Frustration/Wut und aggressive ZG

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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sternschnuppe_
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Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 07:10:2019 10:31

Guten Morgen ihr Lieben,

nun melde ich mich mal wieder. Mir ging es in den letzten 2 Monaten gut. Ich habe immer noch ZG, kann aber besser mit ihnen umgehen.

Nach der Klinik bin ich nun in Behandlung bei einem ambulanten Therapeuten. Ich hatte heute morgen wieder eine Sitzung, die mich diesmal irgendwie etwas aufgewühlt hat.

Er hat mich gefragt, wie ich mit Frustration umgehe. Das soll ich mal beobachten. Also ich habe so das Gefühl, dass er auch so die These verfolgt, dass unterdrückte Wut zu den ZG führt.
Ich kann mich damit aber nicht so recht anfreunden, da mir das eher wieder Angst macht von wegen "da schlummert doch was in mir". Mhhh. Ich schätze schon, dass es einen guten Nährboden für die ZG bildet, da es die Unsicherheit verstärkt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass unterdrückte Wut nicht der Auslöser ist.
Nun bin ich irgendwie verwirrt und muss das alles erstmal sacken lassen.

Habt ihr Erfahrung damit? Wie steht ihr dazu?
Sind die ZG das Ventil für unterdrückte Wut?

Lg Sternschnuppe

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Kikke
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Kikke » 07:10:2019 12:29

Hey,

Sitzungen wühlen auf. Das ist ganz normal. Es ist wahnsinnig anstrengend.

Vlt versuchst du den Gedanken: da schlummert etwas in mir. Umzudenken in: wenn ich meine Wut rauslassen, ist es besser für mich.
November 2017: Schwere depressive Episode mit psychotischen Anteilen

Aktuell: Der normale Mutterwahnsinn

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Marika
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Marika » 07:10:2019 13:18

Hallo!

Ich sehe es so: durch die ZG wollte ich Wut und Ärger nicht haben, geschweige den zeigen. Fälschlicherweise dachte ich, dass diese Gefühle beweisen würden, dass ich fähig wäre die ZG auszuführen. Somit habe ich versucht diese Emotionen zu unterdrücken, was wiederum zu verstärkten ZG geführt hat.

Als ich dann gelernt hatte Ärger oder auch Wut zu zeigen, hat das die ZG massiv geschwächt. Ich glaube dein Therapeut möchte dir vor Augen führen, dass du an viel zu hohen moralischen Ansprüchen festhält, die dir quasi verbieten vermeintlich "negative" Emotionen zu haben. Diese zu hohen Ansprüche sind ein großes Faktum im Entstehen von ZG.
Liebe Grüße von
Marika

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sternschnuppe_
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 07:10:2019 15:30

Kikke hat geschrieben:
07:10:2019 12:29
Hey,

Sitzungen wühlen auf. Das ist ganz normal. Es ist wahnsinnig anstrengend.

Vlt versuchst du den Gedanken: da schlummert etwas in mir. Umzudenken in: wenn ich meine Wut rauslassen, ist es besser für mich.
Danke Kikke, das werde ich auf jeden Fall so mal ausprobieren :-)

sternschnuppe_
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 07:10:2019 15:33

Marika hat geschrieben:
07:10:2019 13:18
Hallo!

Ich sehe es so: durch die ZG wollte ich Wut und Ärger nicht haben, geschweige den zeigen. Fälschlicherweise dachte ich, dass diese Gefühle beweisen würden, dass ich fähig wäre die ZG auszuführen. Somit habe ich versucht diese Emotionen zu unterdrücken, was wiederum zu verstärkten ZG geführt hat.

