Panik vor dem Alleinsein

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

Moderator: Moderatoren

Antworten
Oleta
Beiträge: 8
Registriert: 19:01:2019 11:28

Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Oleta » 06:03:2019 16:52

Hallo ihr Lieben,
nach 5 Wochen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik(ohne Kind) bis zum 14.02. hatten wir die letzten Wochen eine Haushaltshilfe, die sich auch um das Kind (4 Monate alt) gekümmert hat. Diese Woche war die Betreuung krank. Montag ist mein Mann zu Hause geblieben. Ich bin sogar mit der Kleinen allein zur Babymassage gefahren. Dachte also es geht einen Schritt vorwärts. Dienstag war ich lediglich von 10 Uhr an allein und bin 14 Uhr zur Rückbildung. In diesen paar Stunden war ich vollkommen angespannt und hatte panische Angst. Heute wollte ich eigentlich versuchen, morgens meine Kleine kurz fertig zu machen und dann zu meinen Eltern zu fahren. Wäre also nur ne Stunde allein gewesen.
Dieser Gedanke an den Tag heute hat mich die ganze Nacht schon nicht schlafen lassen. Morgens hatte ich wieder Heulkrämpfe und habe das Muttersein in Frage gestellt. Ich saß da wie ein Häufchen Elend und war nur noch panisch und vollkommen aufgelöst. Ich wollte mich einfach nur verstecken und nie wieder kommen. Mein Mann hat dann unsere Tochter mit ins Büro genommen und ich habe mich bis 14 Uhr im Bett versteckt. Nichts gegessen, nichts getrunken und wieder der Gedanke allem entfliehen zu wollen.
Ich bin seit 4 Monaten noch nicht mit meiner Tochter zusammen aufgestanden. Schon der Gedanke daran selbstständig morgens auf die ersten Schreie zu reagieren macht mich wahnsinnig. Es muss sich jemand um sie kümmern bis ich quasi ausgeschlafen habe. Und selbst wenn mir das jemand abnimmt, habe ich panische Angst vor dem Tag allein mit meiner Tochter. Ich habe keinerlei Ahnung was ich mit ihr machen soll. Selbst wenn ich mir einen Tagesablauf zurecht lege, klappt das nicht. Wenn mein Mann allerdings einfach nur anwesend ist (HomeOffice), kann ich mit meiner Tochter spielen, sie füttern und Haushaltssachen machen. Wenn ich genau das Gleiche allein machen soll, werde ich panisch und apathisch und will lieber sterben, als mich um die Kleine zu kümmern.
Ich nehme Elontril und gehe zu einem Therapeuten.
Was kann mir helfen diese Panik zu überwinden? Sie überrennt mich so heftig, dass an autogenes Training etc in diesen Momenten nicht zu denken ist.
Liebe Grüße Oleta

Christina
Beiträge: 38
Registriert: 27:04:2018 20:41

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Christina » 06:03:2019 22:35

Hallo Oleta,
Ich kann das mit dem Angst vorm Alleinsein so gut nachvollziehen. Ging mir auch so. Ich war auch 5 Wochen stationär ohne Kind. Mein Mann hat dann „spontan“ 3 Monate Elternzeit genommen, weil ich auch nicht wußte wie ich allein die Tage durchstehen sollte. Ich habe zum Glück schnell einen Platz in einer Mutter-Kind-Tagesklinik bekommen. Da hätte ich meine Tochter dann jeweils 3 Tage dabei und 2 Tage war ich allein dort und mein Mann hat sich gekümmert. Sie war da übrigens auch knapp 4 Monate alt.

Ich glaube, die Angst kann man echt nur durch Konfrontation überwinden. Ist zwar wirklich schwierig, aber nur so merkt man langsam, dass man dieses Mama-Ding doch drauf hat. :D Für mich war meine Tochter auch wie ein Alien, ich wußte nicht was ich mit ihr den ganzen Tag anfangen sollte. Hab mir im Anschluss an die Klinik Sportkurse mit Baby gesucht, so dass ich jeden Tag Programm hatte. Den ganzen Tag allein daheim ist hart. Im Sommer ist es auch leichter, da kannst du mehr raus, Planschbecken etc.

