Freundin und Alltag

Austausch alltäglicher Sorgen oder Freuden

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Leuchtkäfer

Freundin und Alltag

Beitrag von Leuchtkäfer »

Hallo zusammen,

ich möchte wieder einmal Eure Meinung zu einer Frage hören.

Ich bin gerade bei einer Kindheitsfreundin. Wir hatten gute und schwierige Jahre, haben aber immer unsere Freundschaft aufrecht erhalten und wissen, was wir aneinander haben.

Daß es mir schlecht geht habe ich ihr damals sehr spät gesagt. Da war ich schon in der Klinik und sie rief zufällig an. Zu dem Zeitpunkt wußten es einige Menschen, die direkt vor Ort waren, mehr eh nicht.
Sie war betroffen und ich tat ihr leid.
Seit diesem Gespräch haben wir ein paar Mal telefoniert. Ich habe von mir aus ab und zu etwas erzählt, aber nie viel.

Jetzt sehe ich sie das erste Mal seit dieser Zeit. Es ist wie früher, aber irgendwie wird die Depression komplett ausgespart. Ich habe wieder ab und zu etwas erwähnt, es kommen aber nie Nachfragen.
Sie macht auf der Arbeit eine schwere Zeit durch und erzählt viel davon.

Mir macht es nicht viel aus, daß ich ihr nicht viel erzähle. Mir geht es gut, ich kann mir ihrer Sorgen gut anhören und ihr helfen.

Ist das einfach Normalität? Ist das Alltag in einer Freundschaft? Daß nun meine Sorgen kleiner sind als ihre und deswegen nicht so Thema sind? Vor allem, daß ich mir das auch nicht unbedingt wünsche. Heißt das, daß sie mir weniger bedeutet, weil ich das alles mit ihr nicht nochmal durchkauen will?
Ich würde ihr alles erzählen, was sie wissen will, wenn sie fragen würde, aber von selbst habe ich gar nicht das Bedürfnis.

Soll ich mich darüber freuen und aufatmen, daß das wieder Normalität und Alltag ist?
Komisches Gefühl...

Grüße von einem nachdenklichen Leuchtkäfer
lotte

Beitrag von lotte »

Hallo Leuchti,

Freu Dich und atme aus! Wenn Deine Freundin von sich aus nicht nach der Depri fragt - und Du ganz gut damit alleine klarkommst: was für ein tolles Gefühl, oder? - dann sind jetzt eben andere Themen dran. Ich finde es super, dass Du nicht mehr den "Drang" hast, alles noch mal aufzubereiten. Manche Dinge lässt man dann wenn sie durch sind, einfach mal ruhen ;)

Geben und Nehmen. Und vergiss nicht, jeder verarbeitet Sorgen usw. anders: der eine erzählt viel darüber, der andere macht es mit sich aus.
Deine Freundin bedeutet Dir viel, sonst würdest Du ihr ja nicht zuhören. Und sie braucht Dich jetzt auch anscheinend - verstärkt wegen ihrer Sorgen auf der Arbeit.

Freu Dich drüber, dass Du ihr mit Zuhören helfen kannst. Und das Deine "Krankheit" nicht mehr so im Mittelpunkt steht.
Ein gutes Stück in Richtung Gesundsein, findest Du nicht?

LG
Lotte
bambam

Beitrag von bambam »

Hallo Leuchtkäfer!

So wie ich das sehe weiß deine Freundin nicht so recht, wie sie mit dir und dem Thema Depression umgehen soll...

Stell dir mal vor, es wäre umgekehrt. Würdest du sie gleich fragen wie es ihr geht oder was die Depri so macht?

Ich glaube nicht, dass sie deine Sorgen und Probleme als "kleiner" ansieht sondern sie einfach verunsichert ist. Hast du ihr mal gesagt das es für dich kein Problem ist, mit ihr über deine Probleme und die Depression zu sprechen?

