Seite 1 von 1
Zwangsgedanken und andere dumme Gedanken
Verfasst: 05:01:2008 21:19
von Jule2006
Warum hat man eigentlich diese Zwangsgedanken, daß man dem Kind etwas antun wollte. Ist das eine Art Masochismus oder wie kann ich mir auf dem schnellsten Wege das Leben zur Hölle machen?? Am Anfang hatte ich diese Gedanken oft, jetzt ist die Kleine 14 Monate alt und langsam kehren sie wieder. Allerdings befinde ich mich im Moment auch in einer Krise. Ich bin nach 7 Jahren Alkoholabstinenz rückfällig geworden. Habe zwar "nur" ein paar Piccolo getrunken, aber ich konnte nicht mehr schlafen vor lauter Gewissensbissen. Und die Schande erst vor meinem Freund und meinen Eltern. Mittlerweile bin ich wieder trocken und habe es mir so sehr vorgenommen trocken zu bleiben, wie einst vor 7 Jahren. Löst der Stress diese Horrorgedanken aus? Ich liebe das Kind doch und finde natürlich, daß sie die Süßeste auf der Welt ist und ich kann mir das bei keiner der anderen Mütter die ich im Krabbelkurs, der übrigens Mist ist, vorstellen, daß das bei denen auch ist. Mit meinem Freund läuft es auch nicht mehr so bestens und ich weiß nicht wie es weitergehen soll.
Wenn ich wissen würde, warum ich diese Gedanken habe und wie schlimm es kommen kann, wäre mir, glaube ich schon geholfen. Ich habe so Angst, daß ich ihr mal weh tue, vielleicht wenn sie mich wütend macht oder so. Abgesehen davon habe ich eh immer das Gefühl, ich tue nicht genug für sie, obwohl ich es ja tue. Ich spiele mit ihr, zwar nicht so überdreht, wie es mein Freund tut, da lacht sie dann auch mehr, ich gehe mit ihr spazieren und zu dieser furchtbaren Krabbelgruppe, wo nur merkwürdige Gestalten rumlaufen. Ich dachte, ich bilde mir das nur ein, aber zwei mal warfen schon zwei Frauen einen Blick rein, die mir sehr normal vorkamen. Vielleicht habe ich sie einfach auch schon über, da ich diese 10 Frauen nun schon seit einem Jahr treffe. Mit einer einzigen konnte ich mich anfreunden, aber die stellte sich dann doch als oberflächlich heraus und wollte nichts mehr von mir wissen, als sie hörte, daß ich Antidepressiva nehmen muss. Zumindest kam es mir so vor und ich zog mich freiwillig zurück. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, aber ich habe mir schon vor 2 Jahren gesagt, daß ich keinem mehr hinterherkrieche. Seit dem habe ich auch keine Freunde mehr. Komisch!

Ich habe aber bereits von einer neuen Krabbelgruppe gelesen, da werde ich mal hingehen.
Ich habe gerade überlegt, diese Zwangsgedanken hatte ich ja damals am Anfang und da hatten wir auch Herbst/Winter. Vielleicht liegt es ja auch an der dunklen kalten Jahreszeit??
LG
Susanne
Ich kann dich gut verstehen!
Verfasst: 05:01:2008 22:02
von steffi77
Hallo Jule,
seit 16 Wochen habe ich diese Zwangsgedanken und frage mich jeden Tag: WARUM???
Ich liebe meine beiden Kinder über alles und fühle mich so schlecht, derartige Gedanken zu denken, aber genau da liegt "der Hase im Pfeffer". Meine Therapeutin hat mir das erklärt:
Irgendetwas in unseren Köpfen scheint nicht richtig zu funktionieren, denn die uneingeschränkte Liebe zu unseren Kindern wandelt sich ins Gegenteil! Gerade unsere Ängste, die wir jeden Tag um diese wertvollen Geschöpfe haben spiegeln sich in diesen Gedanken wieder.