Halt die Ohren steif, das wird wieder!!! Nehme auch 300mg Elontril zusätzlich zum Sertralin.
Seit Geburt meiner Tochter im Oktober 2017 an PPD erkrankt.
5 Wochen stationär ohne Kind
7 Wochen Mutter-Kind-Tagesklinik
Medis: Sertralin, Bupropion, Quetiapin, Progesteron in 2. Zyklushälfte
Psychotherapie

Juli 2018: Quetiapin wegen Restless Leg-Syndrom abgesetzt

Astrid
power user
Beiträge: 217
Registriert: 18:09:2017 11:34

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Astrid » 07:03:2019 15:52

Hallo Ihr Zwei,

mir ging es auch so. Eine unglaubliche Angst alleine mit dem Kind zu sein. Wenn mein Mann zu Hause war, ging es. Auch ich wusste nichts mit dem <kind anzufangen und hatte gleichzeitig so ein schlechtes Gewissen... . Ich weiss nicht, wie man da raus kommt. Ich habe es erst geschafft, als mein AD angefangen hat zu wirken. Da haben diese Panikattacken und Ängste endlich aufgehört, und ich konnte meine Gefühle gar nicht mehr nachvollziehen. Da mein Mann nach 14 Tagen wieder angefangen hat zu arbeiten, musste ich da durch. Aber es wäre auch fast schief gegangen... . Kannst du nicht versuchen, dass deine Haushaltshilfe länger bleibt? Du bist einfach noch nicht so weit. Aber du hast einen Schritt vorwärts gemacht! Auch wenn es nur ein "Babyschritt" war. Du hast es alleine zur Babymassage geschafft, und du hast die Planung des nächsten Tages in Angriff genommen, auch wenn es dich dann überrollt hat. Halte dich daran fest. Versuche es immer wieder. Mache Spaziergänge alleine. Wenn du in Panik gerätst, kannst du anfangen zu Joggen und der Angst wegrennen (hab ich auch gemacht, hört sich bekloppt an, ich weiss). Dann vielleicht Termine mit Kind alleine wahrnehmen, Babyschwimmen, Babytreff, Massage ... . Lade dir andere Mamas nach Hause ein. Eine Tasse Kaffee trinken oder Tee. Die Kids brauchen gar nicht viel Bespaßung. Singe mit ihr. Massiere sie . Bade sie. Mache deine eigenen Dinge und lass sie dabei zusehen. Dein Alltag ist für das Baby spannend genug. Denn für sie ist alles neu. Und gönne ihr und dir Ruhe. Einfach nur nebeneinander liegen und kuscheln ist auch oft schon genug. Höre dabei Musik, die dir gut tut oder schaue eine Serie im Fernsehen. Alles was dir gut tut und dich entspannt ist prima. Die Kleine wird einfach dabei sein. Yoga, leichte Gymnastik, Dehnübungen. Koche etwas leckeres. Und mache dir keinen Druck, wenn es nicht klappt, dann eben nicht. Du bist doch erst 4 Monate Mama. Wieso sollte man da alles perfekt können. Die Verantwortung für dieses Wesen scheint einen zu erdrücken, aber du machst das großartig, alleine weil du ihre Mama bist. Und du hast sie so lieb, dass du Angst hast, etwas falsch zu machen oder mit ihr alleine zu sein. Du hast noch dein Leben lang Zeit besser, schneller, toller, gefühlvoller, weniger panisch, weniger verzweifelt zu sein. Sie wird dich liebhaben. Du bist kank, und es dauert einfach sehr sehr lange, bis man mit dieser Krankheit wieder ok ist. Die Idee eine Tagesklinik mit dem Kind zu besuchen finde ich übrigens großartig. Hoffe es gibt bei dir die Möglichkeit. Weil du dann die Zeit hättest, dich an deine Kleine zu gewöhnen und Sicherheit vermittelt zu bekommen. Ich drücke dich erst einmal ganz herzlich

Astrid
schwere PPD nach der Geburt des ersten Kindes 2006
2011 zweites Kind ohne PPD
heute gesund ohne Medis
beginnende Wechseljahresbeschwerden

