Schuldgefühle gegenüber meinem Zwerg

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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zwaengler79

Schuldgefühle gegenüber meinem Zwerg

Beitrag von zwaengler79 »

... mir raucht ganz schön der kopf kann ich euch sagen. nochmal ganz kurz zu mir: bin ziemlich neu hier, bin alleinerziehend und habe eine zweijährige tochter die derzeit leider in ner pflegefamilie lebt weil ich letztes jahr so starke zwangsgedanken entwickelt habe dass ein alleinsein mit ihr für mich unmöglich gemacht hat. derzeit hab ich sie zwei tage die woche. die zg sind schon viel besser als im letzten jahr, aber noch lange nicht weg. das macht mir im moment aber die wenigsten sorgen. viel mehr plagen mich extreme schuldgefühle was meine kleine angeht. ich habe sie ja nicht wirklich oft und obwohl ich mich jedesmal auf sie freue, habe ich keine lust mich mit ihr zu beschäftigen. ich hab ein ziemlich großes problem mit ihr alleine zu sein, daher bin ich immer am reisen wenn sie da ist. wenn ich bei bekannten oder freunden bin, ist der druck nicht so groß, die verantwortung verteilt sich ein bisschen. ich selbst bin schon seit langer zeit in einer phase der antriebslosigkeit und verbringe die meiste zeit nur noch in meinem bett weil ich leider arbeitslos bin. wenn ich morgens aufstehe kann ich es kaum erwarten, wieder ins bett zu kommen. das ist doch nicht normal! und so ging es mir auch gestern abend als die kleine da war, ich hab schon die stunden gezählt bis wir ins bett gehen konnten. bei den pflegeltern geht sie erst um acht und ich bin schon ne halbe stunde früher mit ihr ins bett. klar dass sie noch nicht schlafen wollte und mich hat das schon wieder aufgeregt weil ich so müde war, eigentlich vom nichts tun. in der nacht hat sie dann kurz geweint und ich hab gedacht: toll, jetzt kannste net mal in ruhe durchschlafen. und heute konnte ich es kaum erwarten, sie zurückzubringen obwohl sie eigentlich kein anstrengendes kind ist. ich fühle mich wie der letzte arsch, ehrlich. was is nur mit mir los? außer euch kann ich mich niemandem in der familie oder bekanntenkreis anvertrauen. bei meiner mutter habe ich es mal versucht und die sagte gleich: jetzt hast du sie eh nur zwei tage und die müßtest du eigentlich genießen und froh sein dass sie da ist. dann kamen da noch in zwei vorwürfe und dann war das thema für mich erstmal erledigt. habe mich eh noch nie wirklich gut mit ihr verstanden. als mutter war sie nämlich genau das gegenteil wie jetzt als oma. ihr seid die einzigen, bei denen ich mich traue offen darüber zu reden. wie soll das denn in einem jahr werden wenn die kleine wieder zu mir zurückkommt? will ich sie überhaupt zurück? liebe ich sie überhaupt? wie wäre es wenn sie gar nicht mehr da wäre? würde es mir schlecht damit gehen oder würde es mich kalt lassen? wieso bin ich so schlecht? hab ich sie überhaupt verdient? wie soll ich das alles alleine berwerkstelligen wenn zwei tage schon zuviel sind? fragen über fragen? ist das auch der zwang oder was is mit mir los? es kann doch nicht sein dass man dauer-depressiv ist wo ich doch schon seit 7 jahren medis nehme. derzeit 150mg clomipramin auch bekannt als anafranil. kein medi schlägt wirklich an, ich bin nur noch unglücklich und ständig mit kleinigkeiten überfordert. wie soll ich so je wieder an einem arbeitsplatz bestehen? vielleicht wäre es besser, ich würde sterben. meine mutter zum beispiel kann sich nichts schöneres vorzustellen, als mit meiner tochter zusammen zu sein und ich bin so ein versager. mir kullern grad schon wieder die tränen über die wangen.....das kann doch so nicht weitergehen. gibt es unter euch jemandem, der mich versteht, dem es vielleicht genauso oder ähnlich ergeht?

sorry, is ein bissel viel text geworden :roll:
smaugerl

Beitrag von smaugerl »

hallo zwängler(in) :wink: ,

vielleicht solltest du die Zeit, bis die Kleine wieder fix zu dir kommt, für eine intensive Therapie nutzen - hast du einen Therapeuten, mit dem du offen darüber sprechen kannst?

Phasen, in denen uns die Kinder zuviel sind, haben glaub ich alle Mütter mal - Kindererziehung und Betreeung sind schließlich auch kein Klacks - aber es ist auch eine schöne Aufgabe :-)

Ich persönlich finde es wichtig, das du selber wieder ganz gesund wirst, ehe du dich deiner Tochter voll und ganz widmen kannst - und wenn es etwas länger dauert, ist es nicht schlimm - mach dir keine Vorwürfe,die Kleine ist doch jetzt sicher auch gut aufgehoben - du hast sie ja nicht weggegeben, weil du sie nicht liebst, sondern weil du krank bist - und die Depression kann dauern, das weißt du ja eh schon aus Erfahrung...