Bei mir ist es so, dass ich meinen Kindern auf gar keinen Fall ein seelisches und/oder körperliches Leid zufügen will bzw. ich möchte sie vor allen Gefahren bewahren. Ich möchte also die Kontrolle behalten. Das Schicksal kann ich nicht kontrollieren, aber mein Handeln. Also stelle ich mir die schlimmsten Dinge vor, die ich meinen Kindern antun könnte und weiß, dass ich das niemals tun würde, denn ich habe ja die Kontrolle über mich! Verstehst du?!
Aber ich finde diese Gedanken auch einfach nur lästig und fühle mich durch sie belästigt. Es kommt vor, dass ich mich frage: Hast du die Kontrolle wirklich? Und am Ende eines solchen Tages bin ich dann bestärkt und weiß: Das sind Zwangsgedanken, und ich bin ein "Täter ohne Tat"!
Es ist zum KOTZEN!
Viele Grüße
steffi77
P.S.: Wenn du dich in der Krabbelgruppe nicht wohl fühlst, dann geh nicht mehr hin! Deine Kleine spürt, dass ihre Mami sich aufraffen muss! Such dir eine neue Gruppe, in der du dich wohler fühlst! Viel Glück dabei!
Verfasst: 06:01:2008 10:12
von Marika
Hallo ihr Lieben!
Hier die Erklärung, dich ich in 2,5 Jahren Psychotherpie gelernt habe:
Ich kann euch total verstehen. Nicht anders habe ich die Zeit mit den ZG damals erlebt. Es gab Phasen, da ging es gut und ich hatte fast keine ZG, dann kam es aber wieder doppelt so schlimm hoch und ich dachte wirklich, ich tue gleich was schlimmes. Das ist das Grausame und Schreckliche an den ZG - ich weiß sooo gut, wie du dich fühlst. Ich kenne diese Angst und diese Scham und das schreckliche Gefüh, wirklich "irre" zu sein. Diese tiefe Verzweiflung und diese lähmende Angst ist so Vernichtend, dass ich mir oft gewünscht habe, mein Herz solle einfach aufhören zu schlagen - dann wäre mein Kind von mir erlöst und ich von diesen Qualen.
Aber diese Gedanken werden nie ausgeführt. Das wird dir jeder Arzt bzw. Therapeut bestättigen, der sich mit Zwangserkrankungen auskennt.
So schrecklich sich das alles anfühlt - genauso HARMLOS ist es in Wirklichkeit. Diese Gedanken sind ganz normale Gedankengänge die jeder Mensch hin und wieder hat, das hat mir mein Psychiater immer und immer wieder gesagt. Nur wir bleiben an diesen Gedanken hängen, kontrollieren und bewerten sie, befinden sie für "abnormal und krank" und wollen sie nicht haben - wir versuchen also instiktiv sie zu unterdrücken. Aber genau das ist der Schuß nach hinten - durch das Unterdrücken kommen sie dann in noch geballterer Ladung wieder. Und der Zwang ist somit geboren.
Bei ZG spielt der "orbitofrontale Kortex" (= Gehirnareal hinter der Stirn) eine sehr große Rolle. Dieses Gehirnareal ist für das Ausfiltern und Bewerten von jedem unserer Gedankengänge zuständig. Wir denken ja in jeder Sekunde viel mehr Gedanken, als dass uns wirklich bewußt ist. Denn normaler Weise wird eben jeder aufkommende Gedankengang von diesem Gehirnareal kurz auf "Wichtig oder Unwichtig" geprüft und dann entweder ins Bewußtsein durchgelassen (bei "Wichtig") oder nicht durchgelassen und auf die "Gehirnmüllhalde" (sprich diese Gedanken werden vergessen) geworfen (bei "Unwichtig"). Dieser Vorgang funktioniert bei Gesunden auch einwandfrei, deshalb können wir uns im Normalfall gar nicht an komische oder gar abartige Gedanken erinnern. Bei uns "Zwänglern" allerdings arbeitet dieser "orbitofrontale Kortex" zu viel - er ist überaktiv und bewertet JEDEN GEDANKEN als "Wichtig" bzw. bewertet falsch - also unwichtige Gedanken werden fälschlicher Weise als "Wichtig" eingestuft und somit in unser Bewußtsein durchgelassen. Wir erschrecken dann natürlich vor diesem Gedanken und wollen ihn nicht haben - ist ja klar. Wir versuchen ihn zu unterdrücken, aber dieser orbitofrontale Kortex arbeitet immer weiter an diesem Gedanken, weil er ihn einfach nicht als unwichtig erkennen kann. Und deshalb kommen die Gedanken immer wieder durch und das ist dann der Zwangsgedanke.
