Ich brauche einen konkreten Tip

Austausch persönlicher Erfahrung mit der Depression/Psychose vor und nach der Geburt

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Leuchtkäfer

Ich brauche einen konkreten Tip

Beitrag von Leuchtkäfer »

Hallo zusammen,

ich brauche glaube ich einen konkreten Tip so als Art Anleitung. Ich will versuchen, meiner Famillie und einigen Freunden zu erzählen, was mit mir los ist. Aber ich finde in meinem Kopf einfach keine Worte und die Hemmschwelle ist so groß. Ich will, daß sie mich verstehen, ohne sich zuviele Sorgen zu machen, aber auch merken, daß es mir ernst ist.

Könnt Ihr mir helfen und vielleicht berichten, wie Ihr damit umgegangen seid?

Vielen Dank, einen schönen Abend noch von Leuchtkäfer
Gast

Beitrag von Gast »

Hallo Leuchtkäfer,

eine schwierige Frage, die Du da stellst. Und kaum zu beantworten. Da ich Deine Familie und Deine Freunde nicht kenne, kann natürlich keiner voraus sagen, wie sie reagieren werden, wenn Du Ihnen erzählst, was los ist.

Meiner Meinung nach sollte das aber auch nicht das sein, worum Du Dich kümmern solltest. Was würdest Du Deiner Familie sagen, wenn Du eine Grippe bekommen hättest? Oder Diabetes? Oder was auch immer für eine Krankheit? Eine Depression ist eben auch eine Krankheit, und so blöd es jetzt auch klingt, Du hast ein Recht auf diese Depression. D. h., Du hast sie nun mal, jeder kann eben krank werden, und Du hast schon verschiedene Schritte unternommen, um Dir Hilfe zu holen. Das ist doch schon mal ein guter Ansatz.

Ich persönlich würde meine Familie darauf ansprechen, dass es mir schlecht geht, und dass ich Hilfe brauche und dass ich auch bereit bin, mir helfen zu lassen. Du machst das ja auch um des Kindes willen und um Deiner Beziehung zu Freunden und Familie, oder?

Oberflächliche Bekannte wirst Du ja eh nicht einweihen, denke ich mal. Es ist also gut möglich, dass Dir viel mehr Verständnis entgegen gebracht wird, als Du vermutet hast.

Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute.

Grüße
Angela
Tamani

Beitrag von Tamani »

Hallo Leuchtkäfer!

Ich kann Deine Angst ganz genau nachempfinden, denn ich kenne sie noch zu genau von meiner ersten Depression. Es wußten nur mein Partner und meine Mutter darüber bescheid. Damals konnte ich die Depression noch nicht als solche akzeptieren und habe ständig gehofft, ich hätte eine schlimme körperliche Erkrankung, um nur ja nicht "verrückt" zu sein. Darüber hätte ich offen reden können und hätte mich nicht zu schämen brauchen. Ich weiß noch, daß es mich ungeheure Kraft gekostet hat, alles geheimzuhalten und immer eine Maske aufzusetzen. Ich habe sozusagen meine letzten Energien darauf verwendet, eine Fassade aufrechtzuerhalten, die mich letztendlich nur noch tiefer in die Depression hineingeritten hat, denn das ständige "Belügen" von Freunden und Familie erzeugt ja auch wieder Schuldgefühle und je länger es geht, umso schwieriger wird das Versteckspiel. In meiner zweiten Depression habe ich es dann "geschafft", eine Woche lang fast ohne Schlaf und mit massiver Pseudo-Demenz( man weiß plötzlich nichts mehr von dem, was man mal gelernt hat) noch an die Arbeit zu gehen und die Kollegen haben nichts gemerkt. Bis ich dann schließlich einen Zusammenbruch hatte und in die Klinik auf die Geschlossene kam: da haben sich alle plötzlich Vorwürfe gemacht; haben sich gefragt, warum sie nur nichts bemerkt haben und waren total schockiert, aber ich hatte ja alles dafür getan, damit eben keiner was merkt. Der Gedanke, irgendwann aus der Klinik in mein altes Leben zurückzukehren und allen wieder gegenüberzutreten, war mir unerträglich. Ich glaubte, nicht mit dieser "Schande" leben zu können, da ich immer noch glaubte, ich sei Schuld an der Depression. Seltsamerweise begann meine "Therapie" dann schon in der Klinik damit, daß mir ständig Leute begegneten, die mich von früher kannten: eine Krankenschwester, ein Pfleger usw. und somit mußte ich mich schonmal damit auseinandersetzen, daß ich es nicht mehr geheimhalten konnte. Das hat mir dann tatsächlich geholfen, langsam meine Krankheit zu akzeptieren und als ich aus der Klinik entlassen wurde, bin ich dann ganz offen damit umgegangen nach dem Motto "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich`s völlig ungeniert" - Spaß beiseite, das mit der Klinik war echt die Hammermethode und ich wünschte mir, ich hätte mir früher helfen lassen.
Auf alle Fälle habe ich die Erfahrung gemacht, daß alle, denen ich offen über meine Krankheit erzählt habe, sehr beeindruckt waren und mir sagten, sie könnten jetzt ganz anders mit mir reden als früher und gaben auch ihre eigenen Ängste und Sorgen preis, was sie früher nie getan hätten, da ich immer das Bild der distanzierten Perfektionistin vermittelt hätte.