Mel
Beiträge: 16
Registriert: 25:11:2018 13:07

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Mel » 07:03:2019 21:11

Liebe Oleta,
die Panik vor dem Alleinesein ist bei unserer Krankheit völlig normal, aber sie wird weniger! Ich kann mich den anderen nur anschließen: Wenn es irgendwie geht, melde dich für mehrmals in der Woche zu Kursen an (Pekip, Massage, Babyschwimmen, Krabbelgruppe....) oder gehe an festgelegten Tagen ins Babycafe, verabrede dich mit Freunden oder anderen Müttern. Es ist oft schwierig und du denkst, deine Erschöpfung lässt es nicht zu, aber es geht- in vielen kleinen Einheiten und mit Pausen dazwischen. Wahrscheinlich benötigst du tatsächlicj ein paar Wochen, bis deine Medilament richtig wirkt und du etwas ruhiger wirst... aber du wirst es schaffen. Auch wenn deine Unternehmungen am Anfang klitzeklein sind. Klopfe dir für jeden noch so kleinen Spaziergang, den du geschafft hast auf die Schulter.
Alles Liebe!
Mel
PPD seit 2017

Benutzeravatar
Marika
power user
Beiträge: 7984
Registriert: 04:06:2005 16:05

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Marika » 08:03:2019 7:13

Hallo Oleta,

ich kann mich den anderen nur anschließen: Alleine mit dem Baby sein ist für die meisten von uns schlichtweg am Anfang unmöglich. Mir ging das auch so. Die Angst war übermächtig. Aber man kann das schaffen. Dazu ist es aber nötig, kleine Schritte zu machen. Also z.B. ZUSAMMEN mit deinem Mann aufstehen wenn das Baby wach wird - nicht liegen bleiben. Mit der Zeit dann 15, 30 min alleine mit dem Baby bleiben, die Angst aushalten aber mit dem Wissen, dass bald jemand kommt. So habe ich das gemacht.

Typisch ist auch, dass du es eigentlich total gut kannst, wenn dein Mann im Home office ist. Auch bei mir reichte die pure Anwesenheit von meinem Mann oder meiner Mama und es hat geklappt. Wir fühlen uns dann sicher, weil jemand da ist. Es ist völlig in Ordnung wenn das noch so bleibt. Wichtig it nur, dass du schaust ganz kurze Zeit jeden Tag mit deinem Baby Selbständigkeit zu lernen. Immer mit dem Wissen dass z.B. die Haushaltshilfe gleich kommt.

Du schaffst das, versprochen. Die Angst darf da sein, sie wird aber mit der Zeit immer kleiner.
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

November17
Beiträge: 87
Registriert: 11:10:2018 11:54

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von November17 » 08:03:2019 10:49

Liebe Marika,

ich kann bestätigen, dass bei mir auch die Sicherheit da ist, sobald jemand bei mir ist.

Mein Fehler: ich meide noch immer das Alleinesein.

Hast du trotz der Anwesenheit ZG gehabt?

Anfangs waren die ZG weniger, wenn nur jemand bei mir war. Jetzt ist es so, dass diese dennoch kommen. Wobei es auch abhängt wer um mich ist habe ich gemerkt (meine Eltern bspw.).

@Oleta: wie du siehst haben wirklich viele das Problem. Ich bin auch sicher, dass du dich aber immer gut um das Kind kümmerst und schaust, dass es ihm an nichts fehlt.

VG

LaLiLu
Beiträge: 18
Registriert: 21:11:2018 16:09

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von LaLiLu » 09:03:2019 7:31

Hallo,
Auch ich hatte panische Angst mit dem Baby allein zu sein weil bei mir im Kopf drin war..ich schaffe das nicht...ich hab versucht meinem Tag so gut es geht so strukturieren..Flasche geben..duschen...spazieren gehen etc.
Mein Mann war aber auch lange daheim...und irgendwann haben wir es so gemacht dass er immer länger weg ist..ich aber wusste,dass wenn was ist ich ihn anrufen kann und er dann da ist...das hat mir mit der Zeit einfach Selbstvertrauen gegeben,dass ich es doch schaffe!
Gehe unter Menschen die dir gut tun..und damit meine ich nicht..Frauen,die erzählen alles sei super mit Baby (das ist gelogen...ich kenne keine Mama bei der alles toll ist). Gibt es bei euch ein Babycafe oder sowas?
Teilweise bin ich spazieren gegangen und beim Bäcker,Metzger etc. vorbei damit ich mich nicht so allein gefühlt habe...weil vorher war ich jeden Tag unter Menschen und arbeiten...und jetzt...war da ein Baby was mir nicht antworten konnte und ich kam mir doof Selbstgespräche zu führen...