Vielleicht kannst du dir für den nächsten Besuch deiner Tochter eine Art Zeitplan machen, was du wann machen möchtest mit ihr - was euch beiden Spaß machen könnte - zb auf den Spielplatz gehen oder in den Tierpark..

ich wünsch dir für heute einen schönen Abend - und nicht zu viel Grübeln!

lg
smaugerl
zwaengler79

hallo smaugerl

Beitrag von zwaengler79 »

zwänglerin selbstverständlich :lol:

vielleicht hast du recht und ich sollte erst mal abwarten was die zeit bringt. eine therapeutin habe ich seit drei jahren, aber was meinen zwang angeht hat sich noch nicht viel verändert, und was die depression angeht, die hab ich schon ewig...zumindest fühlt es sich so an. was den tagesplan angeht, ich muss gestehen dass es zur zeit nichts gibt was ich gern tue. alles empfinde ich als muß. wieso kann ich das zusammensein mit ihr nicht genießen, wieso kann es nicht so sein dass ich es kaum aushalten kann bis ich sie wieder sehe? bin echt ein bissel verzweifelt.

eh, was bedeutet eigentlich smaugerl?
Neue Mami

Beitrag von Neue Mami »

Liebe Zwängerl,

ES tut mir leid, dass es dir so schlecht geht. Bitte verlier deinen Mut nicht es kann jedem geholfen werden!!

Ist das eigendlich dein erstes AD welches du nimmst? Vielleicht ist es einfach nicht das richtige für dich oder die Dosis ist zu gering? Red mal mit deiner Ärztin es gibt bestimmt eine Lösung.

Deine Tochter liebt dich sicher sehr, du brauchst keine Schuldgefühle zu haben, du wirst wieder gesund werden und eine ganz tolle Mama!


Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute, halt uns auf dem Laufenden, ja?
smaugerl

Beitrag von smaugerl »

hallo zwänglerin,

guten Morgen erstmal :-)

Smaug war einer der der geflügelten Feuerdrachen aus dem Buch "Der kleine Hobbit" :-) smaugerl ist die österreichische Form davon...

ich steh auf solche Bücher und Filme - ein bisschen Flucht von der Realität :wink:

ich kenne dieses Gefühl der Lustlosigkeit auch - 2002 bei meiner ersten Depression war es auch ganz schlimm, ich konnte stundenlang auf der Couch sitzen und Luftschlösser starren - es war als hätte mir jemand einen großen schweren Sack auf die Schulter gelegt...

Wahrscheinlich kannst du das Zusammensein mit deiner Tochter nicht genießen, weil du selber "voll" mit deinen eigenen Problemen bist, alles kreist in deinem Kopf um deine Schwierigkeiten, da ist es klar, das du nicht siehst, wie wunderbar deine Kleine ist...also, zuerst aufräumen mit dem "'Seelenmüll" - egal wie lange es dauert - es lohnt sich..

Fang einfach damit an, jeden Morgen zur gleichen Zeit aufzustehen - du kannst dich ja dann wieder niederlegen, wenn dir danach ist :wink: setz dir Fixpunkte im Tag, geh spazieren oder versuch es mit Sport - aber versuch nicht alles aufeinmal, schön langsam Schritt für Schritt..

ich weiß wie schwer das ist, das Schlimmste für einen depressiven Menschen ist die Aussage, mach mal dies oder das... aber versuch es einfach mal..
Und natürlich die Therapie nicht vergessen, aber die machst du ja eh schon :-)
für heute wünsch ich dir einen schönen Tag!

lg
smaugerl
Dana

Beitrag von Dana »

Liebe Zwänglerin,

ich kenn das so gut was du beschreibst. Wenn man sich schlecht fühlt kann man die Erlösung (zBsp.: das Schlafengehen am Abend) nicht erwarten. Einfach wegschlafen , im Schlaf hat man wenigstens ein bisschen Ruhe , aufwachen - in der Hoffnung am nächsten Morgen sollte alles wieder gut sein.

Vielleicht ist das Treffen mit deiner Tochter gerade deshalb so anstrengend für dich, weil du zu viel von dir erwartest. Man kann heraus hören, wie du dich prüfst und welchen Zwang du dir auferlegst alles möge super-happy-peppi sein. Versuch dir den Druck zu nehmen. Du machst harte Zeiten durch, die dir aber, wenn du sie überwunden hast, zu einem besseren Leben verhelfen werden.