Also fang einfach bei der engsten Familie an, erzähle ganz ungeschminkt, was Dich bewegt und auch, daß Du in Therapie bist, denn dann fühlen sie sich auch nicht gleich so hilflos und wissen, daß Dir bereits geholfen wird.
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß viel mehr Leute als man denkt auch schon mit Depressionen zu tun hatten, es aber erst dann zugeben, wenn man selbst damit offen umgeht, weil es leider in der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema ist.

Deine Familie wohnt ja leider nicht in der Nähe, trotzdem solltest Du das Gespräch auf jeden Fall nicht am Telefon führen, da sonst die Gefahr der Verstellung wieder da ist und Du dann vielleicht im letzten Moment einen Rückzieher machst. Hab keine Angst, daß sich die anderen zu viele Sorgen machen. Gib ihnen die Chance, an Deinem Leben teilzuhaben, und dazu gehören nun mal nicht nur die tollen Momente, auch wenn wir das allzu gerne glauben.

Ich hoffe, ich konnte Dir etwas Mut machen, diesen schweren Schritt zu tun. Ich bin mir sicher, Du wirst die richtigen Worte finden, wenn Du einfach von Deinen Gefühlen erzählst, genauso wie Du es hier im Forum getan hast.

Ich wünsche Dir alles Liebe und ganz viel Kraft

Tamani
AmoebeMS

Beitrag von AmoebeMS »

Hallo Leuchtkäfer,

ich kann dich wirklich soooo gut verstehen. Die Hemmschwelle wird irgendwann fallen, du wirst sehen. Wenn eine deiner Freundinnen dich zb besucht und du selber merkst, dass sich jetzt die Gelegheit bietet ein zwei Worte zu sagen, wirst du es tun. Und die Nachfrage tut dann ihr übriges.

Ich bin nicht an einer PPD erkrankt, doch von meinen Angst- und Panikattacken habe ich meinem Mann ganz langsam berichtet. Tat er es ab, habe ich am Folgetag wieder davon angefangen, habe ihm vom Forum erzählt und vorher natürlich noch von der Therapie, die ich selbst in Angriff genommen habe ohne ihn vorher zu infomieren. Zu guter Letzt habe ich ihm Marikas Artikel in der Freundin zu lesen gegeben, damit er sieht, wie erst ich es mit meiner Situation meine.

Ich kann dir keinen direkten Tipp geben, ist wirklich fast unmöglich. Aber wenn es dir hilft, drucke (wenn dir die ersten Worte fehlen) etwas über Depression bzw. PPD aus oder ein paar Sätze deiner eigenen Vorstellung hier im Forum. Wäre das etwas?

Ganz liebe Grüße und viel Mut
wünscht AmoebeMS
mici

Beitrag von mici »

