Weisskittel-Syndrom

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Sigdrifa84
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Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Sigdrifa84 » 30:06:2020 13:02

Ich bin neu hier und sollte mich wohl vorstellen. Nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll. Ich hab einige Beiträge hier gelesen und erkenn mich in einigen Punkten durchaus wieder. Nur über jemanden der mein größtes Problem teilt, bin ich nicht gestolpert.
Klar. Ich könnte es einfach machen und einfach sagen dass ich halt unter „postpartaler Depression“ leide Aber so simpel will ich es denen nicht machen, die mich in diese Situation gebracht haben: ich hab durch die Schwangerschaft und das unmögliche Verhalten meiner Frauenärztin und durch einige Ereignisse rund um die Geburt bzw. Meinen Krankenhausaufenthalt eine Heftige Ärzte-Phobie entwickelt. Schon jetzt muss ich weinen wenn ich an die Nachsorge-Untersuchungen denke und die Physiotherapie die man mir wegen meiner Geburtsverletzungen verordnen will....
Ich WILL es nicht. Kann ihnen einfach nicht mehr vertrauen. Fühle mich gefangen in einem nicht enden wollenden Zustand in dem an meinem Körper von Fremden „herum gefuhrwerkt“ wird. Ich will nicht mal mehr von meinem Partner berührt werden, weil ich einfach nur noch in Ruhe gelassen werden will.
Jetzt wird’s viele geben die sagen werden „Ärzte meinen es doch nur gut!“ und „Der Gesundheit wegen musst du da durch!“ aber genau da liegt schon ein Teil des Problems. Meine FA hat mir meine gesamte Schwangerschaft hindurch das Gefühl vermittelt „krank“ zu sein obwohl im Endeffekt nichts war. Und im Krankenhaus haben sie mir mein Kind gestohlen während ich unter Narkose war. Wortlos... Haben mich tagelang Trotz heftiger Geburtsverletzungen 8 mal täglich zu Fuß durch das komplette Krankenhaus gejagt, mir nicht eine Stunde Ruhe in meinem Zimmer gelassen. Ständig standen irgendwelche Leute neben meinem Bett, die an mir herumprokelten, auf mich ein laberten oder mir irgendwas aufschwatzen Wollten. Auf der Neugeborenen-Station wurde ich wie ein simplen „Besucher“ behandelt wenn ich zu meinem Kind wollte. Durfte nie länger als 20 Minuten bei meinem Kind bleiben (Windel wechseln, füttern darf man ihnen abnehmen und dann wird man rausgeworfen) und dann hat man sich dort geweigert ihn mir mitzugeben obwohl er gesund und fit war nur weil ich keine Hebamme Mehr haben Wollte. Man hat mir ständig etwas aufgezwungen ohne sich im geringsten darum zu kümmern Oder zu Interessieren wie ich mich dabei fühle und was ich will. Ich bin einfach nur noch hinundhergerissen zwischen unglaublicher Wut und tiefster Verzweiflung und hab keine Ahnung was ich tun soll damit es besser wird.

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Kikke
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Re: Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Kikke » 30:06:2020 13:58

Herzlich willkommen hier bei uns im Forum!

Du hast einen ersten Schritt getan und dein Leid hier aufgeschrieben. ich kann mir vorstellen, dass es gut tat, all deine Wut und Gedanken niederzuschreiben.

Darf ich fragen, wie alt dein Sohn ist und ob Du aktuell wieder zu Hause bist?

du erzählst davon, dass gesagt wurde, dass du in der Schwangerschaft krank sein ist. Was wurde denn genau von deiner Ärztin diagnostiziert?

nach dem Bruch teilen, die du geschrieben hast, kann ich mir annähernd vorstellen, dass die Geburt deines Sohnes sehr gewesen sein muss.
Hier gibt es viele, die nachvollziehen können, was Worte und Taten von Ärzten anrichten können. Du bist hier genau richtig, um dich auszutauschen.
Ich würde mich freuen, wenn du uns deine Schwangerschaft und deine Geburt noch genauer beschreiben würdest.