Den überaktiven orbitofrontalen Kortex kann man aber wieder "heil" werden lassen. Das gelingt am besten mit einer Psycho-/Verhaltenstherapie in Kombi mit einem höher dosierten AD. Denn bei dieser Überfunktion spielen auch die Botenstoffe im Gehirn eine große Rolle, die wiederrum durch den Hormonsturz nach der Geburt aus dem Gleichgewicht geworfen wurden. So funktioniert dieser Kreislauf. ZG können natürlich auch durch ein Trauma hervorgerufen werden. Daher ist eine Therapie sehr ratsam um zu sehen, ob es ein Trauma gibt. Wenn nicht, ist dann die Verhaltenstherapie super, da du dort lernst, die ZG auszuhalten (statt zu verdrängen) und dich direkt mit ihnen zu konfrontieren. Die dabei entstehende Angst ist natürlich am Anfang schrecklich, aber sie wird immer weniger, weil dein Gehirn lernt, dass NIX passiert!!!! Es wird duch die Therapie also sozusagen ein bissl umprogrammiert in deinem Gehirnkastel!!! Und das funktioniert wirklich!!!! Das AD soll eigentlich nur eine Krücke darstellen, um besser und etwas gelassener arbeiten zu können und natürlich um die depressiven Symptome zu lindern. Es gibt auch Frauen hier, die ihre ZG alleine durch eine Therapie zähmen konnten.
Es geht nämlich nicht darum, keine solchen Gedanken mehr zu haben, sondern diese zu zähmen und sie wieder im HINTERGRUND ablaufen zu lassen, so dass wir sie gar nicht mehr merken. Diese Gedanken sind nämlich normal und naturgegeben. JEDER HAT SIE - auch mein Psychiater, die Wurstverkäuferin, der Polizist, der Pfarrer ..... nur die merken sie gar nicht - verstehst du?
Unbedingt lesen:
"Der Kobold im Kopf - die Zähmung der Zwangsgedanken" von Lee Bear
Da wird alles genau erklärt, was ZG sind, warum sie kommen und wie man sie wieder zähmen kann. Mir hat das Buch sooo geholfen und ich nenne es mittlerweile "die Bibel" für alle Zwangserkrankten.
So, ich hoffe, ich habe euch jetzt nicht allzusehr zugeschaffelt und konnte etwas helfen!!!!
Liebe Grüße von
Verfasst: 07:01:2008 0:10
von Jule2006
Vielen Dank! Vielleicht werde ich das Buch auch mal kaufen. -LG, Susanne
Danke, Marika
Verfasst: 07:01:2008 20:39
von steffi77
Hallo Marika,
habe gerade das Buch bestellt und danke dir für diesen Tipp!
Ich hoffe, dass ich neben meiner NLP-Therapie damit weiterkomme, denn diese Gedanken gehen mir echt auf die Nerven.
Heute war ich wieder beim Psychiater. Er möchte, dass ich das Opipramol absetze und erneut Cipralex nehme, auf das ich beim ersten Mal (über Weihnachten) mit sämtlichen Nebenwirkungen reagiert habe, die in der Packungsbeilage zu finden sind.
