mir so schlecht geht, das war die ersten Wochen ein sehr großes Problem für mich und eine zusätzliche Belastung weil ich ihm einfach nicht klar machen konnte wie es in mir aussieht da doch offensichtlich alles absolut perfekt ist. Eine gute Beziehung, ein eigenes Haus, ein schönes gesundes Kind und eine gesunde Mutter... Aber ich konnte ihm einfach nicht erklären was in mir vorgeht weil ich es selber nicht verstanden habe, und habe ihn dann mit jemanden sprechen lassen in diesem Fall war es meine Chefin, die auch Ärztin ist, die konnte ihm das beibringen! ich war zum Teil dann auch sehr ungeduldig und ungerecht zu ihm, zum Teil auch aggressiv, und das hat ihn sehr belastet, aber wir konnten ihm klar machen dass wenn es andersherum wäre und er z.b. eine schwere Operation oder Ähnliches hätte würde er auch auf die Hilfe anderer angewiesen sein und diesem Fall ist es nicht viel anders außer dass es nicht körperlich sondern auch psychisch eine sehr große Belastung für dich ist! Ich weiß nicht ob du die Möglichkeit hast dass dein Mann mit jemanden spricht ob er dafür offen ist, oder ob es sich nicht hier in dem Forum mit jemand anderem bespricht!
Ich drücke dir ganz fest die Daumen, und es wird wieder gute schöne Tage für dich geben

Astrid
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Astrid » 01:12:2018 15:01

Hallo Du,

ja ich kenne die Gedanken nur zu gut. Der Partner muss für einen da sein, er muss stark sein, alles wieder gut machen. Er hat sein altes Leben, ich nicht... . Ich kann an seinem Leben nicht mehr teilnehmen. Wir haben nichts mehr gemeinsam, außer dem Kind... . Aber er kann dir nicht helfen. Und erkann dich auch nicht retten. Wenn du ehrlich bist, ist er auch schon lange für dich da. Und kommt jetzt an seine Grenzen. Und er weiss vermutlich auch nur wenig über die Krankheit. Deswegen braucht ihr Hilfe von außen. Und es wird wieder anders. Du wirst wieder mehr Kraft und Mut haben. Die Angst vor dem "alleinesein" und die des Versagens und fehlender Zukunftsperspektive werden sich relativieren. Dein Job schien dir als Fluchtweg, doch du nimmst deine Krankheit mit. Egal ob du in Bochum City, oder auf den Malediven hockst, die Krankheit begleitet dich, und du wirst dich überall gleich mies fühlen. Daher muss es deine erste Priorität sein, gesund zu werden. Wenn es die Möglichkeit gibt, in MutterKind Klinik zu gehen, die sich mit PPD auskennen, würde ich sie wahrnehmen. So musst du dich nicht von deiner Tochter trennen, und kannst aber ganz viel Verantwortung abgeben, und dich medikamentös einstellen lassen, ohne mit den eventuellen Nebenwirkungen alleine zu sein. Außerdem kannst du die Beziehung zu deiner Tochter aufrecht erhalten, und hast nicht so ein schlechtes Gewissen. Du bekommst Gespräche, oder Verhaltenstherapie, um aus der Gedankenspirale auszubrechen.Du bist nicht alleine mit dieser Krankheit. Das Bewusstsein der Bevölkerung wächst, und du wirst wieder Arbeit finden, wenn du fit genug bist. Irgendwo geht wieder eine Tür auf. Vielleicht ist es sogar eine Tür, die dich viel glücklicher als bisher werden lässt. Schwäche zuzugeben kann eine große Stärke sein. Die Beziehung zu meinem Mann war lange gestört. Wäre ich mein Mann gewesen, hätte ich mich verlassen. Aber er hat es nicht getan, und ich bin dafür sehr sehr dankbar. Bei uns hat sich die Situation gebessert, als ich mein passendes AD gefunden hatte. Es war wie ein auftauchen aus dem Dunkel. Plötzlich wusste ich gar nicht mehr, warum ich so schwarz gesehen hatte. Mein Kind war da allerdings auch schon 14 Monate alt... . Ich wusste auch ganz lange nicht, was mit mir los war. Es war ein unglaublicher Alptraum. Für uns alle... . Schatten & Licht war damals meine einzige Hilfequelle, bis ich meine Therapeutin fand. Gucke mal in der Betroffenenliste, ob nicht auch eine Frau bei dir in der Nähe ist, die dir vielleicht auch Tipps zu Ärzten, Kliniken, SHG geben kann. Es tut einfach schon gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Und dass es wieder gut wird!!! Und das ist so. Bei mir hat es sehr lange gedauert, aber es hat sich gelohnt. Das zweite Lebensjahr meines Sohnes konnte ich mit allen Sinnen genießen. Und die Liebe zu meinem Mann ist auch wiedergekommen. Es hat sogar zu einem zweiten Baby geführt... :-) . Ohne anschließende PPD. Nimm deine Erkrankung ernst. Auch wenn sie nicht sichtbar ist, wie ein Bruch oder Krebs, sie ist da, und muss behandelt werden. Je eher desto besser. Je kürzer ist deine Leidenszeit. Bitte gib nicht auf, und setzte deine Gesundheit, und damit auch das Glück deiner FAmilie an die erste Stelle.

