Weiß nicht mehr weiter…

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Marika
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Marika »

Alles was du beschreibst, kenne ich. Die Angst nie mehr gesund zu werden und genau dieser einzigartige und ungewöhnliche Fall zu sein, dem man nicht helfen kann. Das denken übrigens sehr viele Betroffene.

Diese "Eskalation im Wochenbett" hat einen Namen: Postpartale Depression. Es ist eine Erkrankung und keine willentliche Entscheidung und auch kein bewußtes Treffen von vermeintlich falschen Entscheidungen. Das alles ist die Erkrankung, nicht du. Und du kannst rein gar nichts dafür. Diese Erkenntnis kannst du noch nicht sehen oder fühlen, du bist noch zu krank. Aber das wird ändern. Diese Erkrankung ist heilbar. Du hast jetzt den richtigen Weg eingeschlagen, du wirst gesund werden. ❤️
Liebe Grüße von
Marika

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schwere PPD 2005
heute völlig beschwerdefrei mit 10 mg Cipralex
Nat86
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Nat86 »

Lieber Nordstern,

Wie Marika bereits schrieb, ist diese „Eskalation“ die PPD. Man erkennt sich selbst nicht mehr. Ich stand oft vor dem Spiegel und konnte nicht glauben, was mit mir los war. Ich habe mich selbst nicht mehr erkannt. Ich habe in der Zeit der Krankheit alles in meine Leben nur schwarz gesehen; kein Lebensbereich war positiv. Du kannst meine alten Beiträge hier noch abrufen. Ich war zutiefst verzweifelt und war fest davon überzeugt, dass mein Leben vorbei ist. Ich war ein Jahr lang krank, auch weil ich falsche Entscheidungen hinsichtlich der Medikation, die man mir anbot, traf und auch Pech hatte, dass bei mir nicht gleich das 1. Mittel half

Ich bin froh für Dich, dass Du mit dem Mirtazapin gut schlafen kannst. Der Übergang am Morgen wird sich bessern. Schau, ob dich das Mirtazapin ausreichend stabilisiert, falls nicht, scheu dich nicht, nach einem anderen Medikament zu fragen. Nur weil du aktuell medikamentöse Hilfe brauchst, heißt es nicht, dass du sie dein Leben lang brauchen wirst. Viele Betroffene können die Medikamente auch wieder absetzen und leben wieder ganz ohne ihr Leben weiter.

Es ist typisch für die Depression, dass du freudlos bist und dir alles anstrengend und schwer vorkommt. Ich habe aus dem 1. Jahr meines Kindes keine positiven Erinnerungen, weil ich zu krank war und damit beschäftigt war zu überleben. Wenn ich die Fotos von damals anschaue, bin ich traurig, weil ich mein süßes Baby sehe und gleichzeitig die Erinnerungen an diese schlimme Zeit kommen, aber auch dieses Kapitel gehört zu meinem Leben und ich habe es akzeptiert. Ich habe dafür das Hier und Jetzt, was ich wieder genießen kann und die Erinnerungen aus den letzten 3 Jahren, in denen ich wieder normal fühle und viel Positives erlebt habe.
So wird es bei dir auch sein. Du wirst dein Leben wieder bekommen, sobald du gesünder bist und wirst ein normales Familienleben mit freudigen und nervigen Momenten führen. Alles wird wieder gut werden.
Viele Grüße von Nat
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Marika
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Marika »

Nat spricht mir aus der Seele: auch ich stand vor dem Spiegel und erkannte mich nicht wieder. In meinem Inneren schrie alles vor Angst und Panik und dann wieder war da diese schreckliche Leere, dieses Gefühl "es ist vorbei". Ich war mir ganz sicher, dass niemand mir helfen kann... nicht mein Psychiater, nicht die Medikamente, nicht die Therapie. Ich war sogar davon überzeugt, dass mein Psychiater eine falsche Diagnose erstellt hat und nicht erkennt, wie gefährlich ich bin.