Letztendlich denke ich, dass sie bei eurem Treffen so "neutral" wie möglich sein wollte. Sprich sie darauf an. Wenn sie damit ein Problem hat weißt du wenigstens Bescheid. Dann könnt ihr das Thema immer noch übergehen. Wenn nicht hast du das geklärt und musst dir keine Gedanken mehr machen... :wink:


Ganz liebe Grüße,
Bambam
Deria

Beitrag von Deria »

Liebe Leuchtkäfer,

wenn wir durchs Tal gewandert sind, Hilfe und Unterstützung erhalten haben, einen langen Weg gegangen sind, mit allen Höhen und Tiefen und vielen Ängsten und Gefühle, so sind wir auch innerlich gewachsen.
Du bist vll. nicht mehr die Leuchtkäfer, die du vor langer Zeit einmal warst.
Du hast dich verändert, sie hat sich verändert. Sie verändert sich immer noch und du wirst es auch. Das ist der Lauf der Zeit und Dinge, die vll. früher nicht so wichtig waren, erhalten heute mehr Wichtigkeit. Und umgekehrt, Dinge, die früher einmal sehr wichtig waren, sind es heute nicht.
Die Frage ist: fühlst du dich mit ihr weiterhin wohl? Bist du gerne mit ihr zusammen oder fehlt etwas für dich?
Vll. ist sie erleichtert, das du so gestärkt bist und mit deinem "Mehr" an Lebenserfahrung nun für sie mehr eine Stütze bist.
Wenn eure Freundschaft schon soviel ausgehalten hat, frag sie doch mal.
Indem du sie fragst, ob sie Angst vor dem Thema hat oder ob es sie nicht interessiert...ich denke, eine Frage kann ein Mensch schon aushalten.
Vielleicht traut sie sich nicht, vll. hat sie Angst "alte" Wunden wieder aufzureißen. Aber, vll. kann sie auch von dem profetieren, was du schon um dich weißt. Um Konfliktlösung oder innere Unruhe oder oder oder.

Ich kenne das aber auch. Ich habe soviel Menschen kommen und gehen sehen und ich habe viele Freundschaften zerbrochen; weil ich immer die Gebende war und als ich forderte, da drehten sich die Menschen um und gingen. ICH war ihnen zuviel.
Ist es die Angst, auch ihr zuviel zu werden? Welche Erwartungen hast du an sie? Kann sie die erfüllen? Ich frage das so konkret, denn du scheinst ja etwas zu vermissen.
Das Interesse an dir und deiner Welt?
Das fehlt mir oft bei meinen Bekannten (ich wage kaum von FreundInnen zu sprechen); das ich so denke: ja, erzähl ruhig...aber, frag doch auch bitte mal nach mir.
Ich finde, in einer Freundschaft, in einer wahren, hält sich das die Waage. Es kann sich mal verschieben für eine Zeit...aber, so im Nachherein, ja, mir würde da auch was fehlen.

Lg
Deria
Ylaina

Beitrag von Ylaina »

Ich glaube eine Freundschaft ist nie statisch und 'gleichberechtigt'. Natürlich im Endeffekt schon, das ist das wichtige, aber die Kräfte sind immer wieder verschieden verteilt.

Vielleicht bist Du es gerade, oder sie nimmt es sich einfach, weil man das kann in einer Freundschaft. Den anderen fordern. Sie 'darf' das und Du darfst das auch.

Ich glaube das ist alles ganz normal und gut so und richtig.

Versuch es einfach bewußt so zu erleben, wie der Moment es bringt und weniger bewertent darüber nachzudenken. Weißt, was ich mein, oder!? :wink:

Bin echt gespannt. 8)
mici

Beitrag von mici »

Moin, Leuchti,

ich kenne die Problematik sehr gut, von der Du sprichst, wie Du weißt. Es sind ja schon viele Sichtweisen erwähnt worden, wie Du die Situation bewerten könntest. Eine füge ich noch hinzu.

Es ist sicherlich gut, dass es Dir nichts ausmacht, dass sie nicht fragt. Wenn es denn stimmt.Bist Du da ehrlich mit Dir? Das wäre sehr wichtig.
Vielleicht ist es auch so, dass Du kein Bedürnis hast zu sprechen, WEIL sie nicht fragt. So würde es mir gehen. Denn das Bedürnis zu sprechen setzt doch auch immer das Interesse des anderen voraus.