Als ich dann gelernt hatte Ärger oder auch Wut zu zeigen, hat das die ZG massiv geschwächt. Ich glaube dein Therapeut möchte dir vor Augen führen, dass du an viel zu hohen moralischen Ansprüchen festhält, die dir quasi verbieten vermeintlich "negative" Emotionen zu haben. Diese zu hohen Ansprüche sind ein großes Faktum im Entstehen von ZG.
Hallo Marika,

ich will auch keine Wut und Ärger haben. Mir fällt es schwer Wut zuzulassen. Es fühlt sich für mich unangenehm an.
Aber deswegen bin ich doch trotzdem kein aggressiver Mensch.
Manchmal spricht er mir ein wenig in Rätseln und stellt merkwürdige Fragen :lol:

Ich find mich in jedem Fall total in deinem Text wieder!

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Marika
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Marika » 07:10:2019 19:10

Ja eben, du bzw wir Zwängler sind generell weniger aggressiv als "Normale". Aber Wut und Ärger gehören zum menschl. Leben unbedingt dazu - auch dass man das rausläßt. Das unterdrücken von diesen Gefühlen fördert aber indirekt die ZG. Der Zwang redet dir ein, dass alleine schon in Gedanken existierende Wut oder Ärger ein Indiz sind, dass du "böse" bist. Daher versuchst du diese Emotionen zu unterdrücken... Daraus wird der Zwang wieder stärker. Daher war es für mich ganz wichtig zu erkennen, dass ich unbedingt zu Wut und Ärger stehen muss!
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 07:10:2019 20:29

Wie hast du gelernt Wut und Ärger rauszulassen?

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Marika » 08:10:2019 8:12

Das ging Schritt für Schritt. Zuerst mal war es nur ein Aussprechen wenn ich z.B. genervt oder sauer war. Das hört sich leicht an, war es aber für ich gar nicht. Ich hatte mir ja angewöhnt IMMER ein freundliches Gesicht zu machen, ständig auf die Bedürfnisse meiner Familie ein zu gehen und dabei habe ich mir auch noch sämtliche "negative Gefühle" verboten. :roll: Auch mich hatte ich damals völlig vergessen. Dann war auch wichtig, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit zu teilen auch - oder vor allem dann - wenn sie anders als die meines Mannes oder meines Sohnes waren. Weiters auch Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und auch nicht mehr dem lieben Frieden zu Willen, nach zu geben.

Ganz wichtig auch: Nein sagen lernen. Ob das im Beruf ist oder unter Freunden bzw. in der Familie. Das war ebenfalls ein Knackpunkt.

Ich war ein halbes Jahr auch in kinesiologischer Behandlung. Ein Satz dieser Therapeutin hat mir unglaublich die Augen geöffnet, sie hat auch gleich erkannt, dass ich viel zu harmoniebedürftig bin und mich dabei völlig vergesse. Sie sagte, dass keine negativen Gefühle im klassischen Sinne gibt. Daher setze ich "negative Emotionen" auch immer unter Anführungszeichen. :wink: Denn - so sagte sie - ALLE GEFÜHLE UND EMOTIONEN gehören zu unserem Menschsein dazu. Würde ein Teil fehlen, wären wir keine Menschen, besonders eben nicht der Mensch, der wir sind. Egal ob vermeintlich "positive" oder "negative" Gefühle, Emotionen oder Gedanken - sie alle dürfen unbedingt in unserem Leben sein. Denn sonst wären wir nicht komplett. So wie Sonne und Mond, wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiß, wie Yin und Yang.... usw... Fehlt ein Teil, ist der andere nicht Überlebensfähig. :!:
Liebe Grüße von
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 09:10:2019 12:06

Das sind super Tipps, die man sicher erstmal Stück für Stück lernen muss umzusetzen.
Bei meinem Mann fällt es mir leicht, auch mal zu sagen, wenn mir etwas nicht passt. Bei anderen Menschen fällt es mir schwerer. Hast du dir dann auch mal getraut anzusprechen, wenn du von anderen Menschen enttäuscht warst?