Hallo Leuchtkäfer,

ich teile Tamanis Erfahrung, dass sehr viele Menschen bereits mit Depressionen zu tun hatten, was einem erst bewusst wird, wenn man sich selbst ein wenig öffnet. Dies zu wissen macht es vielleicht leichter, den ersten Schritt zu wagen.
Mein Tipp lautet noch dazu: Warte einen günstigen Moment ab! Ich finde es schwieriger, konkret mit dem Vorhaben, meine Mitmenschen über meine Depressionen aufzuklären, auf sie zuzugehen, als abzuwarten, bis sie mich beispielsweise das nächste mal fragen, wie es mir geht. Diese Frage wird oft so nebenbei gestellt, meistens überlege ich gar nicht, wie es mir wirklich geht, sondern antworte oftmals mit: "Danke, und selbst?" Der andere merkt dann meistens gar nicht, dass ich nicht geantwortet habe, sondern die Frage einfach zurückgegeben habe. Stattdessen könntest Du beim nächsten Mal antworten: "Tja, um ehrlich zu sein, habe ich gerade einen kleinen Hänger." Damit untertreibst Du zwar ein wenig, aber Du verschreckst den anderen auch nicht gleich und kannst von da aus Stück für Stück vorfühlen, was der andere verträgt.
Ich stand vor einigen Jahren genau vor der gleichen Situation wie Du. Ich wusste einfach nicht, wie ich meinen Eltern, Freunden und Bekannten sagen sollte, dass ich Depressionen habe, viermal die Woche zur Therapie renne und AD´s schlucke. Ich bin schließlich sehr langsam erst darein gewachsen. Meine Eltern zB. hat mein Mann aufgeklärt. Er konnte eines Tages einfach nicht mehr mit der Sorge um mich alleine sein und in Absprache mit mir hat er sich mit meinen Eltern zusammengesetzt. Wir hatten uns vorher genau überlegt, was er ihnen sagen soll; dabei haben wir auch entschieden, dass er ein paar Details (vorläufig) auslassen soll (dass ich mich geritzt habe, z.B.). Das hätte sie einfach überfordert, traurig und hilflos gemacht. Bekannten gegenüber habe ich mich darin geübt, über meine Erkrankung zu sprechen. Bei ihnen kam es mir nicht darauf an, ob sie sich anschließend von mir abwenden würden oder nicht. Ich habe dadurch herausgefunden, welche Fragen sie an mich haben, welche Beobachtungen sie mit mir gemacht haben und in welche Schublade sie Depressionen stecken. Die meisten waren der Krankheit gegenüber augeschlossen, so dass ich irgendwann den Schritt gewagt habe, gute Freunde einzuweihen. Ich kann sagen, dass es sich lohnt, die wichtigsten Menschen in seinem Leben einzuweihen. Die meisten Freunde haben mich fortan unterstützt, mit den meisten von ihnen haben die Gespräche eine neue Tiefe gewonnen, viele von ihnen haben sich selbst in Krisensituation an mich gewendet, was worher nicht der Fall war. Zu einigen habe ich heute allerdings auch keinen Kontakt mehr, manche von ihnen haben sich einfach von meiner negativen Aura angesteckt gefühlt; ich war ihnen nicht mehr fröhlich genug. Ich bin heute nicht mehr traurig darüber, dass ich zu diesen Menschen keinen Kontakt mehr habe. Man kann sagen, dass es ohnehin nur oberflächliche Bekanntschaften gewesen sein können. Sie haben sich eben nicht als krisenfest erwiesen und es ist doch gut, dass man das früher oder später rausgefunden hat.

Ich weiß noch, dass ich mich oft dabei ertappt habe, in Gesprächen mit meinen Freunden die Wörter `Depression` und `Erkrankung` zu vermeiden. Viele haben ja ziemliche Vorurteile gegenüber depressiv erkrankten Menschen und ich wollte es ihnen so einfach wie möglich machen, mich zu verstehen und nicht abzustempeln. Insofern habe ich am Anfang immer von Schwermut, Ernsthafigkeit, Nachdenklichkeit, Krise etc. gesprochen. Das hat die meisten Menschen dann wieder neugierig gemacht, ohne dass sie eine vorgefertige Meinung hatten.
Für mich hat das Leben `nach der Depression` eine neue, positive Qualität gewonnen. Dies u. a. auch deshalb, weil ich von den Menschen, die mich umgeben, weiß, dass sie um mich wissen und mich trotzdem noch mögen. Das war vorher nicht der Fall. Es sind zwar auch, wie beschrieben, Menschen auf der Strecke geblieben, aber die können dann auch schon vorher nur einen eingeschrenkten Wert für mich gehabt haben, weil sie schließlich nicht in letzter Konsequenz von mir wussten.
Meine Erfahrung bezüglich der Aufklärung meiner Mitmenschen über meine Depressionen beziehen sich in erster Linie auf die Depressionen, die ich vor der Geburt hatte und die also nichts mit der PPD zu tun hatten. Bei einer PPD ist ja zu nahezu 100 % gesichert, dass man wieder gesund wird. Da stellt sich für mich die Frage, ob es nicht vielleicht besser wäre, den Kreis an Leuten, die Bescheid wissen sollen, möglichst klein zu halten, um sich nicht zusätzlich noch damit zu belasten, wenn sich Menschen abwenden. Ich habe es so gemacht, dass ich erst nach der PPD den Kreis derjenigen langsam erweitert habe, die ich eingeweiht wissen wollte. Dies habe ich nach und nach getan, um mich nicht zu überfordern. Manche guten Freunde sind bis heute nicht richtig im Bilde, aber das stört mich auch nicht weiter. Ihnen gegenüber war es mir einfach zu anstrengend, erlären zu müssen, wie es sich anfühlt, was im Detail mit mir los ist etc.
Als ich damals an `ganz normalen Depressionen`erkrankt war, da hab ich mich einfach nicht weiterhin in der Lage gesehen, meinem bisherigen Freundeskreis gegenüber so tun als wäre nichts, ohne zu wissen, wie hartnäckig sich meine Depressionen halten würden. Ich wusste, ich würde nur mit diesen meinen Freunden befreundet bleiben können, wenn ich sie aufkläre. Und das hat sich auch ausgezahlt.
Maike