Ich werde von meiner besten Freundin auch nicht zu der schweren Zeit nach der Geburt gefragt. Obwohl sie selber jahrelang mit Depressionen und schwierigen Lebenssituationen zu tun hatte. Aber eben weil sie nicht fragt, habe ich auch kein Bedürfnis zu sprechen.

Gleichzeitig wüsste ich, würde ich alles mit ihr teilen, auch die dunkelsten Gedanken, wenn sie nur fragte. Und das gilt eigentlich nur für sie. Deswegen macht es mich auf eine Art auch einsam, dass sie nicht fragt.
Da ich aber nicht von mir sprechen will, kann ich nur sagen: Ich an Deiner Stelle hätte Befürchtungen, dass sie in Deiner nächsten Krise, die ja evtl. kommt, wieder nicht fragt. D iese Gedanken würden mich traurig machen. Es sei denn, es sind inzwischen andere Menschen an ihre Stelle getreten, mit denen Du Deine dunkelsten Gedanken teilen würdest. Das wäre ja auch in Ordnung; dann besteht der Wert Eurer langjährigen Freundschaft vielleicht vor allem inzwischen in der Langjährigkeit und weniger in der Intensität der Gespräche. Finde ich auch ok. Und dass wir hier alle sowieso die besseren Zuhörer sind, als unsere Mitmenschen, Bekannten und Freunde, ist ja klar.... :wink: Wenn Du ihr also gut zuhören und ihr helfen kannst, ... prima. Ist ja für uns auch so eine Art Zeitvertreib, sich die Probleme der anderen anzuhören, Stellung zu beziehen, Positionen zu vertreten,.... Manchmal würde man sich vielleich trotzdem wünschen, dass andere ebensolches Interesse an derartigen Gesprächen uns zu Liebe hätten! MIr geht es so.

MICI
Sanni

Beitrag von Sanni »

Hallo Leuchtkäfer,

meine Freundin leidet genauso wie ich unter einer Depression. Sie hat mir damals erzählt was mit ihr los ist und ich habe ihr dann auch gesagt was los ist und je nach Bedarf reden wir auch darüber. Ich allerdings weniger wie sie, da ich der Meinung bin, das sie massivere Probleme hat wie ich und ich sie nicht auch noch mit meinen "Kinkerlitzchen" belasten will.

Aber einer wie der andere weiss: Wenn man jemanden braucht, dann ist derjenige auch für einen da.

Lg, Sanni
Leuchtkäfer

Beitrag von Leuchtkäfer »

Hallo Ihr Lieben,

Danke für Eure Antworten. Viele Dinge haben mich zum NAchdenken gebracht. Ich kann mich im Moment nicht darauf verlassen, daß sie bei der nächsten Krise für mich da wäre. Das liegt aber eher daran, daß ich Ihr wahrscheinlich wieder nicht erzählen würde, was mit mir los ist.
Warum ist das so? Wir kennen uns über 20 Jahre, haben eine gemeinsame Vergangenheit, aber haben wir und wollen wir eine Zukunft?
Sie ist mir wichtig, aber ich habe Scheu davor, mich ihr gegenüber schwach zu zeigen.
Sie anscheinend auch, denn heute hat sie mir unter Tränen etwas erzählt, was sie schon seit November belastet. Ich habe ja erst im Zuge der Depression gelernt, etwas offener mit meinen Sorgen und Gefühlen zu sein. Das gelingt mir bei Menschen, die ich neu kennenlerne aber wesentlich besser als bei meinen alten FReunden.
Was ist denn da los? Ich spüre auch eine gewisse Sperre in mir, ihr etwas über mich zu erzählen, dabei weiß ich, daß sie es verstehen würde.
Gehört sie in die Welt der alten Leuchtkäfer, die nach außen hin immer alles super und toll fand und alles konnte und nie schwach war.
Und wie paßt das jetzt zusammen?
ICh weiß es nicht...

Grüße von Leuchtkäfer
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