Es tut mir sehr leid für dich, dass du in so einer Situation bist und hoffe, dass wir die ein bisschen helfen können.
Alles liebe
November 2017: Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen

Aktuell: Der normale Mutterwahnsinn

Nelli
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Re: Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Nelli » 30:06:2020 23:43

Willkommen!
Schon allein statistisch gesehen bist du leider bei weitem nicht die Einzige, die unter Fremdbestimmung / Gewalt unter der Geburt leidet.
Ich selbst habe im Bereich Gynäkologie zum Glück nur gute Erfahrungen gemacht, anders sieht es im Bereich der Psychiatrie aus...
Zunächst einmal tut es mir auch weh, deine Erfahrungen zu lesen. Ich denke, dass Du traumatisiert davon bist. Und Du hast vollkommen recht: es ist zunächst einmal immens wichtig, dies festzustellen und es nicht nur auf die Hormone zu schieben! Besonders das Fernhalten von deinem Kind liest sich grauenhaft.
Ich möchte mich Kikke anschließen und dich darum bitten, noch etwas mehr zu berichten, z.B. wie die Bindung zu deinem Kind ist.
Nicht, weil wir so neugerig wären, sondern damit wir besser auf dich eingehen können.
WAs ist mit einer THerapie, in deren Rahmen du das aufarbeiten könntest? Oder ginge das auch nicht?
Nelli

Sigdrifa84
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Re: Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Sigdrifa84 » 01:07:2020 11:53