Ich frag mich trotzdem oft, wieso es Menschen gibt, die zu so etwas fähig sind. Erst gestern kam in den Nachrichten wie ein Mann eine ganze Familie ausgelöscht hat :roll: Warum tut man das? Wieso ist Eifersucht ein Grund? Außerdem sind die meisten Männer. Schon sehr eigenartig. Erinnert mich an die Stelle bei "Kobold im Kopf", wo er sagt, wir würden nicht so sehr zweifeln, wenn es nicht Menschen gäbe, die sowas tun...

November17
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von November17 » 09:10:2019 12:44

Liebe Sternschnuppe,

auch bei mir ist das Thema Wut/Frust und Ärger ein großes Thema in der Therapie.

Aktuelle Hausaufgabe ist sogar zu beobachten, wann und wie oft ich eigentlich nicht das sage, was ich eigentlich denke bzw. meine (das Wort denke fand ich auch direkt verwirrend, denn ZG sind auch Gedanken und man will sie nicht ausführen).

Auf jeden Fall sage auch ich nie wie es mir wirklich geht sondern grinse verkrampft vor mich hin, ähnlich wie Marika es geschildert hat. Auch ich soll mir ein "Ventil" finden: 1. Dem gegenüber direkt sagen, wenn mir etwas nicht passt. 2. 3x täglich Entspannungsübungen und 3. Sport als eigenes Ventil.

Ich weiß nicht wie es bei dir ist, aber ich habe z.B. immer einen angespannter Kiefer. Also Daueranspannung!

Und auch mich verwirren oft Aussagen. Bspw. letztens die Aussage, dass die Gedanken und die andererseits übertriebene Fürsorge durchaus parallel laufen können. Ich meinte wie paradox es einerseits ist, dass ich total emotional auf manche Ereignisse reagiere oder weinen kann, wenn mein Kind weint und andererseits die ZG erscheinen und man an sich zweifelt.

In der Hinsicht ähnelt sich unsere Therapie also.

Lg

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von sternschnuppe_ » 09:10:2019 18:10

Hallo November,

ich versteh nur nicht immer den Sinn dahinter. Natürlich spielt das sicherlich auch eine Rolle aber irgendwie fehlt mir bei ihm was...
Fand die junge Therapeutin in der Klinik irgendwie besser.

Er stellt auch manchmal so komische Fragen, wo ich nicht weiß, worauf er hinaus will. Noch dazu würde ich gern jetzt an dem Problem arbeiten, was ich momentan habe und nicht nur in der Vergangenheit rumwühlen... und über irgendwelche Personen reden. Kommt mir bei ihm mehr psychoanalytisch vor, obwohl es eine VT sein soll...

November17
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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von November17 » 09:10:2019 22:11

Ich verstehe was du meinst.

Also meine Thera will erst jetzt mit mir in die Konfrontation gehen nach über 30 Sitzungen.

Und Montag haben wir das erste mal Entspannung gemacht.

Auch bei mir ist vorher viel Analyse gewesen und bisher keine wirkliche Erklärung zum Zwang außer, dass es nur Gedanken seien.

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Marika » 10:10:2019 8:09

Bei mir war zuerst auch viel Analyse dabei. Erst nach etlichen Sitzungen ging es dann wirklich um die ZG.

Wichtig ist glaube ich zu verstehen, dass das unterdrücken von Wut und Ärger mit ein Grund ist, warum sich ZG bei uns so wohlfühlen. Damit ist aber nicht gemeint, dass wir die ZG Inhalte ausführen wollen oder könnten bzw. wir "böse" sind. Unterdrückte "negative" Emotionen verändern sich dann krass in unsere ZG Inhalte um uns quasi auf zu rütteln, dass wir entgegen unserer Natur leben, nämlich eben ganz normale menschliche Regungen unterdrücken. Niemals würden wir die ZG Inhalte ausführen. Fälschlicher Weise gehen wir davon aus, dass wir - wenn wir Wut und Ärger zulassen - diese sich genau so äußern, wie der Zwang uns einredet. Das ist aber eben nicht so. Es ist ganz wichtig zu lernen, dass wir unbedingt diese Emotionen zu- und raus lassen dürfen und müssen um Lebensqualität zu haben.