Aber es kam ganz anders. Die erste Zeit war auch mit Medikamenten nicht einfach, da diese sich erst einstellen müssen über mehrere Wochen und die Genesung nicht linear verläuft. Das heißt, dass es besonders am Anfang immer wieder auch schlechte Phasen geben kann. Das deshalb, weil die Stabilisierung ein Prozess ist und oft komplexe Reparatur Mechanismen im Gehirn ablaufen. Auch die Therapie braucht Zeit um zu wirken, bis sich neue Denkstrukturen bilden. Hier gehen das Medikament und die Therapie Hand in Hand und es braucht Zeit.

Du bist jetzt aufgestanden und hast bereits diese 2 wichtigen Schritte gemacht: Therapie und Medikamente. Das ist sehr gut. Der Weg zum Gesund werden hat begonnen. Jetzt musst du ihn konsequent weiter gehen. Bleib wegen der Medikation eng mit deinem Psychiater in Verbindung!

P.s. wie war die heutige Nacht? ❤️
Liebe Grüße von
Marika

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nordstern_27
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von nordstern_27 »

Danke für euren Zuspruch.
Aktuell kann ich mir noch nicht vorstellen dass es jemals wieder gut werden kann.. weil ich ja schon so viel durch habe und mich mit allem was ich getan habe immer tiefer hinein manövriert habe in diese Depression. Ich fühle mich auch so unverstanden von meinem ganzen Umfeld, alle sagen ich sollte vllt schon früher wieder arbeiten gehen, weil mir das bestimmt gut tun würde aber ich denke mir wie soll ich das schaffen?😌ich habe ja auch nen Job wo ich selbstsicher und strukturiert auftreten muss und das bin ich aktuell überhaupt nicht mehr. Oder das die Klinik ja gut war, weil ich hatte ja ganz schlimme Gedanken wer weiß was passiert wäre und ich denke mir so naja, ich hab jetzt viel schlimmere Gedanken und denke fast jeden Tag darüber nach, wie ich mich umbringen könnte😌 das ist doch nicht normal, oder?
Die letzte Nacht war wieder nicht so gut. Habe zwar einigermaßen in den Schlaf gefunden aber dann wieder nur bis 12 geschlafen und lag danach wach bzw habe wenn überhaupt gedöst. Morgens komme ich dann kaum hoch bzw. muss erstmal klarkommen weil ich die Realität nicht richtig annehmen kann. In der Nacht wird mein Sohn meistens so 1-2 mal wach und ich denke mir jedes Mal ich würde einfach gerne liegen bleiben und ihn anlegen, stattdessen muss ich aufstehen und die Flasche machen und gucke auf meine Hängebrüste die ich mir schön selbst hergerichtet habe durch das plötzliche abstillen.. sorry für die Details🙈
Werde heute Abend mit dem Mirtazapin dann auf 15mg hochgehen. Ich muss einfach in der Realität ankommen und es so akzeptieren wie es ist. Ich hoffe ich kann irgendwann wieder eine selbstbewusste Person werden auch für meinen Sohn.
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Marika
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Marika »

Du musst aufhören, dir ständig für alles die Schuld zu geben. Hängebrüste müssen so gar nichts mit dem Stillen zu tun haben. Kann dein Mann Nachts mal die Flasche geben? Das wäre sicher möglich, oder? Du brauschst auch deinen Schlaf.

Da du das ok zum Erhöhen des Mirtazapin hast, ist das sicher eine gute Idee. Zusätzlich würde ich empfehlen, eng mit deinem Psychiater über eine mögliche Ergänzung eines ADs für den Tag in Kontakt zu bleiben.