Ich hoffe, nun Schritt für Schritt zu genesen!
Viele Grüße und besten Dank,
Steffi
Verfasst: 07:01:2008 22:09
von susi69
Hallo Steffi,
was ist NLP-Therapie?
lg Susi
Verfasst: 09:01:2008 22:53
von Mone1974
Hallo,
also meine Therapeutin hat gesagt, daß jeder diese Gedanken hat, wirklich jeder.
Uns fallen sie einfach nur auf, weil wir Angst davor haben sie auszuführen.
Und hast Du vor einem dieser Gedanken erst einmal angst gehabt, achtest Du auch viel genauer auf die noch folgenden.
Du kannst Dir aber einer Sache sicher sein, Du wirst diese Gedanken nicht ausführen.
Die Menschen, die diese Gankanken ausführen haben keine Angst!!
Lieben Gruß Simone
Gedanken ausführen oder nicht
Verfasst: 10:01:2008 18:43
von Jule2006
Aber in den Nachrichten hört man so oft, daß Frauen ihre Kinder umgebracht haben. Ich denke, daß uns alle das am meisten erschreckt. Da hört man, sie seien psyschisch krank usw. Das ist es doch. Sie haben es ausgeführt. Es gibt also doch Frauen, die es tun und das macht mir Angst, daß ich eines Tages selber in den Nachrichten erscheine. Alle schreiben, man tut es aber nicht. Aber manche haben es doch getan....
Das irritiert mich doch!
Susanne
Verfasst: 10:01:2008 22:04
von Marika
Liebe Susanne!
Die Frauen oder Mensche, die ihren Kinder etwas antun leiden aber eben NICHT an Zwangsgedanken, sondern an ANDEREN PSYCHISCHEN Störungen, wie z.B. an Persönlichkeitsstörungen, Wahnvorstellungen (kommen bei Schizophrenie oder Psychosen vor), starke emotionale Deffizite usw. Das hat mir mein Psychiater immer und immer wieder gesagt und auch bewiesen: Es gibt bisher keinen belegten Fall, in dem jemand mit ZG (es gibt ja auch Männer, die ZG haben nicht nur Frauen) diese auch ausgeführt hat - sprich jemandem (einem Kind) etwas angetan hat.
Wie gesagt, haben solche Menschen ganz andere psychische Störungen, die mit ZG oder Zwangsgedanken GAR NICHTS ZU TUN HABEN!!!! Das sind wirklich 2 Paar Schuhe! Und aus einer Zwangsstörung (die ZG ja sind) kann auch keine andere solche psych. Krankheit entstehen lt. meinem Psychiater. Und der macht seinen Job schon viele Jahre. Wenn man sich mit der Zwangserkrankung auseinander setzt, erkennt man sehr schnell, dass das alles so auch stimmt. Durch die Überaktivität des orbitofrotalen Kortex bekommen wir zwar diese ZG (wie oben erklärt) aber gleichzeitig ist genau das der Umstand, warum gerade wir Zwängler noch viel weniger in Gefahr sind, die Kontrolle zu verlieren und so was schlimmes zu tun, als "normale" Menschen und bei denen liegt so ein Riskio nicht die Kontrolle zu verlieren bei 99% - bei uns Zwänglern bei 99,999999% wenn du so willst. . Das klingt alles paradox, ich weiß - aber es ist genau so, glaub mir ruhig.
Kein Mensch auf dieser Welt (auch mein Psychiater nicht) hat die 100 % Sicherheit, nie die Kontrolle zu verlieren, aber die Chance ist so gering, dass man das vergessen kann. Es gibt für nichts auf dieser Welt die 100 % Sicherheit und trotzdem leben wir jeden Tag normal weiter.
Ich hoffe, ich konnte dir deine Angst nehmen. Du hast absolut NICHTS mit diesen Menschen zu tun - du hast eine harmlose Zwangserkrankung und genau das ist der Umstand, warum du NIE sowas tun könntest.
Liebe Grüße von