Die "Zwängler Natur" ist so:
- sensibel
- eher introvertiert
- wenig bis kein Selbstvertrauen
- eher misstrauisch, ängstlich
- angepasst, will gefallen
- perfektionistisch
- zu hohe moralische Ansprüche

Was resultiert draus? Genau... Wut und Ärger passen nicht in unser Lebenskonzept... oft haben wir das in unserer Kindheit schon sehr früh gelernt. Ich auf jeden Fall. Sei artig, lieb und nett... Ja nicht negativ auffallen, sonst wirst du weniger gemocht... So kann man aber wiederum kein Selbwertgefühl oder Selbstvertrauen entwickeln. Man wird ängstlich, zieht sich mehr zurück. Durch unser wunderbares sensibles Naturell (ja - es ist wirklich wunderbar, ich möchte niemals anders sein... :D ) spielt sich dann sehr leicht eine negative Denkspirale in unseren Köpfen ab.

Es ist also wichtig an bestimmten Stellen unserer Wesenseigenschaften hin zu schauen und eine Veränderung herbei zu führen. Sehr gut geht das im "Angepasst sein und gefallen wollen" - denn hier entsteht auch, wie ich mit Wut und Ärger umgehe. Es braucht Reibung im Leben mit anderen Menschen, ja - auch unbedingt mit unseren Kindern. Wir müssen allerdings NICHT unser Wesen völlig verändern, wir dürfen und können aber wichtige Anteile dazu lernen! :D SO wird unsere Sensibilität zu einer wunderbaren und bereichernden Eigenschaft!
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von November17 » 10:10:2019 10:01

Liebe Marika,

immer gefallen wollen und nicht negativ auffallen ist mein Lebensstandard!

Ich kann das wirklich nur bestätigen, leider! Wütend sein durfte man nicht! Merke auch, dass die Großeltern dies schon bei meinem Sohn anwenden, wenn er mal wütend ist und direkt der Satz kommt " nicht wütend sein. Darf man wütend sein?"
Tja so war wohl auch meine Kindheit. Nur lustig, dass die eigenen Eltern wütend sein durften, oder? Also ich wusste, wenn die wütend sind und uns dann angeschrien haben oder es auch mal einen Klaps gab.

Introvertiert ist bei mir zwiespältig...ich bin sehr extrovertiert immer gerne in Gesellschaft. Emotional gesehen bin ich aber introvertiert. Oder hast du dies auch eher auf die emotionale Ebene gemeint?

Ich habe nie meine Gefühle nach außen gezeigt. Und ganz ehrlich habe und hatte ich sogar Probleme meinem Mann zu sagen, dass ich ihn liebe. Als wäre zu viel Gefühl eine Angriffsfläche für evtl. Verletzungen.

Ist es denn angestaute permanente Wut / Ärger wenn die ZG so häufig kommen? Oder beim alleine sein? Das frage ich mich auch oft, warum ich mich so unwohl und grüblerisch fühle auch alleine sprich ganz alleine ohne Kind?

Entspannung soll ja helfen, inwiefern wirkt sich die bspw. Progressive Muskelentspannung auf die ZG aus?
Ich finde es im Moment sehr schwierig wirklich 3x täglich in die Entspannung zu gehen.

Lg

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Re: Frustration/Wut und aggressive ZG

Beitrag von Kikke » 10:10:2019 10:26

Darf man wütend sein?

Natürlich darf man wütend sein. Das macht mich glatt wütend. Es ist so wichtig, alle Emotionen kennenzulernen und zu erleben, dass sie auch wieder weg gehen.

Du kannst deinen Sohn genau das zeigen, weil du gerade einen gesunden Umgang mit deinen Emotionen lernst.
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