Bevor du wieder ans Arbeiten denkst, solltest du stabiler sein. Das braucht sicher noch Zeit.
Liebe Grüße von
Marika

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alibo79
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von alibo79 »

Liebe Nord Stern
Ich möchte dich auch ermutigen den Medikamenten eine Chance zu geben. Ich musste bei deinen Texten ein bisschen an Margarita denken, die hier ja auch häufig reingeschrieben hat. Und vielleicht magst du noch mal bei ihrer Vorstellung reinlesen, denn ich finde, da zeigen sich viele parallelen. Erstmal das begreifen, dass man eine Krankheit hat, dass das, was man fühlt und denkt, nicht der Wahrheit entsprechen, sondern diese negativen falschen Gedanken der Depression sind. Und auch generell erstmal ein begreifen, dass es eine Krankheit ist und nicht man selbst.
Ich weiß als bei mir die postpartale Depression losging bzw. Schon da war habe ich das auch erstmal gar nicht richtig realisiert was das gewesen ist und was mit mir los ist. Ich weiß noch. Ich habe einen Bericht in der Zeitung gelesen, von einer Frau mit einem gehirntumor und war an dem Moment davon überzeugt. Ich könnte ein gehirntumor haben. Und dieser Gedanke hat mich auch erstmal lange Zeit nicht losgelassen, bis ich verstanden habe, dass das eine psychische Erkrankung ist.
Die Erkrankung ist wirklich gut mit Medikamenten und mit Therapie zu behandeln. Aber genauso wie die anderen dir geschrieben haben, sind in manchen Fällen Medikamente zwingend nötig, um überhaupt eine gewisse Stabilität zu erreichen oder auch um im Alltag erstmal wieder zurechtzukommen oder Therapie zu machen. Bei mir wäre eine Genesung ohne Medikamente, sehr wahrscheinlich auch nicht möglich gewesen. Bzw. Hätte mein leiden noch sehr stark verlängert. Wenn die Medikamente anfangen zu wirken, willst du merken, dass du langsam deine Gedanken auch wieder Klar und normaler werden. Der Start mit dem Mirtazapin ist schon mal ein guter Anfang. Doch, ich denke es ist wichtig mit deinem Arzt eng im Kontakt zu bleiben und zu schauen, ob das ausreicht oder ob du noch weitere Medikamente brauchst.
Ich nehme auch Mirtazapin und ich habe es immer gut vertragen. Nur denke daran, dass eine Wirkung sehr verzögert eintritt und du nicht frustrierst und zu früh aufgibst mit dem Medikamenten. Und zu früh aufgibst mit dem Medikamenten
2014 schwere PPD mit Ängsten, 6 Monate Tagesklinik
2015- 2019 mirtazapin, erst 45mg ab 2017 langsam reduziert
Zwischendurch versuch mit citalopram, nach 2 Monaten abgesetzt, da starke Verschlimmerung der Depression
Anfang 2021 erneut schwere Depression wieder 45 mg mirtazapin zusätzlich noch quetiapin 150mg
Über Jahre zusätzlich noch psychotherapeutische Behandlung
nordstern_27
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von nordstern_27 »

Hallo,
vielen Dank für euren Zuspruch. Mir ist mittlerweile schon klar, dass es eine Erkrankung ist, aber ich werfe mir trotzdem vor in Woche 5 nicht richtig gehandelt zu haben😌 weil das habe ich schon herausgelesen aus den meisten Beiträgen hier, dass sich viele Betroffene trotzdem der Verantwortung für ihr Kind bewusst waren. Und ich habe einfach nur die Verantwortung abgegeben mit diesem unnötigen Notruf. Erst jetzt weiß ich was wirklich schlimme Gedanken sind. Ich bin einfach nur verzweifelt und habe mich in eine Sackgasse manövriert mit allem was ich getan habe.
Mir graut es schon vor der neuen Woche. Zwinge mich ab und an in Krabbelgruppen und zum Babyschwimmen, aber alles kostet unfassbar viel Kraft und Überwindung. Allein schon der Prozess dort hinzufahren. Der Kontakt zu anderen Mamas belastet mich eher und macht mich traurig. Es könnte alles so schön sein und ich möchte unbedingt Mama sein, aber bin einfach schon so tief drin in diesem unerträglichen Zustand. Ich habe so Angst es nicht zu schaffen und wirklich alles zu verlieren😌 mein ganzes Umfeld hat auch schon kein Verständnis mehr, weil ja schon alles in die Wege geleitet wurde für mich..
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Marika
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Marika »

Dass ich eine Verantwortung habe meinem Kind gegenüber wusste ich zwar damals, aber ich konnte sie nicht wahrnehmen. Unmöglich. Es musste mir jeden Tag geholfen werden.