Beitrag von Maike »

Hallo Leuchtkäfer,

ich hatte Dir ja ebend schon in der Vorstellungsrunde geschrieben.

Mal ganz davon ab, dass ich ja darüber reden konnte, habe ich zum Beispiel meinen Eltern mein erstes geschriebenes zu lesen gegeben. Dort wo ich das erste mal alles von mir gelassen habe! Ich habe es meinem Vater einfach per mail geschickt. Es wirkt sehr unpersönlich, aber dennoch fühlte ich mich damit wohl/frei! Vorallem weil ich so ein schlechtes Gewissen hatte meiner Mutter gegenüber! Sie war für mich kein Halt, was mich selber sehr verletzt hat. Denn sie hat alles getan für mich! Mein einziger Halt war damals meine Hebamme!
Auch einiger meiner Freunde hab ich das damals per mail geschickt!

Und als Resultat kann ich nur sagen, dass ich immer Zuspruch, Verständnis und Geborgenheit erhalten habe!

LG
Tamani

Beitrag von Tamani »

Hallo Leuchtkäfer!

Ich denke auch, Mici hat recht damit, daß Du nicht jeden einweihen mußt, um Dich, wie sie es ausgedrückt hat, nicht zusätzlich zu belasten, weil sich Menschen abwenden. Meine depressionen fanden ja auch vor der Geburt statt und waren keine PPD und darüber wissen auch nicht alle bescheid, sondern nur die, die ich wie Mici in einem mir passend erscheinenden Moment eingeweiht habe oder die es halt durch den Klinikaufenthalt mitbekommen haben. Von meiner PPP nach der Geburt wissen auch nur meine engsten Freunde und Verwandten genau bescheid, obwohl ich sie nicht geheim halte. Ich finde, es muß aber auch nicht jeder wissen, jetzt geht es mir wieder gut und leider ist gerade die PPP noch mit vielen Vorurteilen behaftet, von wegen Kindstötung usw., was zum Glück genau wie bei der PPD nur äußerst selten vorkommt. Ich verheimliche es aber auch nicht, und wenn das Gespräch bei Bekannten auf die ersten Wochen nach der Geburt kommt und ich gefragt werde, wie wir diese Zeit verbracht haben, schildere ich kurz, ohne ins Detail zu gehen, meine Erkrankung. Bisher reichte das auch allen völlig aus und sie haben nicht weiter gebohrt. Meist wurde mir Mitgefühl und Verständnis entgegengebracht, einige konnten damit aber auch nicht viel anfangen und dabei hab ich es dann auch belassen. Kaum jemand kennt ja wirklich das Beschwerdebild einer PPD und mit einer PPP sieht es noch schlechter aus. Die meisten dachten, das wäre ein-und dasselbe.
Mach Dir einfach keinen Stress, laß die Gespräch auf Dich zukommen und höre auf Dein Gefühl, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Liebe Grüße,

Tamani
Leuchtkäfer

Danke

Beitrag von Leuchtkäfer »

Danke für Euren vielen Tips.

Vor allem, daß ich mir vorher überlege, was ich sage, es eventuell auch aufschreibe und dann eine gute Situation nutze, ist eine sehr gute Idee.
Ist doch krass, daß man (also ich) selber im Moment nicht mal auf sowas Naheliegendes komme, ich kenne mich so gar nicht...

Vor allem, was Du mici gesagt hast, hat mich irgendwie berührt und auch getroffen. Genauso wie von Dir beschrieben sind meine Beziehungen bisher: Ich bin die Starke, Unabhängige, also brauchte ich bisher keine Hilfe. Echte Freunde, denen ich über meine Geüfhle (die natürlich keineswegs immer stark und sicher waren) gibt es nicht. Bei meiner Familie ist es genauso. Das hat mich echt betroffen gemacht, das zu bemerken. Daran kann wohl nur ich was ändern...

Nochmal Danke für Eure Tips, ich habe das Gefühl, ich kann sie gut umsetzen,

Grüße von Leuchtkäfer
Antworten