Danke für die Verständnisvollen Antworten. Es tut in der Tat gut sich einfach „Luft zu machen“ durchs Aufschreiben und zu wissen, dass man nicht alleine ist. In meinem Umfeld muss ich leider eine Art Schauspiel durchziehen und meinen Frust verstecken. Die meisten verstehen einfach nicht, dass das Alles nicht einfach „verpufft“ weil doch soviele „Glückshormone“ wegen dem Kind da sein sollten. Mein Kleiner is jetzt einen Monat alt und auch schon ne Weile mit mir Zuhause, aber die ersten zwei Wochen waren echt schlimm. Ich konnte nicht schlafen weil ich ständig träumte, dass man mein Kind wieder wegnahm. Und selbst im Wachzustand musste ich alle 5 Minuten sicherstellen dass er wirklich DA ist weil mich Panik überkam.
Meine Schwangerschaft und die Geburt Schilder ich euch natürlich gern, allein schon um auch das wenigstens mal „zu verbalisieren“ und etwas abzuarbeiten:
Ich hab 12 Jahre erfolglos versucht schwanger zu werden bevor ich endlich einen positiven Test in Händen hielt. Ich hätte gar nicht glücklicher sein können. Doch schnell schlug das um und der Ärger fing an. Ich bekam Blutungen und musste, weil mein Arzt in Rente gegangen war, zu einer neuen Ärztin. Dass solche Blutungen häufig vorkommen und meist harmlos sind, erwähnte sie nicht. Sie brabbelte etwas von „Abstossungsgeschehen“ und verordnete Bettruhe. 14 Tage später behauptete sie sowas nie gesagt hätte, flippte anstatt dessen wegen einiger Katzenhaare auf meiner Kleidung aus. Sie würde das Jugendamt einschalten wenn ich das „Viech“ nicht abschaffe... und so ging’s dann auch weiter. Bei jedem Termin beleidigte sie mich oder meinen Partner, machte mich nieder und drohte mit dem Jugendamt wenn ich IGel Leistungen nicht durchführen wollte. Wechseln war nicht möglich, weil die einzige Alternativ-Praxis überlastet war. Ich war hinterher so down dass ich schon zwei Tage vorm nächsten Termin bei ihr nicht mehr schlafen konnte und nur weinte.
Ab Januar fing dann der Terror an, weil ich Zuviel Fruchtwasser hätte (die Spezialisten zu denen ich geschickt wurde bescheinigten zwar „Oberer Normbereich, nicht auffällig“ aber sie hörte nicht auf deswegen Terror zu schieben und mich wieder und wieder irgendwelchen Tests zu unterziehen und zum nächsten Spezialisten zu schicken. Irgendwann kam dann noch hinzu, dass das Kind zu groß werden würde. Auch da kam nur raus „Ist konditionsbedingt, Kind is nur einmal zu schnell gewachsen für die Kurve, keine Intervention nötig. Sie sah das anders und wollte mich zu ner Insulintherapie schicken (hat hinter meinem Rücken nen Arzt angerufen und dort nen Termin dafür gemacht) der stellte aber fest, dass er mich damit ins Unterzuckerungs-Koma schießen würde und er’s nicht machen würde.
Dann kehrte etwas Ruhe ein und ich konnte zum ersten Mal etwas ATMEN. Auch die Geburt selbst war nicht so schlimm wie andere Frauen es erleben. Es war ne halbe „Sturzgeburt“. Zwischen dem Einchecken im Krankenhaus und der tatsächlichen Geburt lagen 2 Stunden und 40 Minuten. Okay, die erste Hebamme die mich in Empfang nahm war schlecht gelaunt, nahm mich nicht Ernst und wollte mich am liebsten wieder nach Hause schicken, weil Erstgebärende ja immer maßlos übertreiben und eine Geburt ewig dauert. Dem entsprechend ließ sie mich links liegen und ich war allein mit meinen Wehenschmerzen. Mein Mann durfte wegen Corona nicht bei mir sein und ich jammerte und heulte allein herum, bis ich dann endlich in den Kreissaal durfte. Dort ging alles recht schnell. Kaum das mein Mann da war, durfte ich in die Badewanne steigen und eine zweite Hebamme betreute mich, die liebevoll und fürsorglich war. Keine 10 Minuten später war der kleine dann auch schon da. Ein blaues, verquollenes Etwas, dass mich etwas ungläubig anschaute und meinen Nacken ansabberte auf der Suche nach was zu futtern. Leider war unklar ob ich stillen darf wegen CMV und ich musste auf den Kinderarzt warten bevor ich ihn hätte anlegen können. Das sollte aber nicht mehr passieren, denn danach lief wieder alles aus dem Ruder.
Ich ließ meinen Mann mit dem Kleinen kuscheln, da wegen Corona die Besuchszeiten stark eingeschränkt waren und ich wollte dass er wenigstens etwas extra Zeit mit dem Kind bekommt. Während dessen wurden meine Verletzungen genäht. Die Betäubung wirkte nicht. Ich verbalisierte das. Laut und immer wieder, wurde aber vollständig ignoriert. Ne ganze Stunde lang wurde ich unter starken Schmerzen genäht und bekam nix anderes zu hören als „Fühlt sich doof an, weiß ich!“ erst für das letzte Stückchen nahm sie nochmal ein Spray, dass endlich anschlug. Leider stellte man nach der Stunde fest, dass ich ein Button hole tear hatte, der nur unter Narkose genäht werden konnte. Man versprach mir zwar Gelegenheit mit meinem Kind etwas zu entspannen vor der OP, aber keine zwei Minuten später wurd ich schon angeblufft, dass ich auf die Trage steigen solle für die Operation.
Nach der OP kam ich in einen leeren Kreissaal zurück. Mein Mann war weg und das Kind ebenfalls und auch das Personal ließ mich einfach allein. Ohne Erklärung. Ich lag da für ne viertel Stunde ohne zu wissen was eigentlich los is. Wieder genauso allein wie die 2 Stunden vor der Geburt. Und das war erst der Anfang eines 4 tägigen Spießrutenlauf mit den Ärzten auf der Neugeborenen Station, auf die man mein Kind gebracht hatte. Hintergrund: er war in den Unterzucker gerutscht. Meines Erachtens kein Wunder, weil ich ihn nicht hatte anlegen dürfen für das Collostrum und auch niemand dran gedacht hatte ihm alternativ nen Fläschchen zu geben bis es dann zu spät war...
was auf der Neugeborenen Station dann abging, hatte ich ja schon grob umrissen. Vielleicht schreib ich das in nem zweiten Schritt auch noch detailliert auf, aber erstmal mach ich hier nen Schnitt.