Eine liebe Umarmung für dich

Astrid
schwere PPD nach der Geburt des ersten Kindes 2006
2011 zweites Kind ohne PPD
heute gesund ohne Medis
beginnende Wechseljahresbeschwerden

Nelli
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Nelli » 01:12:2018 22:34

Liebe Lillylou,

eine Erstverschlimmerung muß auch gar nicht eintreten, bei mir war das nicht der Fall,
und ich wurde recht schnell hoch dosiert (drei Medikamente).
Ich merke zwar Nebenwirkungen (vermehrtes Schwitzen, größeres Schlafbedürfnis),
aber die sind echt ein Witz gegenüber dem ungeheuren Nutzen der AD.
NW sind total individuell. Lies möglichst nicht den Beipackzettel, das ist kontraproduktiv.
Und nicht im Internet groß nach Erfahrungsberichten stöbern...grauenhaft und absolut
nicht hilfreich. Ich nehme seit 18 Jahren AD (außer in der SS) und hatte nie schwere NW,
manchmal sogar keine! Es sind wirklich gute Medikamente heutzutage.
Und es ist längst nicht gesagt, dass Du sie für immer nehmen mußt!
Bei mir ist das wohl so, aber auch nicht in der jetzigen hohen Dosis. Und es ist auch nicht schlimm.
Nur Mut!

Nelli

Lillylou
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 02:12:2018 10:41

Liebe Jo,

danke für deine Nachricht. Darf ich fragen, wie alt dein Kind ist und welches Antidepressivum du nimmst? Ich soll erst Mal mit 25mg Sertralin beginnen meinte die Psychiaterin. Wahrscheinlich werde ich erst mal nichts merken sagte sie und muss dann auf 50mg hoch. Ich hab wirklich eine höllische Angst vor den Dingern. Ich will sie nicht jahrelang nehmen müssen. 😔

Ich weiß nicht, wie klein dein Kind war, als die Gespräche mit deinem Mann stattfanden. Es klang so als wäre es noch recht klein gewesen. Meine Tochter ist jetzt 18 Monate alt und mein Freund ist einfach durch. Er kann sich grad nicht mehr mit der Krankheit befassen. Ich bzw. wir haben zu lange gewartet, um Hilfe zu holen. Ich habe es zu lange nicht als Krankheit erkannt.

Ich danke dir nochmals, dass du mir so lieb antwortest.
Viele Grüße, Lilly

Lillylou
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 02:12:2018 11:10

Liebe Astrid,

du hast Recht, mein Freund war lange Zeit an meiner Seite. Ich erwarte aber gar nicht von ihm, dass er mich rettet oder dass er stark sein muss. Ich weiß, dass ich professionelle Hilfe brauche und die hole ich mir ja auch. Ich wünsche mir, dass mein Freund auch ohne zu reden mal meine Hand nimmt oder mich mal in den Arm nimmt. Dass er mir einfach auch ohne Worte das Gefühl gibt, an meiner Seite zu sein - ohne mich retten zu müssen oder sonstiges.
Mein Freund hatte selbst vor 10 Jahren eine schwere Depression, er weiß also sehr wohl, wie schrecklich das alles ist. Und wie sehr man auf Hilfe angewiesen ist. Deshalb tut es vielleicht umso mehr weh, dass er mich jetzt so ausgrenzt und ablehnt.

Du hast auch recht damit, dass man die Krankheit überall hin mitnimmt. Das merke ich jetzt auch. Depression verfolgt mich schon seit vielen Jahren immer mal wieder. Viele Leute sagen mir aber dann lenk dich doch ab, unternimm was Schönes mit deiner Tochter. Und ich merke aber, das kann ich schon gar nicht mehr. Ablenkung bringt mir gar nichts.