Ich kann dir von mir sagen, dass ich viele, unendlich viele Tage hatte an denen ich dachte es wäre wohl besser für alle, wenn es mich nicht gäbe. Der tagtägliche Umgang mit den Kids hat mir aber viel gebracht. Da waren Tage die ich am liebsten aus dem Kalender gestrichen hätte und dann wieder Tage wo alles gut war..solange bis die guten den schlechten den Platz eingeräumt haben. Probleme wälzen, anstatt sich ihnen zu entziehen, und die Lösungen dafür selbst, aktiv gefundenund beeinflusst zu haben, war hart aber enorm wichtig.Dann kam auch die Zuversicht wieder, dass es besser werden wird. Ich habe nach wie vor, obwohl ich mich als "ziemlich gesund" betrachte, oft ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber. Dann wenn ich abends nichts mehr vorlesen möchte, oder genervt bin, wenn ich alle 3 Minuten "Mama.." höre, sie am liebsten auf den Mond schiessen möchte und einfach nur Ruhe, Pause oder urlaub haben will..
Aber, und das ist genau das, was schon gesagt wurde...ist nicht verwerflich und sogar die "mom perfect"-die es im Grunde nicht gibt, empfindet sicherlich genauso.

Auch wenn deine Ma alles plötzlich richtig zu machen scheint, dir nun wieder mal das Gefühl gibt, du versagst dabei...versuch auf Durchzug zu schalten. Viele Mütter von uns versuchen bei den Enkelkindern alles wieder wett zu machen. Ein leises Schuldgeständnis.... Das dir das Schwierigkeiten bereitet kann ich gut verstehen. Bei mir war das nicht anders. Ich war sicher ein wenig eifersüchtig, ordentlich gekränkt und habe sie dafür gehasst. Wenn man sie darauf ansprach wurde immer dementiert. Ich würde mir meine "schlechte Kindheit" nur zusammenreimen..das war doch alles nicht wahr.

Nach langem hin und her kam ich da aber auch drüber. Ich musste meine Mutter hassen dürfen ;-) um zu der Einsicht zu kommen, dass sie ihren Weg gegangen ist, so wie sie konnte. Ich hab sie von einer anderen Seite kennen gelernt und dabei entdecken müssen, dass sie sich mir gegenüber nie ändern wird - als der Druck bei mir nachgelassen hat Entschuldigungen zu erwarten, sondern eher darauf zu achten, dass sie über meine Grenzen nicht mehr drüber steigen darf, hat sich die ganze Situation entschärft.
Lange Zeit nachher kam dann doch ein "..es tut mir leid, ich habe viele Fehler gemacht"..und da war sie, die wo ich immer das Gefühl hatte, sie ist wie ein Eisklotz, sie würde nie herabsteigen , Fehler eingestehen und Reue fühlen....Klein mit Hut ...schlimmer für mich aber die Erkenntnis, dass sie , wenn sie sich früher bewusst geworden wäre was alles nicht in ordnung war damals, daran zerbrochen wäre...die Härte und aufrechterhaltenen Lügen waren ihr eigener Schutzmechanismus... Kein Mitleid meinerseits....jedoch die Erkenntnis und Erfahrung dass auch meine Mutter nur ein Mensch ist wie jeder andere.

Heute, nach meiner langen, schwierigen Zeit und der Aussöhnung mit meiner Mutter, kommen wir ganz gut klar...und die Tage , die wir noch gemeinsam haben werden sind gezählt, weil sie schwer erkrankt ist.

Mach Therapie, schau dass es dir gut geht, versuche dir den Druck zu nehmen (wir können ja nicht anders , als in den Zeiten , wo es uns wirklich schlecht geht, versuchen uns weiter zur Peferktion zu erziehen...) und nimm an, dass es dir nicht gut geht . Das darf auch so sein... !!

Wenn du Kraft geschöpft hast, versuche aktiv an dir zu arbeiten. Wie sieht es aus mit psychotherapeutischer Erholung? Mutter-Kind-Kur? eventuell auch stationärer Aufenthalt für dich ??

Lass nichts aus was dir helfen kann! Vielleicht der erste Schritt einmal für dich herauszukristallisieren, was genau dir die Depressionen verschafft, was dich stört und was du brauchst , damit es dir besser geht.


Lass den Kopf nicht hängen, es wird wieder besser werden, aber daran muss man arbeiten.

Ich wünsch dir alles, alles Liebe !

Dana
Leuchtkäfer

Beitrag von Leuchtkäfer »

Hallo Zwaenglerin,

ich finde es auch ganz wichtig, daß Du probiert, alle Kräft, die Du hast, ins Gesundwerden zu investieren. Da gehört viel von dem dazu, was Smaugerl gesagt hat. Versuch Dir den Tag zu strukturieren und Dir etwas vorzunehmen. Mir ging es wie Dir: Ich habe geheult vor Unlust und Antriebslosigkeit und wußte nicht, wie der Tag vorbei gehen sollte.

Ich mußte Tagespläne in der Therapie schreiben und die so weit es geht umsetzen. Es war am Anfang eine schier unüberwindliche Hürde, sich um 8:00 Uhr zum Frühstücken an den Tisch zu setzen, ein Brot zu essen und dazu einen Kaffee zu kochen. Bitte gib Dich nicht auf, das darfst Du nicht. Bestimmt gibt es was, das Dir hilft.

Grüße von Leuchtkäfer
Antworten