Meine Geschichte -mit (vorläufigem) Happy End

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Hopeneov
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Meine Geschichte -mit (vorläufigem) Happy End

Beitrag von Hopeneov » 14:06:2019 15:17

Hallo ihr Lieben,

ich war bislang nur stille Mitleserin, möchte aber nun, da es mir aktuell wieder recht gut geht, einigen Betroffenen etwas Mut machen. Wenn man im Netz unterwegs ist, überwiegen ja leider oft die Berichte von schweren Verläufen oder aber es fehlt das „Ende der Geschichte“, da man – sobald es einem wieder gut geht – eben oft mit anderen Dingen beschäftigt ist, als noch weiter in Foren aktiv zu sein :wink:

Ich habe Anfang des Jahres meinen ersten Sohn bekommen, ein absolutes Wunschkind. Während ich die ersten Monate der Schwangerschaft sehr genossen habe und überglücklich war, schlichen sich gegen Ende (ca. die letzten 1,5 Monate) bereits dunkle Gedanken ein. Ich hätte die Schwangerschaft am liebsten rückgängig gemacht und konnte nur schwer Babysachen kaufen oder das fertige Kinderzimmer betreten. Da ich in der Vergangenheit bereits an Ängsten und einer Depression gelitten hatte, vermutete ich bereits eine erneute depressive Phase, unternahm aber zu diesem Zeitpunkt nichts dagegen, sondern versuchte mich mit dem Gedanken abzulenken, dass schon alles gut werden würde, sobald ich unser Kind nach der Geburt in den Armen halten würde :roll:

Die ersten Tage nach der Geburt waren die dunklen Gedanken auch tatsächlich zunächst verflogen, setzten aber sehr schnell und heftig wieder ein, als ich mit unserem Sohn aufgrund von gesundheitlichen Problemen einige Tage in die Kinderklinik musste und es auch mir körperlich nicht gut ging. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als mein altes Leben zurück, war über jede Minute froh die unser Sohn schlief und wurde von schlimmen Ängsten geplagt. Es ging so weit, dass ich Stunden damit zubrachte meinen Mann und meiner Mutter davon überzeugen zu wollen, dass ich niemals Gefühle für unser Kind entwickeln könnte und ernsthaft darüber nachdachte, ihn meinen Eltern zur Pflege zu geben oder eine Adoption in Erwägung zog. Insbesondere morgens quälten mich über Stunden Ängste und eine schlimme Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit. Auch Suizidgedanken mischten sich dazu. Ich konnte unser Kind nicht allein versorgen, so dass schließlich meine Mutter quasi bei uns einzog.

Glücklicherweise hatte ich eine sehr erfahrene Hebamme an meiner Seite. Sie vermittelte mir eine Psychotherapeutin, welche vor ihrem Psychologiestudium als Hebamme gearbeitet hatte und bei welcher ich innerhalb von einer Woche meine erste Probestunde bekam – ein absoluter 6er im Lotto für mich!!! Die Gespräche halfen mir sehr, aber es zeichnete sich schnell ab, dass es ohne medikamentöse Unterstützung nicht funktionieren würde.

Ich begann 10 mg Escitalopram zu nehmen – ohne Einschleichen direkt diese Dosis. Die ersten zwei Wochen waren sehr heftig. Meine Ängste steigerten sich ins Unermessliche, ich schlief und aß nicht mehr, bis wir eines Abends den Rettungsdienst riefen, da ich dachte einen Herzinfarkt zu erleiden. Tatsächlich war es wohl nur eine heftige Panikattacke. In der gleichen Nacht fuhr ich mit meinem Mann in die Psychiatrie wo ich ambulant ein Neuroleptikum (Melperon) zur Beruhigung und ein Schlafmittel (Zopiclon) bekam, um die nächsten Tage zu überstehen bis das Escitalopram seine Wirkung zeigen würde. Ich dachte in dieser Nacht wirklich ich drehe durch! Gleichzeitig war diese Nacht aber der Wendepunkt, denn ab da ließen die Nebenwirkungen des Escitalopram langsam nach und es ging endlich wieder bergauf.

Stück für Stück ließen die Hoffnungslosigkeit und die Ängste nach und ich begann wahrzunehmen was für ein wunderbares Wesen unser Kind ist. Ich hätte es in den schlimmsten Tagen und Wochen niemals für möglich gehalten, dass ich unseren Sohn jemals so lieben würde, wie es nun der Fall ist. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich mit der Mutterrolle niemals klarkommen würde und das schlicht und ergreifend einfach nichts für mich ist. Die Depression hat meine Gedanken vollkommen in Beschlag genommen und quasi einen anderen Menschen aus mir gemacht.

Natürlich ist nach wie vor nicht jeder Tag rosig und auch die Ängste sind nicht vollkommen verflogen. Ich bin nach wie vor in Therapie und nehme das Escitalopram und weiß, dass auch ein Rückfall jederzeit möglich ist (ich hoffe aber natürlich dann besser gewappnet zu sein). Ich fühle mich aber dennoch stabil, kann den Alltag mit unserem Sohn allein bewältigen und kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen.

Das alles hat sich innerhalb von gut 5 Monaten abgespielt. Ich habe meine Geschichte hier aufgeschrieben, um Hoffnung zu machen, dass egal wie tief und dunkel das Loch ist, in dem man sich befindet, es auch immer wieder ein Happy End geben kann und das auch nicht alle Verläufe zwangsläufig sehr langwierig sein müssen und immer eine stationäre Behandlung erfordern (wobei ich diese auch in Erwägung gezogen habe und bereits einen Termin für ein Vorstellungsgespräch in Herten hatte). Ich denke die Kombination aus schneller ambulanter therapeutischer und medikamentöser Hilfe als auch großartige familiäre Unterstützung waren in meinem Fall sehr, sehr hilfreich. Und vermutlich auch die Tatsache, dass ich mich gut öffnen konnte und immer das Bedürfnis hatte über meinen Zustand zu sprechen (auch wenn das sicher nicht leicht auszuhalten war für meine Familie). Habt also keine Scham und redet über eure Gefühle und vertraut euch jemandem an. Nur so kann euch geholfen werden! Und ohne Hilfe hätte ich es ganz sicher nicht in so schneller Zeit geschafft wieder auf die Beine zu kommen.

Ich wünsche auf jeden Fall allen Betroffenen jede Menge Mut für ihren Weg und drücke uns allen die Daumen, dass wir ein glückliches und erfülltes Familienleben genießen dürfen!!! :D

Astrid
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Re: Meine Geschichte -mit (vorläufigem) Happy End

Beitrag von Astrid » 15:06:2019 15:30

Hallo Du,

danke für deine Geschichte!!! Denke es ist so tröstlich und hoffnungsvoll, zu lesen, dass es wieder gut wird. Eine Bitte habe ich an Dich. Steht deine Therapeutin, die mal Hebamme war, auf der Schatten & Licht Fachleuteliste? Wenn nicht, dann bitte sie doch, sich dort eintragen zu lassen. Es ist so wichtig, dass man an eine kompetente Person gerät, und nicht eine ewig lange Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich bringen muss.
Ganz liebe Grüße, und dass du jetzt eine ganz schöne Zeit mit deinem Sohn erleben kannst. Genieße es, du hast es verdient.

Astrid
schwere PPD nach der Geburt des ersten Kindes 2006
2011 zweites Kind ohne PPD
heute gesund ohne Medis
beginnende Wechseljahresbeschwerden

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