Morgen bringt mir mein Freund meine Tochter und ich weiß momentan gar nicht, wie ich mich um sie kümmern soll. Alleine würde ich mir die Betreuung schon gar nicht mehr zumuten. Meine Mutter ist zwar hier, aber alles kann sie natürlich nicht abfangen. Ich glaube wirklich, dass ich gerade keine gute Bezugsperson für meine Tochter bin. Ich denke wirklich, dass ich so nicht gut für sie bin. Dass sie bei meinem Partner oder gesunden Menschen wie Omas und Opas besser aufgehoben ist. Ich habe gerade eher das Gefühl ich sollte nicht in ihrer Nähe sein, obwohl ich sie schrecklich vermisse. Aber ich will ihr mit meiner Antriebs- und Hoffnungslosigkeit nicht schaden. Und sie bekommt in ihrem Alter ja auch schon alles mit.
Bzgl. der Klinik kann es noch dauern. Je nachdem wie lange sich die Krankenkasse Zeit nimmt. In der Klinik gibt es jetzt nicht speziell eine Interaktionstherapie oder sowas. Die Therapien wären wirklich alle nur für mich. Ich hoffe ich habe die richtige Klinik gewählt, auch wenn sie keine Therapie für mich und meine Tochter gemeinsam anbietet.

Vielen Dank auch für deine Offenheit bzgl. deiner Beziehung zu deinem Mann. Das gibt mir Hoffnung, dass es wieder werden kann, aber Zeit braucht. Wie schön, dass du sogar das Glück eines zweiten Kindes ohne PPD erfahren konntest.

Ich gehe bereits zur SHG hier, suche aber eine neue Therapeutin, die spezialisiert ist auf PPD. Ich werde mal in die Betroffenenliste schauen, danke für den Tipp.

Ja, man kann nicht sehen oder glauben, dass es wieder besser wird. Aber es immer wieder zu hören, ist auch schon ein Anfang. Also vielen Dank für deine ermutigenden Worte.
Ich denke der erste Schritt ist jetzt, mich krank schreiben zu lassen, sodass der Stress bzgl. Arbeit wegfällt. Wie es dann beruflich weitergeht, muss sich zeigen.
Aber du hast so recht, ich muss mich jetzt um mich kümmern und auch für meine Tochter wieder gesund werden.

Vielen herzlichen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um mir so ausführlich zu schreiben. Alle, die mir hier schreiben und so helfen, sind ein wahrer Segen. Liebe Grüße, Lilly

Lillylou
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Lillylou » 02:12:2018 11:20

Liebe Nelli,

danke auch für deinen Beitrag.
Leider hatte ich den Beipackzettel schon gelesen, deshalb habe ich sicher auch so Angst.
Aber vielleicht wird es nicht so schlimm.
Meine große Angst ist es tatsächlich, dass ich sie jahrelang oder vielleicht dann für immer nehmen muss und ich wollte immer mehr als ein Kind haben. Ich habe einfach Angst, dass mir diese Krankheit meine Zukunftspläne total zerstört hat. Noch dazu wenn ich jetzt Antidepressiva nehmen muss. Ich weiß es sind ganz paradoxe Gedanken, da ich aktuell auf keinen Fall ein 2. Kind haben könnte in meinem Zustand. Aber der Wunsch danach ist so groß und ich habe Angst, dass ich mit Antidepressiva noch mind. 2 Jahre damit warten muss. Daher kommen sicher auch die ganzen schlimmen Gedanken. Ich habe das Gefühl alle meine Vorstellungen, wie die nächsten Jahre, meine Zukunft so aussieht, wurden durch diese Krankheit zerschmettert und ich muss jetzt die Scherben zusammen sammeln und mich komplett neu orientieren. Aber das Gefühl kennt sicher jeder hier.

Ich soll mit 25mg Sertralin anfangen und bei Bedarf hochgehen. Ich weiß allerdings nicht, wie lange man warten sollte bevor man die Dosis erhöht, falls man nichts merkt.
Darf ich fragen, welches du nimmst? Über Sertralin liest man sogar hier im Forum keine so tollen Dinge.

Vielen Dank auch dir, Nelli! Jeder Zuspruch ist Gold wert. Viele Grüße, Lilly

Jo**
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Jo** » 02:12:2018 13:33

Wirklich sehr gerne! :wink:

Da hast du recht, ich habe es innerhalb der ersten zwei Wochen bemerkt dass ich eine Depression habe, und habe auch dementsprechend schnell Hilfe bekommen und mein Partner hat auch bereits in der zweiten Woche Bescheid gewusst! Ich denke in dieser Richtung bin ich dir womöglich wirklich keine große Hilfe aber andere User haben sicher ähnliches Problem...