Nelli
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Re: Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Nelli » 03:07:2020 22:28

Vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht! Es ist wirklich furchtbar, was du durchmachen musstest. Besonders schlimm finde ich auch, dass du solche Verlustängste hast, dass du weiterhin Angst hast, man könne dir dein Kind nehmen. Dabei hast du alles richtig gemacht und warst immer in Sorge um dein Baby. Unglaublich.
Ich denke auch, dass es schonmal hilfreich sein konnte, es niederzuschreiben und vielleicht auch, dass du hier positives Feedback bekommst. Wenn es ein paar Tage dauert, liegt das daran, dass wir nicht dazu kommen, zu antworten oder zu lesen. Dann braucht man als Poster etwas Geduld ;)
Was ich zwischen den Zeilen herauszuhören meine, ist etwas Gutes: nämlich dass du eine gute Bindung zum Kind hast. Das ist deine momentane Stärke! Ich halte es für immens wichtig, dass du das, was dir angetan wurde, therapeutisch aufarbeitest. Auch, um dich wieder ins Recht zu setzen, denn dein Selbstbewusstsein als Mensch und Mutter wurde grob verletzt. Es gibt auf der Seite von Schatten und Licht eine Therapeutenliste mit Profis, die sich in der Begleitung von Frauen auskennt. Wie stehst du dazu? Kannst du mit deinem Partner über all das sprechen? Wie ergeht es ihm damit?
LG Nelli

Hallo123
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Re: Weisskittel-Syndrom

Beitrag von Hallo123 » 04:07:2020 13:29

Hallo,

Ees wirklich furchtbar, was deine Gyn da von sich gegeben hat. Schade, dass du den Arzt nicht wechseln konntest.

Ich kann dir von mir berichten, dass ich nach der Geburt auch genäht wurde und geschrien habe wie am Spieß, weil ich jeden Pieks und jeden Finger gespürt hatte.
Ich habe allerdings irgendwann auf eine Pause bestanden, weil ich nicht mehr konnte. Ich bekam dann zum Nähen eine PDA. Als alles vorbei war, sagte ich zu meinem Mann, dass ich nur noch sterben wollen würde.
Sie schickten meinen Mann weg, mein Kind war weg und ich lag da alleine. Ich fühlte mich wie nach einem Autounfall oder einer OP, aber nicht wie nach einer Geburt voller Glücksgefühle.
Ich konnte mein Kind auch erst am 3. Tag nach der Geburt auf den Arm nehmen.
Mir bot auch keiner an mein Kind auf den Arm nehmen zu dürfen. Ich fühlte mich elend und dachte, ich dürfe auch gar nicht. Mein Baby lag da in einem Kasten, alles wirkte so bedrohlich, dass ich mich nicht getraut hatte.

1 Tag nach der Geburt hatte ich immernoch solche Schmerzen, dass ich kaum aufstehen konnte und die Hebamme zu mir meinte, ob ich immer so sei und ich doch nach der Spontageburt mobil wäre. Man sollte einer Frau nach der Geburt wirklich mehr Feingefühl entgegenbringen und mehr auf sie und ihr Kind eingehen.

Was ich dir nur sagen wollte:
mir hat es auch gut getan, hier alles niederzuschreiben.
Hier findest du wirklich Verständnis und liebe Mädels, die verstehen können, wie man sich fühlt.
Du bekommst das Gefühl nicht allein zu sein mit deinen Gedanken.

Mir hat es geholfen und sie helfen mir weiterhin, denn
über den Berg bin ich noch nicht.

Liebe Grüße und alles Gute
1. Kind: keine PPD, glücklich
2. Kind: PPD seit Geburt

Medikamente:
Schilddrüsenmedikament
Escitalopram 15 mg
Progesteroncreme

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