Ich wiederhole mich :wink: : es war die Erkrankung, die dich diese Entscheidungen hat treffen lassen. Du wirst das erkennen mit der Zeit, wenn es dir besser geht.
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Nat86 »

Liebe Nordstern,

ich verstehe total, dass Du Dich unverstanden fühlst. Mir ging es damals genauso und wenn ich ehrlich bin, kann ich auch verstehen, dass Nichtbetroffene diese Krankheit nicht verstehen. Denn ich hätte sie auch niemals verstanden, wenn ich sie nicht selbst durchstehen hätte müssen. Niemand kann das depressive Denken auch nur im Ansatz verstehen, wenn er es nicht selbst erlebt hat.
Das Umfeld meint es häufig nicht schlecht mit einem. Es versteht die Krankheit einfach nicht und weiß es nicht besser. Ich habe neulich in der Presse gelesen, dass es so ne Art VR Brillen gibt, mit denen man als Gesunder nachfühlen kann, wie sich depressive Menschen fühlen. Das bräuchte es echt für Angehörige von Betroffenen.

Noch drei andere Gedanken:
1. wenn du ernsthaft ans Sterben denkst, musst du das deinem Psychiater sagen. Diese Gedanken sind nicht harmlos und können sehr intensiv werden. Ich kenne das leider sehr gut selbst, aber auch diese kann man behandeln.
2. Mein Kind wurde durch die PPD auch nach 6 Wochen zum Flaschenkind: Ich hatte immer richtig temperierte Milch im Thermos; dazu vorportioniertes Milchpulver und zwei Flaschen, da mein Kind max. 2 Mal wach wurde. Alles stand auf dem Nachttisch und ich musste nur alles zusammen kippen, was wenige Sekunden dauerte.
3. Das Brustgewebe wird durch die Schwangerschaftshormone weich und hängt. Das hängt weniger mit dem Stillen zusammen. Die Brust strafft sich auch wieder; das kann allerdings auch gut über ein Jahr dauern. Also sei nicht allzu pessimistisch bei diesem Thema.
Viele Grüße von Nat
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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von Marika »

Guten Morgen Nordstern, wie war die Nacht mit 15 mg Mirtazapin? ❤️
Liebe Grüße von
Marika

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Re: Weiß nicht mehr weiter…

Beitrag von nordstern_27 »

Hallo,
Die Nacht war ganz okay. Ich habe ab der zweiten Nachthälfte wieder nicht so gut geschlafen und nur gedöst, aber ich habe die letzten Nächte seit dem Medikament das Gefühl, dass diese heftige Unruhe besser ist und dass ich mich nicht mehr komplett nass schwitze, was schon ein Fortschritt ist. Trotzdem fällt es mir morgens schwer, überhaupt aufzustehen, weil ich mich selbst und die Realität schwer annehmen kann. Naja ich ziehe das jetzt weiter durch und habe dann Mitte April den nächsten Psychiater Termin.
Habe mich dann in eine Krabbelgruppe gezwungen, wo ich auch nur stille Teilnehmerin bin und mich total unwohl fühle, weil ich bei diesen ganzen Mama Themen nicht so mitreden kann und einfach Angst habe dass ich das alles nicht mehr aufholen kann und das alles nicht schaffe mit meinem Kleinen. Ich glaube das ist das Spezielle an meinem Fall, dass ich das ja alles verstanden habe und weiß, dass ich mein Kind und meine Familie will, aber einfach schon so viel passiert ist und ich das Gefühl habe ich habe schon so viel kaputt gemacht😌 das mit dem Stillen und den Brüsten ist halt für mich ein schwieriges Thema, weil das ja erst der Auslöser war.. Aber das ist sicherlich auch ein Thema für die Therapie. So habe ich mir meine Elternzeit nicht vorgestellt😌 es ist überhaupt schon eine Leistung dass ich es schaffe in meinem Zustand überhaupt ein Kind zu versorgen, auch wenn es gefühlt nur nebenher läuft..
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