Was ich allerdings zu den Antidepressiva sagen muss, würde ich die Möglichkeit haben, diese immer nehmen zu können wenn es mir weiterhin so gut geht würde ich das tatsächlich in Erwägung ziehen! So wie ich mich vorher gefühlt habe ist absolut kein Zustand und ich würde sogar eine dauerhafte Einnahme in Erwägung ziehen wie gesagt ( natürlich nur wenn sich meine Leberwerte und das EKG darunter nicht verändern).
Ich nehme aktuell Citalopram 40 mg und dazu Mirtazapin 15 mg abends damit ich überhaupt schlafen kann! Also schon eine ziemlich hohe Dosis, habe auch immer noch Zwangsgedanken allerdings kann ich diese oft wegschieben. Ich habe mit Citalopram 5mg angefangen, und bin dann langsam wirklich ganz langsam nach oben, es hat natürlich auch noch mal drei Wochen gedauert bis ich dann bei meinen 40 mg angekommen bin, aber ich spüre halt jede Erhöhung, das war bei mir immer ein Rumpeln aber ich habe es auch überlebt! Es hat bei mir auch bei jeder Erhöhung des öfteren den Gedanken ausgelöst dass ich das nicht mehr lange schaffe aber es hat sich wirklich gelohnt----- trau Dich!!

Da hätte ich auch noch die Frage ob jemand weiß ob man AD auf Dauer über viele Jahre nehmen kann!? Wird wohl nicht anders gehen oder wenn sich das Beschwerdebild nicht ändert?! Liebe Grüße

Nelli
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Nelli » 02:12:2018 22:34

Liebe Lillylou,

auch ich nehme Sertralin, in der Höchstdosis (200 mg, wegen der Zwangsgedanken, da ist das angebracht).
Ich kann Dir nichts Negatives darüber berichten, außer, dass man mehr schwitzt, aber auch nur bei Aktivität,
nicht im Sitzen oder so, Mir hat es geholfen, zusammen mit Lamotrigin und Quetiapin, und glaube mir,
ich war ganz, ganz unten.
Ganz wichtig: Zwischen jeder Aufdosierung sollen mindestens zwei Wochen liegen!
Außerdem ist Sertralin ein sehr bewährtes AD und kann auch in der SS genommen werden.
Unter Sertralin darf sogar gestillt werden.
Bitte denk daran: Du bist JETZT akut krank und brauchst diese Medikamente.
Du wirst sie nehmen müssen, bis Du über längere Zeit hinaus stabil bist.
Dann kannst Du sie runterdosieren.
Wenn Du also nicht gerade 45 Jahre alt bist, kannst Du also sehr wohl an ein zweites KInd,
zu gegebenem Zeitpunkt denken. Aber JETZT mußt Du Dich behandeln lassen.
Die AD helfen Dir.

Ich drücke Dir die Daumen! Nelli

Nelli
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Nelli » 02:12:2018 22:37

Liebe Jo,

ja, Du kannst AD "für immer" nehmen.
Ich werde dies wohl tun müssen, allerdings wohl nicht in der momentanen hohen Dosierung.
Aber ich gehe inzwischen davon aus, dass mein Gehirnchen eine stete Dosis braucht,
und ich bin dankbar, dass es diese Medikamente gibt, sie haben mir mein Leben gerettet.
Wichtig ist natürlich, dass man eines findet, das für einen betreffs Wirkung/Nebenwirkung
passt.

Nelli

Christina
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Re: Gefühl, mein Leben stürzt über mir ein

Beitrag von Christina » 03:12:2018 1:39

Hallo Lilly,
Ich nehme auch Sertralin 125 mg. Mit Zwangsgedsnken und Panikattaken hatte ich zum Glück nichts zu tun. Ich haben in der Klinik mit 50 mg angefangen und war bei Entlassung nach 5 Wochen bei 125 mg. Ich kann nichts schlechtes über Sertralin sagen. Habe keine merkbaren Nebenwirkungen. Ich war anschließend in einer Mutter-Kind-Tagesklinik und die Ärztin dort meinte mit ADs muss man auch sein eigener Arzt sein, weil man die Wirkung ja nur selber merkt und nichts gemessen werden kann. Du brauchst keine Angst davor haben. Ich persönlich habe eher Angst sie mal nicht mehr zu nehmen, weil es ohne die Hölle war. Durch eine Geburt kriegt das Hormonsystem bei machen Frauen halt nen Schaden.
Seit Geburt meiner Tochter im Oktober 2017 an PPD erkrankt.
5 Wochen stationär ohne Kind
7 Wochen Mutter-Kind-Tagesklinik
Medis: Sertralin, Bupropion, Quetiapin, Progesteron in 2. Zyklushälfte
Psychotherapie

Juli 2018: Quetiapin wegen Restless Leg-Syndrom abgesetzt.

Aktuell: Leider wieder sehr wechselhaft.

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