Ich hoffe du findest einen Weg und auch wenn du nicht daran glaubst...es wird DEFINITIV besser!!

Benutzeravatar
Marika
power user
Beiträge: 7984
Registriert: 04:06:2005 16:05

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Marika » 09:03:2019 9:07

@November: Ja natürlich waren die ZG anfangs auch da wenn jemand bei mir war, aber nicht so mächtig und lähmend. Der Grund ist einfach: Es gibt Sicherheit wenn jemand da ist, wir denken dann dass diese Person uns abhalten würde, wenn wir die ZG ausführen... Was ja völlig unnötig ist, weil man ZG nicht ausführt.

Du hast der Kern schon erkannt. Du vermeidest das Alleine sein mit deinem Kind, somit weitet sich der Zwang immer weiter aus - Ergebnis: die ZG kommen jetzt auch wenn jemand bei dir ist. Du musst eine "Kursberichtigung" durchführen. Versuch Schritt für Schritt alleine mit deinem Kind zu sein - auch wenn es Anfangs nur eine viertel Stunde ist bis jemand kommt. DAS IST EIN ERFOLG!!!! Nimm dir 15 min vor wo du alleine bist, du aber weißt, danach kommt jemand. Mach das jeden Tag, wirst merken dass nach einer Woche schon eine Linderung eintritt. Weite dann die Zeit aus. Nur so kommst du aus dem Kreislauf raus. Es ist schwer, ich weiß. Aber es lohnt sich, versuch es!!!

Und: RAUSGEHEN wie LaLiLu schreibt. Man ist dann zwar alleine unterwegs, aber eben doch von Leuten umgeben. Auch das ist eine sehr gute und sanfte Möglichkeit, sich mit den ZG zu konfrtontieren!
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

November17
Beiträge: 87
Registriert: 11:10:2018 11:54

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von November17 » 10:03:2019 7:48

Liebe Marika,

gestern war ich notgedrungen 2 Stunden mit ihm alleine.

Eigentlich sollte es max eine halbe Stunde werden. Dann wurde es eine Stunde und durch das sehr schlechte und stürmische Wetter sind es 2 geworden. Und kurz bevor meine Freundinnen kamen, waren die Unruhe, Panik, Gedanken da. Vielleicht war das zu viel auf einmal und ich hätte gehen müssen solange es gut ging. So ist der Erfolg eher nach hinten gerutscht :|

Nur bei dem Wetter konnte ich nicht eben mal raus :?

Langsamer angehen hätte ich es wohl gemusst.

Vg

Benutzeravatar
Marika
power user
Beiträge: 7984
Registriert: 04:06:2005 16:05

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von Marika » 10:03:2019 9:43

Hallo November,

nein, das ist ein Erfolg. Denn es geht ja darum an die Grenzen zu kommen und die Angst, Gedanken usw. aus zu halten. Das ging also sicher nicht nach hinten los, auch wenn es ungeplant länger wurde. Du hast es geschafft und dein Gehirn lernt bei jedem Mal: Es passiert nichts, ich kann aufhören mit Angst und ZG zu reagiern. Natürlich geht das nicht von heute auf Morgen, aber es wird mit der Zeit immer besser. Bleib unbedingt dran, denn wie du selber siehst, weitet sich der Zwang sonst aus und schränkt immer mehr deine Lebensqualität ein. Vermeidungsverhalten führt immer zur Ausweitung des Zwangs, daher: unbedingt KONFRONTATION - du hast das super gemacht, kannst sehr stolz auf dich sein. Weiter so!!!!
Liebe Grüße von
Marika

Diagnose:
schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex

November17
Beiträge: 87
Registriert: 11:10:2018 11:54

Re: Panik vor dem Alleinsein

Beitrag von November17 » 10:03:2019 11:08

Danke dir Marika,

beim Lesen füllten sich die Augen mit Tränen, insbesondere zu lesen ich könne stolz sein.

Ich bin gerade wieder alleine und ja es ist schwer. Die Anspannung ist da und kostet enorm Kraft es auszuhalten!!!

Vg

Antworten